Länderberichte

Australien | Auf nach Boomahnoomoonah!

Stefan Nink
Geschrieben von Stefan Nink

Kurze Gebrauchsanleitung für das „Traumziel“ Australien. Was Sie schon immer über Sydney, Outback und
Selbstfahrer-Reisen im Mietwagen wissen wollten.

Sydney hat es nicht leicht. Als erste Station der meisten Australien-Reisen wird es meist nur im torkelnden Zustand allerschlimmster Jetlag-Müdigkeit wahrgenommen.

Klar hat man sich ewig viel vorgenommen für seinen ersten Tag, die Harbor Bridge, das Szene-Viertel Darlinghurst, und die Oper wollte man sich anschauen – wenn da bloß nicht ständig dieser Drang wäre, sich kurz …  Nein! Bloß nicht! Dieses Gefühl, als klebten kleine Gewichte auf den Augenlidern, und man weiß nicht mehr so genau, was man gerade eben sagen wollte, deswegen gähnt man lieber schnell noch einmal.

Dösen statt Darlinghurst?

Bevor man merkt, dass man gerade dann doch für ein paar Sekunden eingenickt sein muss. Nein, Auf keinen Fall darf man sich an den Strand legen! Und auch nicht auf den Rasen im Hyde Park! Die dort liegen – das sind Einheimische! Die dürfen das!

Was hilft? Zum Beispiel essen. Auf dem Fischmarkt, Seafood von heute Morgen, frischer geht’s nicht. Und anschließend läuft man hinüber zum Circular Quay, kauft sich eine Fahrkarte für die Fähre und hält auf der Strecke hinüber nach Bondi Beach das Gesicht in den Wind.

Easy going und aktuelle Kunst am beliebten Bondi Beach in Sydney

Easy Going und aktuelle Kunst am beliebten Bondi Beach in Sydney

Es mag schönere und leerere Strände in Sydney geben (das der Australier Siddnie ausspricht) – was Bondi Beach so besonders macht, ist seine Atmosphäre. Seine lässigen Cafés. Die Beats aus den Lausprechern. Und diese unnachahmlichen Surfer-Girls, mit ihren Sommersprossen und Grübchen, denen bei jedem Windstoß vom Meer eine salzwassergestärkte Strähne in die Stirn weht, als wüssten sie ganz genau, wie sie den Kopf halten müssen, damit das passiert. Und von denen man träumen kann. Gleich, wenn man einschläft.

Geheimnisvolles Outback

Mit dem Outback ist das so eine Sache. Jeder kennt es (zumindest vom Hörensagen), jeder glorifiziert es (so weit! so leer! so majestätisch!), aber niemand scheint auf einer Fahrt ins Landesinnere genau zu wissen, wo es denn eigentlich beginnt.

Auf die Hinweise der Großstädter darf man dabei nicht hören, die empfinden schon ihren Vorgarten als Wildnis und wagen sich selten weiter als 100 Kilometer ins Land hinein.

Auf dem Kuniya Walk kann man bequem den Uluru Kata Tjuta National Park zu Fuß erkunden

Auf dem Kuniya Walk kann man bequem den Uluru Kata Tjuta National Park zu Fuß erkunden

Man verlässt sich besser auf die eigenen Sensoren. Also: Wenn man sich plötzlich winzig vorkommt in dieser Weite, wenn die Monotonie der Landschaft im Laufe der Kilometer wie ein szenisches Valium wirkt und eine beinahe hypnotische Wirkung entfaltet, wenn man lieber einmal zu viel als einmal zu wenig die Tankstelle anfährt und sich anschließend schon nach wenigen Minuten dabei ertappt, dass man schon wieder auf die Tanknadel schaut: Dann ist man im Outback.

Willkommen in Mullumbimby

Die Siedlungen dort draußen tragen seltsame Namen. Borroloola. Cunnamulla. Coonabarabran. Mullumbimby. Oder Boomahnoomoonah. Trotz dieser vielen Silben bleibt das Land kolossal leer – Australiens Outback ist das unbewohnteste Stück Erde auf dem Planeten.

Und eine Gegend, die vielen Menschen in Sydney, Brisbane oder Melbourne Angst macht – auch wenn sie das nie im Leben zugeben würden. Angst? Australier verstehen sich noch immer als Pioniere, und Pioniere haben keine Angst. Wäre ja noch schöner.

