Länderberichte

Belgrad | Die Mischung macht’s!

Dietmar Denger
Geschrieben von Dietmar Denger

Belgrad hat kaum Superlative zu bieten und doch ist man schnell vernarrt in Serbiens Hauptstadt. Das liegt an der attraktiven Mischung aus fast mediterraner Leichtigkeit, Aufbruchstimmung  und romantischer Habsburger-Grandezza. 

Die klapprige Brankov-most-Brücke verbindet Stadtteile und trennt zugleich Welten. Mittendrauf hat man die perfekte Stadt-Land-Fluss-Idylle im Blick: Hoch über der Save die alte Festung, deren Zinnen im Zickzackmuster den blauen Himmel durchschneiden.

Weiter links mündet die Save in die Donau, dahinter Wälder. Stadteinwärts geblickt die großen Gründerzeit-Häuser, die wie übereinandergestapelt die Altstadt am Hang als bilden, hübsch gekrönt vom barocken Turm der Michaels-Kathedrale mit ihrer vergoldeten Spitze. Unter uns plätschert die Save auf ihren letzten Metern. Keine zehn Minuten später stehen wir in einer Beton-Endlosigkeit, auf dem riesigen Platz vor dem „Palast Serbiens“, wie eines der größten Gebäude Europas heutzutage heißt, von dessen unzähligen Räumen nur noch wenige benutzt werden. Die sozialistische Moderne nahm auch im einstigen Machtzentrums Jugoslawiens eine beängstigende Dimension an, die für das heutige Serbien ein paar Nummern zu groß ist.

Kleine Zeitreise mit dem Rad

Mit dem Rad aus der Altstadt hinüber nach Novi-Beograd, dem neuen Belgrad, das ist ein Traum für Ostalgiker und eine Zeitreise, bei der man nicht weiß, was einem eigentlich ferner liegt, der Gigantismus aus Titos Zeiten oder die tollen Zugbrücken der mittelalterlichen Burg. Genau diese Kontraste machen aber die Radtour mit Ralph van der Zijden spannend. 2011 zog der Niederländer aus Den Haag nach Belgrad, nachdem er zuvor schon viele Jahre beruflich auf dem Balkan zu tun gehabt hatte.

Von der Hausboot-Bar "Svemirska Kafana" auf der Save bestaunt sich die nächtliche Kulisse von Belgrad am schönsten

Von der Hausboot-Bar „Svemirska Kafana“ auf der Save bestaunt sich die nächtliche Kulisse von Belgrad am schönsten

Routen durch Belgrad

„I bike Belgrade“ heißt sein kleines Unternehmen, bei dem er auf verschiedenen Routen Besuchern die Stadt auf halbtägigen Touren zeigt. Und dabei erzählt, wie er sich schon bei seinem ersten Besuch in die Stadt verliebte. Das war kurz nach den Nato-Luftschlägen 1999. Dass in Belgrad immer was los sei, wie Ralph schwärmt, bekam zur Zeit des Kosovo-Krieges,  als die Nato recht treffsicher militärische Einrichtungen in der ganzen Stadt bombardierte, eine sehr unmittelbare Bedeutung.

„Die Angriffe waren ja angekündigt. Belgrader Freunde erzählten mir, dass man sich nach einigen Tagen dann überall draußen getroffen hat, um das Feuerwerk zu beobachten. Das sagt schon einiges über die Mentalität hier aus.“

Schräger Balkan-Pop

80 Mal, so ist zu lesen, sei Belgrad in seiner Geschichte schon angegriffen worden. Das macht gelassen. Und zwischen den Welten lag die Stadt schon oft. Lange markierte Serbien die Grenze zwischen  Habsburger und dem Osmanischem Reich.

Das macht ein bisschen kosmopolitisch. Die Mischung aus West und Ost ist zu sehen: Ein ganz eigener serbisch-osmanischer Baustil war lange Zeit en vogue, beispielsweise an der ehemaligen Residenz der Fürstin Ljubica, in dem heute ein Museum untergebracht ist. Man schmeckt es in der Serbischen Küche (in der Regel Fleisch mit Fleischbeilagen, doch zum Glück gibt’s auch internationale Auswahl an Restaurants), vor allem aber hört man es – sei es in den schrägen Dissonanzen der Volksmusik oder beim Balkan-Pop.

Chillen kann man auch tagsüber - etwa in der schwimmenden Lounge "TAG"

Chillen kann man auch tagsüber – etwa in der schwimmenden Lounge „TAG“

Bars und Clubs an der Save

Apropos Musik:  Belgrad hat sich in den vergangenen Jahren fleißig einen Ruf als Partystadt erarbeitet. Wie viele andere Freizeitbeschäftigungen der Belgrader, so spielt sich auch das Ausgehen an oder besser auf den Flüssen ab.

Vor allem die Save aufwärts reihen sich die Bars, Lounges und Clubs auf den Hausbooten aneinander. Gefälliger Elektro, dabei gern House, ist auf den meisten angesagt, aber selbst Metal-Fans werden fündig im riesigen Angebot. Auch viele Restaurants sind auf Save und Donau zu finden. Will man sich am ersten Abend nicht groß anstrengen,  sind vor allem die Locations vis-à-vis der Altstadt ein Garant, sich ganz schnell in die Stadt zu verlieben. Die nächtliche Silhouette über der Save kann es in Sachen Romantik-Faktor locker mit Budapest aufnehmen!

