Länderberichte

Bremen statt Hamburg | Zweite Reihe, erste Wahl

Sven Bremer
Geschrieben von Sven Bremer

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu viel besuchten Städtereisezielen vor. Hamburg etwa zählte zuletzt 14,5 Millionen Übernachtungen – Bremen dagegen präsentiert sich beschaulicher, aber nicht weniger hanseatisch. Ein guter Tipp für einen Citytrip!

Warum Bremen?

Hamburg nennt sich das „Tor zur Welt“. Traditionsbewusste Bremer verweisen auf ihr Stadtwappen und sagen lässig: „Mag ja sein, aber wir haben den Schlüssel dazu.“ Dass der HSV abgestiegen ist, freut viele Einwohner von Bremen diebisch. Gern ärgern sie die Hamburger auch damit, dass das Bremer Rathaus mit dem bekannten Roland be­reits 2004 als Unesco-Weltkulturerbe aus­gezeich­net wurde, während die Hambur­ger auf ihre erste Welterbe-Auszeichnung (Speicherstadt und Chile-Haus) bis 2015 warten mussten.

Aber eigentlich mögen sich die Bremer und die Hamburger … Die eher beschau­liche 560.000-Ein­woh­ner-Stadt Bremen mit der Weltmetropole zu verglei­chen macht sowieso keinen Sinn. Für einen Citytrip empfiehlt sie sich gleichwohl.

Gleichwohl blickt Bremen auf eine lange Geschichte als bedeutende Hanse- und Hafenstadt zurück. Das historische Zentrum ist ein Schmuck­stück, das Oster­tor mit der „Kulturmeile“ ein lebendiger Kiez in Weser-Nähe, der Schnoor und die Böttcherstraße sind nicht weit – alles Sehenswerte ist gleich „umzu“, wie der Bremer zu sagen pflegt. Die einst bedeutenden Häfen haben weitgehend ausgedient. An den Hafenanlagen entsteht die Überseestadt, ein modernes Quartier, in dem gewohnt und gearbeitet wird. Wirklich maritimes Flair erlebt man dagegen knapp 60 Kilometer weserabwärts in Bremens kleiner Schwester Bremerhaven.

Muss man sehen beim Citytrip

Hanseatische Zurückhaltung wird großgeschrieben in Bremen. Aber wenn es um ihren Marktplatz geht, dann kennen die Bremer nichts und behaupten, es wäre der schönste in ganz Deutschland. Das prächtige Rathaus gilt als die Perle der Weserrenaissance. Auf dem Marktplatz wacht bereits seit 1404 der Bremer Roland, der die Freiheit und Rechte der Bürger von Bremen symbolisiert.

Etwas versteckt hinter dem Rathaus – immer dem Klicken der Handykameras nach – steht die Statue der Bremer Stadtmusikanten. Die Türme des prächtigen Doms ragen beinahe 100 Meter in den Himmel, die makabre Top-Sehenswürdigkeit bei einem Citytrip liegt jedoch unter der Erde: Acht mumifizierte Leichen, die 1698 gefunden wurden, sind im sogenannten Bleikeller zu bestaunen.

Bremen, Citytrip, Deutschland: Vor dem Rathaus steht seit 1953 Gerhard Marcks' Skulptur der Bremer Stadtmusikanten

Seit 1953 vor dem Rathaus in Bremen: Die Skulptur der Bremer Stadtmusikanten

Vom Marktplatz führt die Böttcherstraße in Richtung Weser. Als sich die Zeit der Böttcher, der Fassmacher, dem Ende zuneigte, verfiel die Straße allmählich. Mäzen und Kunstfreund Ludwig Roselius, der Erfinder des koffeinfreien Kaffee HAG, ließ sie zwischen 1922 und 1932 als expressionisti­sches Backstein-Ensemble gestalten, seit 1973 steht es unter Denkmalschutz. Besonders sehenswert ist hier das weltweit erste einer Frau gewidmete Kunst­mu­se­um, das Paula-Becker-Modersohn-Museum mit Werken der großen deutschen Expressionistin.