Sicher der Traum eines jeden Seglers: einmal durch den Hafen von Sydney schippern

Der Wunschtraum eines jeden Seglers: einmal durch den Hafen von Sydney schippern

Es ist diese Grundeinstellung, die das Verhältnis zwischen Mensch und Outback geprägt hat. Und vielleicht ja auch die rücksichtlose Umweltzerstörung der letzten Jahrzehnte erklären kann. Gut möglich, dass der Raubbau an der Natur von Anfang an auch eine Art Verteidigungshaltung gewesen ist. Ein Land, das man abfackeln, aufreißen und ausschürfen kann. Das ist schließlich längst nicht mehr so überwältigend und bedrohlich.

Die Ureinwohner

Sie sind die Unsichtbaren. Es ist, als seien sie nicht da. Und wenn, dann immer nur an den Rändern. An den Rändern des Gesichtsfeldes, an den Rändern der Gesellschaft.

Auf Parkbänken, neben verbeulten Autos am Straßenrand, im Vorraum eines Supermarktes. So gut wie nie scheinen sie Teil der Gesellschaft zu sein, sie sind keine Verkäufer und keine Bankangestellten, keine Tankwarte oder Lastwagenfahrer, keine Krankenschwestern oder Rezeptionisten. Australiens Aborigines gehören nicht nur nicht dazu: Es ist, als seien sie nicht da.

Der Dornteufel, eine Echsenart, lebt in den Trockengebieten Zentral- und Westaustraliens und ernährt sich ausschließlich von Ameisen: dazu stellt er sich einfach neben eine Ameisenstraße und saugt die Insketen einfach auf

Schön hässlich: Der Dornteufel, eine Echsenart, lebt in den Trockengebieten Zentral- und Westaustraliens und ernährt sich von Ameisen: dazu stellt er sich neben eine Ameisenstraße und leckt die Insekten mit der Zunge auf

Dabei sind sie länger hier, als man sich vorstellen kann. Seit 45.000 Jahren, mindestens. Als die Engländer Ende des 18. Jahrhunderts in der Botany Bay die ersten Häuser bauten, lebten zwischen 300.000 und einer Million Aborigines in Australien; Ende des 19. Jahrhunderts hatten Syphilis, Blattern und Gewehrkugeln ihre Zahl auf 50.000 dezimiert. Australiens Ureinwohner galten als Untermenschen, sie wurden gejagt wie Tiere, vergewaltigt und massakriert.

Als das verboten war, nahm man ihnen ihre Kinder: Über 100 Jahre lang riss der Staat die Aborigine-Familien systematisch auseinander. Um sie an die westliche Kultur und Lebensweise zu gewöhnen, wurde die „Stolen Generation“ in kirchliche Erziehungsheime und Internate gesteckt, die meist tausende Kilometer von ihrem Zuhause entfernt lagen. Bis 1969 wurden mindestens 100.000 Kinder von ihren Eltern getrennt. Die allermeisten sahen sich nie wieder.

The Arkaba Walk Rugers Hill Flinders Ranges

Der Arkaba Walk in den Flinders Ranges: Die geführte Wanderung dauert vier Tage, die einzelnen Tagesetappen sind maximal 15 Kilometer lang mit einer Gehzeit von längstens sieben Stunden

Wer Augen und Ohren lange genug verschloss – und das war die überwiegende Mehrheit des weißen Australiens – erfuhr erst durch einen Report vor ein paar Jahren von der Gestohlenen Generation. Dabei hätte man sie überall sehen können. Es sind die an den Rändern, die ohne Heimat, ohne Geschichte, ohne Hoffnung. Sie sind die Unsichtbaren. Als seien sie einfach nicht da.

Tipps für Selbstfahrer

Keine Stress-Etappen!

Darwin–Ayers Rock, Cairns–Sydney und Sydney–Melbourne sind gut mit dem Auto machbar, bei längeren Etappen genügend Pausen einplanen. Große Strecke mit Flugzeug oder Zug. Die Strecke Perth–Melbourne auf dem Eyre Highway ist 3.500 Kilometer lang, die Straße verläuft schnurgerade und völlig eben – hier droht Sekundenschlaf. Stets nach dem Motto „Stop!Revive! Survive!“ agieren.

Welches Auto passt zu mir?

