Länderberichte

Australien | Heiler, Heiler, Segen?

Knud Kohr
Geschrieben von Knud Kohr

Romiromi-Massagen, Traum-Visionen, Kräuterpeelings? Autor Knud Kohr machte sich trotz Multipler Sklerose auf den Weg durch Australiens Busch. Er wollte wissen, ob der Zauber der Aborigines ihm helfen kann.

2005 war ich in Neuseeland unterwegs. Ich erinnere mich noch genau, wie mich der Heiler eines kleinen Stammes durch den Whirinaki-Regenwald in der Nähe der Stadt Rotorua führte. Damals konnte ich – bei meiner MS-Ausprägung ist der Bewegungsapparat in den Beinen am stärksten betroffen – Strecken von mehreren Hundert Metern noch mit einem Stock bewältigen. Als meine Schritte dennoch schwerer und unsicherer wurden, fragte der Heiler nach dem Grund. „Multiple Sklerose“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Mein Gegenüber dachte kurz nach. „Dann musst du ein besonders starker Mensch sein. So eine Krankheit schicken die Götter nur denjenigen, die sie tragen können.“

Mir war unklar, was er damit sagen wollte. Ich kam mir sogar eher veralbert vor. Doch der Satz blieb mir im Gedächtnis. Als die Laufstrecken immer kürzer wurden. Aus einem Stock zwei wurden. Als ich mich nach einem Schub im Sommer 2013 schweren Herzens entschloss, auf einen Elektroscooter umzusteigen. „Wenn du mal wieder nach Neuseeland kommst, melde dich bei uns. Wir werden sehen, was wir für dich tun können“, hatte er damals zum Abschied gesagt. Auch dieser Satz blieb mir in Erinnerung.

Im Rollstuhl durchs Outback

Nun war ich also wieder für „gambleinfo“ auf Tour durch Australien und Neuseeland. Würden die indigenen Heiler mehr für mich tun können als meine Ärzte in Deutschland, die auf jede Verschlimmerung immer nur stärkere Medikamente anboten?

Zwei Dinge vorweg: Den Heiler von damals habe ich nicht wiederfinden können. Und meinen Scooter muss ich immer noch benutzen. Aber dafür lernte ich Heilmethoden kennen, für die mir die meisten meiner Ärzte in Berlin eifrig einen Überweisungsschein ausgestellt hätten – für eine psychiatrische Behandlung.

Jeden Morgen vor sechs Uhr wird es voll auf den Parkplätzen rund um den Ayers Rock, den längst nicht mehr nur die Einheimischen Uluru nennen. So oder so: Ein Foto vom vermutlich berühmtesten Felsen der Welt gehört zum Pflichtprogramm der vielen Tagesgäste im „Red Centre“ von Australien. Gegen halb sieben dann, wenn die Sonne ihren Dienst begonnen hat, sind die Parkplätze wieder leer.

Buschkräuter frisch gepflückt

Bis auf die beiden Aborigines Stanley und seinen 76-jähriger Assistent Lee, die auf uns warten. „Gu-ton Mor-gon“ radebrecht Stanley auf Deutsch. Entfernte Verwandte von ihm verschlug es vor einigen Jahrzehnten nach Deutschland. Von denen lernt man so etwas. Die beiden lassen den Fahrer ein Stück in den Busch fahren. „Alles organisch!“ Lachend weist der weißbärtige Mittsechziger auf die wenigen Pflanzen, die aus der Halbwüste sprießen. „Iss das!“ Stanley gibt mir ein paar Blätter, nachdem er aufmerksam meine Beine beobachtet hat. „Gut für deine Beine!“

Dann soll ich mich auf einen der Campingstühle setzen, die im Schatten einiger Bäume auf uns warten. Als ich ihm von meiner Krankheit erzähle, beginnt er, mich kraftvoll mit seinen Fingerknöcheln vom Hinterkopf in Richtung Nacken zu massieren. „Da hinten sitzt deine Krankheit. Ich versuche, sie in den Rücken zu drücken. Das kann man jeden Tag etwas weiter tun. Bis die Krankheit in deinen Füßen ankommt und in den Boden springt. Dann braucht sie deinen Körper nicht mehr.“

Aborigine Stanley therapiert unseren an Multipler Sklerose erkrankten Autor Knud Kohr

Aborigine Stanley therapiert unseren an Multipler Sklerose erkrankten Autor Knud Kohr