Ältestes Viertel in Bremen ist der Schnoor, ein hübsches mittel­alterliches, autofreies Gänge­vier­tel. Der neueste und auch spannendste Stadtteil wächst seit den frühen 2000er-Jahren: die Überseestadt auf dem Gelände der ehemaligen stadtbremi­schen Häfen, ein Quartier im steten Wandel und mit einer Fläche von 300 Hektar sogar größer als die Hamburger Hafencity. | |

Aussicht

Bremen ist platt wie ein Pfannkuchen. Umso weiter reicht der Blick von der Dachterrasse des Bamberger Hauses. Zu den Öffnungszeiten der darin untergebrachten Volkshochschule kann man umsonst hinauf. Eine tolle Aussicht über die Weser mit den Domtürmen im Hintergrund hat man von der Stephanibrücke aus, am besten am Abend, wenn sich die Lichter im Fluss spiegeln.

Bremen, Citytrip, Deutschland: Auf der Dachterrasse des Bamberger Hauses liegt einem Bremen zu Füßen – gut für die erste Orientierung

Dachterrasse des Bamberger Hauses: Bremen im Überblick

Bummeln und Schlemmen

Lange Jahre haben die Bremer es verpennt, die exponierte Lage am Fluss zu nutzen. Die Schlachte, der historische Weser-Hafen, war eine zugeparkte Ödnis. Erst zwischen 1993 und 2000 wurde das Areal am Wasser saniert und ist heute Bremens maritime Meile. Auf dem Gastro-Schiff Alex, eigentlich „Alexander von Humboldt“, kann man Bremer Labskaus und im Winter „Kohl und Pinkel“ probieren. Auch in der Überseestadt ist kulinarisch viel geboten. Sehr nett mit Hafenflair sitzt man vor dem Ziegelbau des italienischen Restaurants Feuerwache (Waller Stieg 5). Die coolsten Locations befinden sich im Bremer Ostertor.

Das Viertel ist das Pendant zur Hamburger „Schanze“, ein Tummelplatz der Szene mit Altbremer Häusern, kleinen Läden und Kneipen – mit liebevollem Understatement schlicht nur „Viertel“ genannt. Es gibt richtig gute Restaurants wie die Küche13 mit regionalen Bioprodukten (Beim Steinernen Kreuz 13) oder Das Kleine Lokal (Besselstraße 40, kreatives Drei-Gänge-Menü 55 Euro), aber auch viel Fast-Food. Am Sielwall-Eck wurde angeblich die Bremer Variante des Dö­ners erfunden, das Rollo. Je nach Soße und Füllung heißen die Teigfladen „Kikeriki“, „Dul Kebap“ oder „Arabic“. | | |

Bremen, Citytrip, Deutschland: Hafen Schlachte liegt das Gastro- und Hotelschiff „Alex“

Gastro- und Hotelschiff „Alex“ im historischen Weser-Hafen Schlachte

Lieblingsplatz in Bremen

Ganz am Ende der Überseestadt steht der kleine Leuchtturm Molenfeuer (den Radweg-Schildern folgen), auch „Mäuseturm“ genannt. Das ist ein richtig guter „Am-Arsch-der Welt-Platz“, der einen tollen Blick über das bietet, was von den Bremer Häfen übrig geblieben ist. Einfach warten, bis ein Schiff zum Winken kommt – oder das nächste Beck’s aufmachen.

Shopping

In den Einkaufsstraßen in der City tummeln sich die üblichen Verdächtigen unter den Filialisten. Im Ostertor findet man noch die eine oder andere Überraschung: Boutiquen jenseits des Mainstreams, gute Buchläden, kleine Shops mit hübschen Accessoires, teilweise von Bremer Künstlern und Kunsthandwerkern gefertigt, wie zum Beispiel im Laden von machen & tun (Ostertorsteinweg 46 b). Sogenannte Bremensien, darunter reichlich Stadtmusikanten-Kitsch, findet man überall im Schnoor und in der Böttcherstraße.