Camper, 4×4 oder „normal“? Bei langen Strecken lohnt es sich auf jeden Fall, ein größeres und bequemeres Auto zu buchen. 4×4 ist rund um Darwin, auf der wilden Variante des Red Center Way etwa, und auch in Westaustralien sinnvoll.

Fuß vom Gas!

Fahren Sie nicht schneller als 100 km/h. Bei Dunkelheit oder Dämmerung nicht durchs Outback fahren. Das Risiko, Wild tiere anzufahren, ist groß – und es entfällt am Ende der Versicherungsschutz.

Volllaufen lassen!

Nutzen Sie jede Möglichkeit zum Tanken, wenn Sie nicht genau wissen, wie weit es zur nächsten Tankstelle ist. Ohne Sprit im Outback liegenzubleiben macht keinen Spaß.

Automatisch entspannt

Die Gewöhnung an Linksverkehr und Rechtslenker fordert anfangs Konzentration. Da schafft ein Automatikgetriebe etwas Erleichterung, das in 70 Prozent der Fahrzeuge zu finden ist.

Verkehrsregeln

Penibel beachten – und nicht nur die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die Strafen sind deutlich härter als bei uns.

Wasser

Nehmen Sie genügend Trinkwasser mit, v. a. bei Fahrten durchs Outback. Bei hohen Temperaturen braucht man drei, vier Liter pro Person und Tag. Bei Fahrten im Outback immer fünf Liter Reserve pro Person und Tag einrechnen und mit einem Verbrauch von bis zu sechs Litern rechnen.

Mietwagen

Mindestalter: 21 Jahre, internationaler Führerschein und Kreditkarte. Mittelklassewagen für eine Woche ab Sydney inklusive Vollkasko auch für Reifen und Glas und aller Kilometer ab 190 Euro (als One-Way-Miete bis Cairns). Tipp: immer mit Klimaanlage! Wer über drei Monate unterwegs sein wird, ist eventuell mit einem Gebrauchtwagenkauf besser bedient.

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INFOS

Anreise

Singapore Airlines fliegt täglich ab Mün­chen/Frankfurt über Singa­pur (Stopover ab 28 Euro pro Person/Nacht) nach Sydney, ab 1.050 Euro, in der  Premium Eco­nomy Class ab 2.359 Euro. Weitere Verbindungen etwa mit Air Berlin, Turkish Airlines.

Einreise

Für die Einreise benötigt man einen gültigen Reisepass und ein Visum, das vor der Reise online im eVisitor-Verfahren einzuholen ist. Das Visum ist zwölf Monate gültig für einen Aufenthalt von maximal drei Monaten


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Über diesen Autor

Stefan Nink

Stefan Nink

wurde 1965 geboren und wuchs in einer Schule auf: Sein Vater war Lehrer in Neuwied am Rhein. Stefan wollte deswegen lange Zeit ebenfalls Lehrer werden. Frühere Berufswünsche waren u.a. „Taktstocker“ (Dirigent ist ein kompliziertes Wort, wenn man drei Jahre alt ist). Er hat stattdessen Politikwissenschaften studiert, Schwerpunkt Internationales Krisenmanagement. Damit war er prädestiniert für eine Laufbahn in der siebten oder achten diplomatischen Reihe. Oder der neunten. Stattdessen volontierte er beim SWR (damals noch SWF) und schrieb lange ausschließlich über Musik, beim „Musikexpress“ und für die „Welt“. Später gehörte er zum Gründungsteam des deutschen „Rolling Stone“ und interviewte Musiker für die ARD und das FAZ-Magazin. Größter Beinahe-Flop: Nach einem Spaghettikochabend bei Lenny Kravitz in NYC verzottelte er ein DAT-Band mit einer Gesangsspur von Kravitz, das er zwei Tage später Mick Jagger in London überreichen sollte. Glücklicherweise tauchte das Band wieder auf und das Duett der beiden dann auf Jaggers nächstem Soloalbum. Stefan begann 1991, Reisegeschichten zu schreiben. Und macht das bis heute. Zum Beispiel für „abenteuer und reisen“. Seine Reportagen wurden in 17 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Im Oktober erschein sein neuer Roman „Sonntags im Maskierten Waschbär“. Wie schon „Donnerstags im Fetten Hecht“ und „Freitags in der Faulen Kobra“ trägt auch das neue Buch starke autobiographische Züge.

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