Länderberichte

Berlin | Die Craft-Protze

Frank Schoch
Geschrieben von Frank Schoch

Berlin ist Deutschlands Hauptstadt für Craft Beer. Wohin
man hier blickt: kreative Typen und unglaublich gutes Bier.
Einfach berauschend. Lesen, hinfahren – und genießen!
Fotos: Lutz Jäkel

 

 

Wer Craft Beer – meist als handwerklich, mit eigenem Charakter und in kleinen Mengen gebrautes Bier verstanden – mag, ist in Berlin richtig. Bald 50 Mikro-Brauereien zählt die Metropole momentan. Und weit über 100 Kneipen, Cafés und Restaurants mit Craft-Beer-Auswahl. Schon allein deshalb ist ein Biertrip in die Bundes-Kapitale keine Sauftour, sondern eine Genuss- und Entdeckungsreise, die man zu jeder Jahreszeit unternehmen kann.

Und kupfern glänzt die Brauanlage

Einer der wenigen Berliner, dessen Biere man mit etwas Glück auch überregional bekommt, ist Thorsten Schoppe. Schoppe ist ein Kraftbolzen, ein Urgestein. Und ein sehr angenehmer Mensch, der zuletzt im „Pfefferbräu“ seine Brauheimat gefunden hat, einem wunderschön sanierten Areal mit Theater, Braugasthaus und Innenhof-Biergarten, das kein Mensch hinter den hohen Mauern und dem unscheinbaren Zugang vermuten würde.

Rotes Craft Beer – dank Spezialmalzen

Hier braut er von präzise gehopften Standards wie Pilsner, Molle (das Berliner Helle) und seinem Dunklen „Berliner Schnauze“ bis hin zu Spezialbieren eine beachtliche Bandbreite für eine Kleinbrauerei. Für ihn stellte sich vor 15 Jahren die Frage: Industrie oder Selbstständigkeit. Er wollte auf sich selbst vertrauen. Als wir ihn besuchen, tüftelt er gerade an einem tiefrot leuchtenden Bier namens „Ehrmaier’s Ernte“, ein Single Hop German Cascade Red Ale. Aha! Also ein obergäriges Pale Ale, dem Spezialmalze die rötliche Farbe und das Geschmackskorsett verleihen und das ausschließlich mit Cascade-Hopfen gebittert und aromatisiert wird.

Pfefferbräu, ein integratives Projekt, bei dem Menschen mit Handicap voll mitarbeiten

Pfefferbräu, ein integratives Projekt, bei dem Menschen mit Handikap voll mitarbeiten

Hopfen aus der Hallertau

Josef Ehrmaier ist ein junger Hopfenpflanzer in der Hallertau, der auf dem besten Hopfenfeld seines Familienbetriebs den US-Hopfen Cascade neu angebaut hat, den Hopfen für Craft Beer schlechthin. Den, nach dem alle rufen und der so schwer zu bekommen ist. Nur, das geht nicht so schnell, das braucht ein paar Jahre Vorlauf. Und als es 2015 endlich so weit war, kamen die Wetterkapriolen und der Ertrag blieb weit unter den Erwartungen, Ehrmaier musste den Preis seines Edelhopfens anpassen. Da wurden die meisten der lauten Rufer schnell wieder stumm und importierten weiter aus den USA. Thorsten Schoppe nicht, der hat großzügig eingekauft. So ist er.

Craft Beer mit Vanille-Aroma

Er ist auch der Mann, der ein „Katerfrühstück“ brauen kann, ein Vanilla Stout, das man in Bayern so gar nicht brauen dürfte. Das ist nicht nur tiefschwarz und sehr stark (zwölf Prozent!), sondern enthält auch noch in jedem Sud ungefähr 200 „mühsam von Hand ausgeschabte“ Vanilleschoten. Ein Elixier! Zwei- bis viermal pro Woche kann man Schoppe beim Brauen sehen und ab und zu sogar einen Braukurs bei ihm buchen. Oder einfach – frischer geht’s nicht – sein Bier im „Pfefferbräu“ trinken. Manchmal – kein Rausch – läuft dort sogar Ai Weiwei vorbei, denn der hat sein Berliner Atelier im hinteren Teil des „Pfefferbräu“-Areals.

Bierlieb

Holger Trabant und Cristal Jane Peck von „Bierlieb“

Bierlieb – ein Treffpunkt für Hobbybrauer

Holger Trabant und seine australische Partnerin Cristal Jane Peck machen in ihrem „Bierlieb“ in Friedrichshain ihre Kunden glücklich. Auf ihre Art. Keine Kneipe, aber auch viel mehr als ein Laden ist das „Bierlieb“ und eine Anlaufstelle für Bierfans und Hobbybrauer, die dort mit Malz, Hopfen, Hefe und diversen Brau-Utensilien alles Nötige finden.