Stanley will mir Visionen schicken

Ganz plötzlich beginne ich zu weinen. Laut und hemmungslos. Irgendetwas, das ich bis dahin gar nicht kannte, muss Stanley auf den ersten Griff erwischt haben. „Aber ich bin morgen doch wieder weg“, höre ich mich wie ein kleines Kind schluchzen. Er nickt. „In den nächsten Tagen wirst du etwas träumen, was du noch nicht kennst. Ich schicke dir Visionen.“

Mit seinen Fingerknöcheln streichelt er den Boden. „Deutschland ist nicht so weit weg. Wir stehen alle auf demselben Boden.“ Dann muss er lachen. „Außerdem habe ich ein Handy. Ruf mich einfach an.“ Jetzt lache auch ich. Die drei Hunde, die mir seitdem manchmal im Halbschlaf erscheinen, habe ich vorher tatsächlich noch nie gesehen.

Zwei Tage später will Frank Ansell mit mir in die Wüste fahren. Sein Markenzeichen, ein schwarzer Hut, wird er während der nächsten fünf Stunden ebenso wenig ablegen wie seine blickdichte Sonnenbrille.

Die Rechnung kommt per Post!

Sein weißer Sportwagen sieht aus, als habe Burt Reynolds mit ihm „Auf dem Highway ist die Hölle los“ gedreht. „Eigentlich wollte ich mit dir in die Wüste fahren. Aber Heilung kann man ebenso auf dem Parkplatz finden“, entscheidet Frank pragmatisch. Nun gut, versuchen wir’s.

Er setzt mich auf eine Bank und bestreicht mich zunächst mit einem aus Kräutern, Bienenwachs und Olivenöl bestehenden „Healing Rub“. Für 30 australische Dollar könne das Wundermittel jeder problemlos auf seiner Homepage bestellen, setzt Frank mich in Kenntnis, während er mich unendlich oft von der Bank aufstehen und jeweils drei Mal Sätze wie „I’m awesome“ oder „My legs are strong“ sagen lässt.

Weil meine Beine aber gar nicht mehr stark sind, beginnen sie irgendwann zu zittern. „Großartig“, jubelt mein Heiler. „Sie wachen auf!“ Aus reiner Verlegenheit gebe ich uns im Hotelcafé etwas zu trinken aus. Frank nimmt die Brille ab. „Das war ein halber Tag. Kostet 500 australische Dollar. Meine Assistentin schickt dir die Rechnung.“ Dann steigt er in sein Auto, das bei der Abfahrt so imposant klingt wie das von Burt Reynolds in, sagen wir, „Auf dem Highway ist wieder die Hölle los“. Die Rechnung ist bis heute nicht angekommen.

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INFOS

Anreise-Tipp

fliegt zweimal täglich ab Frankfurt und einmal täglich ab München über Singapur nach Sydney, Ticket ab 1.190 Euro. Tipp: Mehr Beinfreiheit, breitere Sitze, Top-Filme auf  eigenem 13.3 Zoll-LCD-Monitor und größere kulinarische Auswahl bietet die neue Premium Economy Class (ab 2.360 Euro). Weiterflüge nach Neuseeland von mehreren australischen Städten.

Heiler

Frank Ansell: Von der individuellen Nungkari-Behandlung bis zur Fernheilung per Skype. Heilkräuter ab 20 Euro. Alice Springs, Australien.

: über SEIT Outback Australia (SEIT = Spirit, Emotion, Intellect, Task). Die Agentur bietet Touren im Red Centre an, wie zu den klassischen Sites Uluru, Kata Tjuta, Kings Canyon, MacDonnell Ranges und anderen.

Veranstalter

Individualreisen nach Australien und Neu­see­land organisiert . Weitere Veranstalter sind unter anderem und .


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Über diesen Autor

Knud Kohr

Knud Kohr

Knud Kohr wurde 1966 in Cuxhaven geboren und zog 1985 nach Berlin, wo er Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre studierte und bis heute lebt. Von 1994 bis 1996 arbeitete er als Redakteur. Viele Jahre war er als Reisereporter unter anderem für "gambleinfo" unterwegs. Dann ereilte ihn die Diagnose: Multiple Sklerose. Mit der Verschlimmerung der Krankheit kam das vorläufige Aus für den Beruf. Seit kurzem ist Knud wieder unterwegs – im Rollstuhl. Auch in Neuseeland und Australien. Im Verbrecher Verlag ist eine Sammlung von Reisegeschichten unter dem Titel „Die enge Welt“ (2006) erschienen. Zuletzt kam das Buch „500 Meter. Trotz Multipler Sklerose um die Welt“ auf den Markt, erschienen bei Rütten & Loening.