Ein Unikum im Schnoor ist das Atelier GAG (Schnoor 31), wo es fantastische Papiermodelle zum Basteln gibt. Leckere „Bonschen“, wie der Bremer sagt, verkauft die Bremer Bonbon Manufaktur (Böttcherstraße 8). Gleich nebenan im Werkschau-Laden wird Kunsthandwerkliches feilgeboten. | |

Bremen, Citytrip, Deutschland: Böttcherstraße: In den 1920er Jahre als expressionisti­sches Backstein-Ensemble gestaltet

Eingang zur Böttcherstraße – einem expressionistischen Backstein-Ensemble aus den 1920er Jahren

Nightlife

Die besten Absacker-Kneipen findet man im Viertel, insbesondere am sogenannten Bermuda-Dreieck, einer Ansammlung von mehreren Kneipen mit akuter Absturzgefahr. Entspannt in den Abend starten kann man im Wohnzimmer mit Vintage-Sofas und Seventies-Tapete (Ostertorsteinweg 99). Kultfaktor besitzt die „Capri Bar“ an der Ecke Fehrfeld/Humboldtstraße. Die war vor Ewigkeiten mal ein Etablissement mit sogenann­ten Animierdamen, die den Herren in den Separees in Grottenform nicht nur Getränke servierten. Das Ambiente ist erhalten geblieben.

Legendär ist die Keller-Diskothek „Lila Eule“. Schon vor mehr als 50 Jahren war sie Treffpunkt für die Politszene, Rudi Dutschke hielt hier flammende Reden (Bernhardstraße 10–11). Die MS Treue ist ein altes Betonschiff am Weser-Ufer, das heute eine der ersten Adressen in Bremen für Elektro-Partys ist. Übrigens: Bremen hat keine Sperrstunde! | |

Bremen, Citytrip, Deutschland: Hanseatisches Biergarten-Flair am Weser-Ufer in der Schlachte

Hanseatisches Biergarten-Flair am Weser-Ufer in der Schlachte

Schön schlafen in Bremen

Stilvoll in Weser-Nähe schläft man im Designhotel „ÜberFluss“ mit Spa und kleinem Indoor-Pool (DZ ab 150 Euro, Langenstraße 72). Ganz etwas anderes und deutlich günstiger sind die Übernachtungsmöglichkeiten auf zwei legendären Schiffen auf der Weser: In Vegesack kann man auf dem „Schulschiff Deutschland“ in Kabinen schlafen (die Bet­ten muss man selber machen, Doppelkabine mit Frühstück 70 Euro).

An der Schlachte übernachtet man am Weser-Ufer auf der „Alexander von Humboldt“ (sie ist übrigens das Schiff mit den grünen Segeln aus der Beck’s-Bier-Werbung), die Doppelkabine mit Frühstück kostet ab 110 Euro. | |

Nicht verpassen in Bremen

Alljährlich im Sommer verwandeln sich die Osterdeichwiesen an der Weser in ein buntes Festivalgelände. Bereits seit über 30 Jahren gibt es die Breminale mit einem vielfältigen Kulturprogramm für Jung und Alt. Eingefleischte Besucher haben sicherheitshalber Gummistiefel und Regenjacke im Gepäck, denn in den vergangenen 30 Jahren hat sich das Festivalgelände allzu häufig in eine Wasserlandschaft verwandelt. 2019 steigt das Gratis-Festival – letztes Jahr kamen 200.000 Zuschauer! – vom 3. bis 7. Juli.