In einem ehemaligen Kutscherhaus im Hinterhof führt der frühere Tischler und Architekt selbst Braukurse durch und jeden Donnerstag gibt’s Tastings zum Bier-Lernen. Highlight seiner stattlichen Bierauswahl ist übrigens ein Kuriosum, eine „Snap Fridge“ für Hobbybrauer: Stellt man eins rein, darf man auch eins rausnehmen. Mal sehen, was die anderen so zaubern.

Christoph Flessa verwendet gern Bio-Hopfen aus Bayern

Christoph Flessa veredelt seine Biere gern mit Bio-Hopfen aus Bayern

Quereinsteiger aus dem Hinterhof

Christoph Flessa ist mit seiner Hinterhofbrauerei in Friedrichshain wohl der Berliner Kiez-Brauer schlechthin. Und Flessa braut sehr gekonnt Biere, die sehr gut zugänglich sind. Traditionelle Sorten wie Pils, Helles oder Weizen, die er mit bayerischem Bio-Hopfen veredelt. Und da er selbst Quereinsteiger ist und aus eigener Erfahrung weiß, wieviel Lehrgeld man bei seinen ersten Brauversuchen bezahlt, bietet er Intensivbraukurse an, bei denen man richtig was lernt: eine Person, ein ganzer Tag.

Heidenpeters

Heidenpeters ist bekannt für sein hervorragendes Pale Ale

Ein Braukünstler aus Berlin

Die „Markthalle Neun“ liegt mitten in Kreuzberg. Dort hat Johannes Heidenpeters seine Brauheimat gefunden: im Keller. Heidenpeters ist der überregional wohl bekannteste Berliner Brauer. Das liegt an seinem Background als Künstler (worüber man gern schmunzelt), aber auch an seinen Bieren, vor allem an einem: Sein Pale Ale gilt als eines der besten in Deutschland gebrauten Biere dieses Stils.

Wenn man sieht, wie die Jungs da im Keller rackern, das meiste von Hand machen, für Maschinen ist kaum Platz, die Decken niedrig, die Brauanlage ein Prototyp, dann wird eines schnell klar: Johannes ist ein Naturtalent. Ein Braukünstler aus Berlin.

"Bierlieb": Treffpunkt für Craft-Bier-Fans und Hobbybrauer

„Bierlieb“: Treffpunkt für Craft-Bier-Fans und Hobbybrauer

Frisch gezapft in der „Markthalle Neun“

In der „Markthalle Neun“ hat Heidenpeters auch einen kleinen Ausschank, ganz hinten im Eck. Den aufzusuchen empfiehlt sich besonders jeden Donnerstag, beim Street Food Thursday. Dann gibt es Entdeckungen wie die neuen Street-Food-Stars von „Bone Berlin“: schwedische Bukfylla-Waffelburger oder Räucherfisch von „Glut & Späne“. Und dazu ein Bier von Johannes. Oder zwei. Einfach perfekt!

Hier gibt es noch 25 Menge reportergetester Restaurant-, Brauerei-, Biergarten und Schlemmer-Tipps


Info

Hotel-Tipps

Ruhepol am Zoologischen Garten. Besonders schön sind die Jungle- Zimmer mit Panoramablick und Hängematte. Die „Monkey Bar“ im 10. Stock ist legendär, im „NENI Berlin“ gibt es orientalisch-europäische Fusionsküche und Münchner Hacker-Pschorr vom Fass. DZ ab 130 Euro, Budapester Straße 40

 

Liebevoll restaurierte Wohnwägen und Hütten verstecken sich im Neuköllner Hinterhof in Fabrikhallen. Camping-Flair meets Industrie-Chic. Zimmer gibt’s zur Not auch. Wohnwagen und Hütten ab 70 Euro, DZ ab 75 Euro, Hobrechtstraße 65

Web-Tipp


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Über diesen Autor

Frank Schoch

Frank Schoch

Stolzer Niederbayer, der seit zwei Jahrzehnten in München lebt. Hat schon in der Schule seine erste Zeitung gegründet. War später Radiojournalist und Marineoffizier (die Seemeilen reichen locker für eine Erdumrundung), dann Touristiker und Marketingmensch. Schreibt seit 15 Jahren über Hotels und Kreuzfahrtschiffe, Köche und Kuriositäten. Mag keine Hitze, aber Skifahren, Eishockey – und die Wüste. Liebt seine Familie, seine Podenco-Hunde, den Wald, New York und asiatische Küche. Würde gerne so schreiben wie Ford, so bauen wie Piano, so singen wie Plant und so kochen wie César Ramirez. Hat schon vor über 20 Jahren seine Diplomarbeit über Bier geschrieben – und ist dabei geblieben.