Länderberichte

England | Schön im Rückwärtsgang!

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Dietmar Denger
Geschrieben von Dietmar Denger

Beim Brexit drehen die Briten die Zeit zurück. Das können wir auch. Unterwegs auf der Explorer’s Road zwischen London und Newcastle upon Tyne – ein Urlaub mit jeder Menge Bilderbuch-England. Stilecht und lautstark in zwei Jaguar-Oldtimern

Irgendwo da draußen in England, unterm wolkenlosen Frühlingshimmel von Lincolnshire, mündet der schwarze Lack der Motorhaube im Chrom der Stoßstange. Und da ich einen 120.000 Euro teuren Oldtimer nicht schon nach einer Stunde Fahrt im nächsten Trecker versenken möchte, übernimmt in den Kurven vor dem Dörflein Clipsham der Besitzer, der uns auf den ersten Kilometern begleitet, selbst das Steuer.

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Volle Fahrt, very british! Der Jaguar MK2 unterwegs bei Newcastle upon Tyne

Phil Ternant verleiht Auto-Legenden. Unter anderem lauern bildschöne Jaguars im Stall. Mit Getöse lässt der ansonsten tiefenentspannte Phil die 270 PS so rasant auf die Straße los, dass den Kühen auf den sattgrünen Wiesen glotzen vor Schreck das Gras aus dem Maul rieselt.

Fish & Chips und Fine Dining

Unsere Landpartie ist der Auftakt zu einem Urlaub auf der Explorer’s Road. Der Name für die Verbindung von London in den Nordosten von Englands ist neu, eine eigene Website macht auf die vielen Sehenswürdigkeiten aufmerksam. Denn erforscht, emsig bereist und besiedelt wurde die Gegend entlang der Route schon vor 2.000 Jahren, als Römer durch die Wälder schlappten und die Fundamente später berühmter Städte errichteten.

Da Great Britain mit dem Brexit sowieso die Zeit zurückgedreht hat, haben wir uns bei unserem Urlaub auf klassische England-Highlights kapriziert. „Oldschool“ kann überraschend erfrischend sein! Das Pub-Restaurant „The Olive Branch“ in Clipsham etwa gibt’s schon lange, beweist aber geschmackvoll, dass gute Küche auch jenseits von London möglich ist. Natürlich gibt’s auch Fish & Chips, der „Klassiker“ schmeckt hier hervorragend, solange man genug Essig darauf herabregnen lässt …

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Englands Food-Ikone: Fish & Chips im Restaurant „South Causey Inn“

Very british: Jaguar Mark 2 und „The Falcon Hotel“

Auf dem Weg nach Uppingham machen wir am Abend noch Station in Oakham Castle und parken unser zweites Oldtimer-Schmuckstück vor der Tür, einen Jaguar MK2 von 1963, der mit viel Bling-Bling und Holzmaserung im Innenraum aristokratisch wirkt. Das sieht klasse aus, das hat Stil.

Lässig ist es auch, unser Chrom-Duo im Städtchen Uppingham direkt vor der Tür des „Falcon Hotel“ aus dem 16. Jahrhundert zu parken. Dabei fühlt man sich fast wie die geldige Klientel, bei der Uppingham so beliebt ist. Die Reichen dieser Welt schicken ihre Sprösslinge bekanntlich mit Vorliebe auf die Elite-Schulen Englands, Uppingham School, gegründet bereits im Jahr 1585, zählt unbedingt dazu.

Explorer’s Road: Perfekte Filmkulisse

Das historische Zentrum von Stamford zeigt sich ebenfalls schmuck. Das Städtchen wirkt nicht nur wie die perfekte Filmkulisse. Crews von Serien- und Filmproduktionen aus aller Welt sind regelmäßig entzückt, wenn englische Kleinstadtidylle aus der Zeit vor der industriellen Revolution gefragt ist. Obwohl hier 600 Häuser unter Denkmalschutz ste­hen, ist die Zeit nicht stehen geblieben. Gegenüber dem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Rathaus schnippelt der türkische Friseur im spätmittelalterlichen Fachwerkambiente, nebenan schlürfen Gäs­te im süßen Café-Deli „No. 14 St Mary’s Hill“ ihren Tee, vor allem aber den laut Stadtführerin besten Kaffee der Stadt.

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Pitstop auf der Explorer’s Road: Wine Shop & Deli „No 14 St. Mary’s Hill“

Dank seines musealen Charmes am Flüsschen Wel­land, seiner Pubs, Restaurants und Cafés sowie wegen der vielen schönen Shops und vor allem für ein Gewirr aus romantischen Gässchen und Straßen kür­te die „Times“ Stamford 2013 zur besten und lebenswertesten Stadt Englands.

Vom Burghley House nach Newark in Nottinghamshire

Das absolute Highlight von Stamford liegt allerdings vor den Toren der Stadt: Burghley House. Dem riesigen Landschloss nähert man sich durch einen zwei Quadratkilometer großen Park, in dem imposante Hirschherden zwischen knorrigen Baumriesen galoppieren. Erbaut wurde es zwischen 1555 und 1587 von William Cecil, Schatzmeister von Königin Elisa­beth I. Die Gemälde- und Porzellan-Sammlung, die sich auf 35 riesige Räume und lange Flure verteilt, genießt Weltruhm, die italienischen Wand- und Deckenmalereien aus der Barockzeit sind kolossal, die Himmelbetten wahrlich himmlisch hoch.