Klasse: Kalemegdan-Park

Ansonsten ist die Festung auf der anderen Seite perfekter Ausgangspunkt oder Endpunkt einer Belgrad-Runde. Am besten beides, denn der große Kalemegdan-Park mit der gewaltigen Burganlage hoch über Save und Donau ist zu jeder Tageszeit klasse. Direkt an den Park schließt die Fußgängerzone Knez Mihailova an, das Herz der Stadt mit schönen Jugendstil- und Gründerzeithäusern, Brunnen, Straßenmusikern, Cafés und Restaurants. Vor allem aber eine Einkaufsstraße mit Charakter, vielen Belgrader Traditionsgeschäften und Künstlern!

Fantasievolle Graffiti

Kunst ist in Belgrad überall, an den Häuserwänden, in den Parks und selbst an einem ollen Bauzaun in einer Seitenstraße der Knez Mihailova. Der wurde mit fantasievollen Graffiti zum leuchtenden Kunstobjekt gemacht und noch mit blühenden Topfblumen geschmückt. Das riesige Baustellen-Loch dahinter ist lediglich zu erahnen. An dessen Rand ragt nur noch ein letztes Haus des Blocks empor, der hier mal stand. Eine enge Mietskaserne, wohl noch aus vorsozialistischer Zeit. Wie ein Denkmal, das niemand mehr haben will. Ein junges Paar kommt vorbei, sie steigt auf einen Schrankenpfosten vor dem Zaun und lugt neugierig über die bunte Absperrung. Was da wohl wieder gebaut wird? Wahrscheinlich neue Einkaufsläden, vielleicht aber auch was ganz anderes, wieder irgendeine Luftblase eines ausländischen Investors.

Stadt in der Stadt

So wie bei „Belgrade Waterfront“:  Glaspaläste mit Büros und Luxuswohnungen sollen die Bahnhofsgegend am Save-Ufer bald zu einer eigenen Stadt in der Stadt werden lassen. Eine Art Dubai des Balkans. Ein riesiges Modell kann man neuerdings bestaunen, die halbe Stadt ist mit „Waterfront“-Fähnchen beflaggt und ein gigantisches Display vor dem Bahnhof  zeigt das Wunderwerk. Der Haken dabei: Die Belgrader hat man bislang nicht gefragt. Man stelle sich mal vor,  Araber würden nach Hamburg kommen und mit dem Bürgermeister im Hinterzimmer beschließen, dass halb St. Pauli einer exklusiven Retortenstadt weichen muss! Und den Hamburgern setzt man dann das fertige Projekt vor.

Unendliche Geschichte

Im Gegensatz zum Märchen aus dem Orient ist man bei einem anderen Bauvorhaben weiter fortgeschritten, auch wenn es jetzt schon 70 Jahre dauert. Etwas außerhalb der Altstadt, aber von überall zu sehen, türmt sich die riesige Kuppel der Sava-Kathedrale in den Himmel, die ein ähnliches Schicksal hat wie die Sagrada Familia von Barcelona und Berlins neuer Flughafen: Man wird und wird nicht fertig! Da nützt auch kein göttlicher Beistand.

Straßenszene in Zemun, einem Vorort von Belgrad

Straßenszene in Zemun, einem Vorort von Belgrad

Bohème-Viertel Skardarlija

1935 begann man mit dem Bau, dann kam der Krieg, dann der Sozialismus, dann wieder Krieg. Und so hängen bis heute die Malerfolien von den Wänden, als hätte Verpackungsgenie Christo zugeschlagen. Die größte orthodoxe Kirche der Welt, die sich in den Ausmaßen mit Istanbuls Hagia Sophia misst, ist im kleinen Maßstab schon fertig und als Sonderangebot zu erwerben. Das Merchandising im Kirchenraum läuft gleich an mehreren Verkaufsständen. Paris hat sein Montmatre, Wien sein Grinzing, München Schwabing… und Belgrads altes Bohème-Viertel heißt Skardarlija.


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INFO

Hotel-Tipp

: Zentral, direkt an der Einkaufsstraße Knez Mihailova. Schöne, moderne Zimmer und sehr gemütlich. Mit stylishem Restaurant im ersten Stock. DZ/F ab 105 Euro.

 

Web-Tipp

Seite der Tourist Organization of Belgrade

 



Über diesen Autor

Dietmar Denger

Dietmar Denger

Zuhause in beiden Welten – Bild und Text – und bietet Fotoreportagen aus einer Hand: unkompliziert in der Umsetzung vor Ort, stimmig und intensiv im Zusammenspiel von Text und Bildern. Fotografieren und gutes Schreiben lernte er schon früh als freier Mitarbeiter bei Zeitungen und der dpa. Mit Fotos und Texten finanzierte er sich das Studium der Medienwissenschaften und Tourismus-Geographie. Danach folgte ein Volontariat bei „Max“, ehemals das Magazin schlechthin für Foto-, Design- und Popkultur. Später war er Redakteur bei „gambleinfo“ und leitender Redakteur beim „ADAC reisemagazin Traveller“. Mit Reportagen aus aller Welt lebt er seine Begeisterung fürs Reisen, mag bei der Fotografie Menschen ganz nah ebenso wie Stadtporträts, grandiose Naturlandschaften genauso wie Lifestyle, Design und Architektur. Zeitgemäße Themen und Motive für seine zweite Leidenschaft Berge findet der gebürtige Westfale zwischendurch immer wieder gern rund um seine Wahlheimat in den Bayrischen Alpen.