Bremen, Citytrip, Deutschland: Im ältesten Viertel von Bremen Schnoor, das bis aufs Mittelalter zurückgeht, müssen Autos draußen bleiben

Ältestes Viertel von Bremen: Das autofreie Schnoor

Raus aus der Stadt

… heißt hier „wieder rein in die Stadt“: Bremens kleine Schwester Bremerhaven ist zwar eine überwiegend triste Industriestadt, aber mit den Havenwelten ist der Stadt ein echter Coup gelungen. High­lights an der maritimen Meile sind das Deutsche Auswandererhaus und das Klimahaus 8° Ost.

Ersteres macht die Geschichte der ungefähr sieben Millionen Menschen erfahr­bar, die zwischen 1830 und 1974 ihre Heimat über Bremerhaven verlassen haben.

Bremen, Citytrip, Deutschland: Das neue Viertel Überseestadt in Bremen

Flanieren im neuen Viertel Überseestadt in Bremen

Das „Klimahaus 8° Ost“ ist eine Reise um die Welt auf eben jenem namensgebenden Längengrad. Die informative, unterhaltsame Tour führt über die Schwei­zer Alpen und Sizilien in die Wüste in Ni­ger und den Regenwald Kameruns, in die Südsee nach Samoa und über die Antarktis, Alaska und die Halligen in der Nord­see wieder zurück nach Bremerhaven. Ein Wetterstudio verdeutlicht anhand interaktiver Stationen die klimatischen Zusammenhänge auf der Erde.

Mit dem historischen Moorexpress erreicht man im Sommer die etwa 30 Kilometer nordöstlich von Bremen gelegene Künstler­kolonie Worpswede. Die Bilder der Worpsweder Künstler verschiedener Generationen sind in den zahlreichen Museen des Ortes ausgestellt.
| |

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
Der Artikel wurde durchschnittlich mit 4,82 von maximal 5 möglichen Sternen aus 17 Bewertungen bewertet.
4.82 5 17
Loading...

Mehr Beiträge aus der Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“

Fès … statt Marrakesch

Thessaloniki … statt Athen

Rotterdam … statt Amsterdam


Info Citytrip Bremen/Deutschland

Anreise

Im besten Fall dauert die Bahnfahrt ab München nur 5,5 Stunden. Hin und zurück mit Flexticket 167 Euro inklusive Bremer City-Ticket, Spar-Ticket oneway ab 29,90 Euro. Ab Frankfurt vier Stunden, Sparticket ab 53,90 Euro.

Unterwegs

Nach Bremerhaven halbstündlich mit der NordWestBahn in 40 Minuten (13 Euro). Moorexpress nach Worpswede 8 Euro.
|

Mehr im Web

Bremen Tourismus


Ihr wollt diese Reportage ungekürzt oder weitere spannende Reportagen zu unseren Zielen lesen und von vielen reportergetesteten Tipps und Adressen in den Info-Guides profitieren? Dann empfiehlt sich unser  flexibles Zeitlos-Abo oder eines unserer attraktiven Prämienabos.



Über diesen Autor

Sven Bremer

Sven Bremer

Sven Bremer, Jahrgang 1963, lebt und arbeitet – kein Scherz, kein Pseudonym – in Bremen, wenn er nicht unter anderem für "gambleinfo" durch die Weltgeschichte reisen darf. Weil das mit dem Profifußball damals nichts geworden ist und man als ausgebildeter Tischler mit zwei linken Händen auch nicht gerade begehrt ist, wurde Sven Bremer zunächst Sportredakteur in seiner Heimatstadt, wo er für den "Weser Kurier" und die "Bremer Nachrichten" über Werder Bremen berichtet hat. Seit 2003 arbeitet er wieder als Freelancer für verschiedene Tageszeitungen und Magazine, schreibt Geschichten über Fußball, Reisereportagen und Reiseführer. Für den Verlag "Die Werkstatt" hat er mehrere Fußballbücher geschrieben, für "Delius Klasing" zwei Bücher über den Radsport.