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Sehenswert: Das Landschloss Burghley House

Nächste Station in unserem Urlaub auf der Explorer‘s Road ist Newark in Nottinghamshire. Englische Geschichte ist alles andere als dröge, wenn sie multimedial präsentiert wird wie im neuen Civil War Centre, das vom bis heute blutigsten Gemetzel auf britischem Boden erzählt, an dessen Ende 1649 die zeitweilige Abschaffung der Monarchie und der Beginn der Republik stand.

York Minster und Snickelways

Die Ursprünge von York, erbaut 71 nach Christus, rei­chen zurück auf ein römisches Legionslager. Die Museen der Stadt erzählen von warmbadenden Römern und kaltblütigen Wikingern und Normannen, im York Museum gibt es Dinosaurierfossilien zu bestaunen. Zur Stärkung zwischendurch steht eine seltene Dichte von Bäckereien und Schokoladengeschäften zur Aus­wahl. Überragt wird das Straßenlabyrinth von der größten Kathedrale des Landes: Im York Minster sind allein die Glasfenster turmhoch.

England, Explorer´s Road

Highlight der Explorer’s Road: Kathedrale von York aus der Luft

Die engen Gassen Yorks werden „Snickelways“ genannt. Die berühmteste von ihnen ist „The Shambles“. Apropos Harry Potter: Wo die Metzger von York einst das Fleisch in Stücke hackten und auf Holztischen (Shambles) feilboten, reißen sich die Fans des berühmtesten Zauberlehrlings der Welt heutzutage um Devotionalien rund um die Romanfigur, Zauberstäbe inklusive. Den Filmemachern diente die Straße mit dem Kopfsteinpflaster und den schiefen Häuschen als Kulissenvorlage. Seitdem ist sie ein regelrechtes Pilgerziel und „The Shop That Must Not Be Named“ der „Place to be“.

Endlich Nebel und Regen in England

Letzte Station unserer Reise auf der Explorer’s Road ist das „South Causey Inn“, eine Art von Themenhotel. Neben klassischen Landhauszimmern gibt es die riesigen Luxusvarian­ten mit altrömischen, Pop-Art- oder maritimen Anleihen, die herrlich spleenig überladen sind. Zu den Zimmern gehört jeweils ein großer Jacuzzi, in dem sich bestens der Wetterumschwung genießen lässt. Nach rekordverdächtigen wolkenlos-warmen Vor-Frühlingstagen und vielen überraschenden Eindrücken können wir zum Schluss sogar noch diesen Klischeeklassiker aus unserem Urlaub mitnehmen: Nebel und Regen. Typisch England!

 

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Info Oldtimer-Urlaub England

The Explorer’s Road

Seit mehr als 2.000 Jahren ist die Route zwischen London und Berwick-upon-Tweed im Norden eine der wichtigsten Verkehrsachsen auf der Insel. 180 Sehenswürdigkeiten entlang der 500 Kilometer langen Strecke sollen Besuchern englische Lebensart, Traditionen und Exzentrik näherbringen. Die Explorer’s Road soll ganz oder in Etappen buchbar sein. Ein größeres Infopaket, auch mit vielen Unterkünften, liefert der ADAC. |

Northumbria Classic Car Hire

Ob Jaguar, Bulli oder Ente: Die 20 Oldtimer-Schätze des Verleihs in Newcastle können für eine ganze Woche gemietet werden. Natürlich hat so viel Stil seinen Preis: So kostet der Jaguar E-Type 1.800 Euro für sieben Tage, ein schickes Käfer-Cabrio ist für 800 Euro zu haben.

The Falcon Hotel

Wunderschönes Hotel im historischen Zentrum von Uppingham. Die ehemalige Poststation-Herberge aus dem 16. Jahrhundert bietet klassischen, schönen Landhausstil. Gute Küche, sensationell sind die Biere aus der kleinen Hotel-Brauerei. DZ/F ab 80 Euro.

Web

Alles Wichtige zur Explorer’s Road und noch viel mehr Infos auf


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Über diesen Autor

Dietmar Denger

Dietmar Denger

Zuhause in beiden Welten – Bild und Text – und bietet Fotoreportagen aus einer Hand: unkompliziert in der Umsetzung vor Ort, stimmig und intensiv im Zusammenspiel von Text und Bildern. Fotografieren und gutes Schreiben lernte er schon früh als freier Mitarbeiter bei Zeitungen und der dpa. Mit Fotos und Texten finanzierte er sich das Studium der Medienwissenschaften und Tourismus-Geographie. Danach folgte ein Volontariat bei „Max“, ehemals das Magazin schlechthin für Foto-, Design- und Popkultur. Später war er Redakteur bei „gambleinfo“ und leitender Redakteur beim „ADAC reisemagazin Traveller“. Mit Reportagen aus aller Welt lebt er seine Begeisterung fürs Reisen, mag bei der Fotografie Menschen ganz nah ebenso wie Stadtporträts, grandiose Naturlandschaften genauso wie Lifestyle, Design und Architektur. Zeitgemäße Themen und Motive für seine zweite Leidenschaft Berge findet der gebürtige Westfale zwischendurch immer wieder gern rund um seine Wahlheimat in den Bayrischen Alpen.