Outdoor

Hike & Fly | Tandemsprung mit Kick

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Tandemfliegen – klingt einfach, wird aber zum Abenteuer, wenn man vorher mit Sack und Pack via Klettersteig zum Gipfel wandert, mit dem Akrobatik-Weltmeister „Mad Mike“ Küng abhebt und sich beim Start plötzlich die Kante geben muss …

Die Gondelbahn nehmen, die paar Meter zum Startplatz schlappen und dann einfach runterfliegen? „Langweilig“, meint , der in seiner rund 30-jährigen Paraglidekarriere auf 10.000 bis 15.000 Flüge kam und sich durch diverse spektakuläre Aktionen den Beinamen „Mad Mike“ ersprungen hat. So stellte der 1968 geborene Vorarlberger den Höhenflugweltrekord im Paragliden auf, indem er aus einer Höhe von 10.100 Metern mit seinem Gleitschirm von einem Heißluftballon absprang. 2004 war das. 2008 landete er in einem Ferrari-Cabrio, nachdem er aus einem 300 Meter über dem Bodensee fliegenden Zeppelin NT abgesprungen war. Spektakulär waren auch die Überquerung des Ärmelkanals oder Absprünge mit dem Gleitschirm von Hubschraubern, Bergbahnen und Brücken. Ach ja, Akrobatikweltmeister – freilich in der Luft – darf sich Mike auch nennen. Und jetzt macht er mit uns „Hike & Fly“.

Will man mit so jemandem einen Tandemflug unternehmen? Man sollte sogar, denn das mit dem „mad“ bezieht sich nicht auf etwaige fehlende Vorsicht – der Mann, eine echte Gleitschirm-Koryphäe, nimmt die Sache insbesondere bei der Vorbereitung und beim Absprung sehr ernst; um dann beim Flug – Stichwort Steilspiralen, Wing-Over und sonstige Scherze – alle Spaßregister zu ziehen. Rollercoasterfeeling at its best! Doch bevor man in den Genuss kommt, muss man sich diesen erarbeiten: Vor dem an sich gemütlichen Flug steht echte körperliche Anstrengung in Gestat einer Wander- und Klettertour.

Hike & Climb & Fly

Und so wird ein interessantes Kombi-Angebot draus, dass Küng zusammen mit dem Achenseer Bergführer Andreas Nothdurfter im Herbst erstmalig öffentlich anbietet. Es heißt „Hike & Fly, sprich: Vor dem eigentlichen Flug wird gelaufen und geschwitzt. Zum Beispiel von der Rofan-Bergstation hinauf zum 2.261 Meter hohen Spieljoch. Und da der „normale“ Weg auch noch zu langweilig wäre, führt uns Andreas über einen Klettersteig – mit einigen unförmigen Gepäckkilos hintendrauf – schließlich will der rund fünf Kilo schwere Gleitschirmgurt transportiert werden. Eigentlich sollte das Programm „Hike & Climb & Fly“ heißen …

Nach dem obligatorischen Gipfelfoto folgt Teil zwei. Während alle anderen Teilnehmer mit drei, vier ballettartigen Tappern über den Wiesenhang laufen und dann wie im Lehrbuch abheben und in den Tiroler Himmel gleiten, soll es bei mir ganz anders kommen. Der Schuldige: klar, das Wetter! Frischt aber auch wirklich unerwartet rasch auf. Vom knallblauen Himmel, bis gerade noch Grund zur hellen Freude, sind nur noch einige Löcher übrig geblieben.

Der Wolkenanteil nimmt minütlich zu, am Guffert ein paar Kilometer weiter regnet es bereits ordentlich. Und die begleitenden Winde rascheln ordentlich durch die Strippen unseres gar nicht mehr am Boden liegen bleiben wollenden Schirms und machen den Start am geplanten Platz unmöglich. Auch ein paar Meter weiter unten wird nichts draus, einen geschmeidigen Abflug hinzulegen. Also weichen wir auf ein Plateau aus. „Es wird ein unkonventioneller Start“, warnt Mike mich vor.

In der Tat. Denn wir laufen gegen den Hang – aufgrund der veränderten Windverhältnisse. Doch selbst der Plan, nach links abzuheben, um dann in engem Bogen Richtung Tal und Achensee zu gleiten, wird spontan geändert. „Rechts, weiter nach rechts“, dirigiert Mike mich. Vorher hat er mich schon instruiert: „Wenn ich beim Start ,Lauf‘ sage, meine ich eigentlich ,Renn!'“ Von Laufen ist jedoch keine Rede mehr, mittlerweile brüllt er: „Renn! Nach Rechts!“

Äh, wollten wir nicht nach links, denke ich, tu‘ aber wie geheißen. Auch wenn da ein Schneefeld das Rennen erschwert, ein kleiner Felshaufen umkurvt werden will und die Kräfte des Windes in Gestalt des wild hüpfenden Schirmes für einen derart großen Widerstand sorgen, dass ich mir nicht vorstellen kann, noch länger als, sagen wir, 30 Sekunden diesen Kraftakt durchzuhalten.

Sprung ins Nichts

Muss ich auch nicht. Denn jetzt kommt da eine Kante. Eine Kante?! „Renn weiter“, macht Mike jede Spontanbremsgedanken zunichte. Vertrauen ist jetzt alles. Also renne ich weiter und so wird dieser Abflug ein Absprung. Denn der letzte Schritt geht ins Leere, darunter gähnt ein etwa 100 Meter tiefer Abgrund. Und endlich fliegen wir. Selten so erleichtert gewesen. Und so glücklich.

Der Blick auf Karwendel, Rofangebirge und den in verschiedenen Grün- und Blautönen schimmernden Achensee ist einfach atemberaubend. Und die Spezialakrobatikeinlagen des Akrobatikweltmeisters setzen dem Ganzen die Krone auf. Ein großartiger Vormittag – und alles andere als langweilig!

360-Grad-Video: Mit Rundumblick unseren Tandemflug nacherleben! Per Mausklick und – mit dem Smartphone – durch Drehen des Körpers kontrolliert Ihr die Blickrichtung.

Infos

„Hike & fly“ wird am 17./18. September, 22./23. Oktober und 5./6. November angeboten. Weitere Termine auf Anfrage. Und so funktioniert’s: Nach einer Einsteigertour am ersten Tag (ca. 3 Stunden im Anstieg) ist an Tag zwei eine anspruchsvollere Tour vorgesehen – je nach individuellerem Leistungsstand. Bergab geht es dann, sofern das Wetter mitspielt, per Gleitschirm. Der Preis von 399 Euro pro Person wird aber nur bei absolviertem Flug fällig. Weitere Infos gibt es bei



Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von gambleinfo.

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