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Hamburg | Der schwimmende Hochseilgarten

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Die „Cap San Diego“ ist das weltgrößte, seetüchtige Museumsschiff – und Deutschlands einziger Kletterpark auf dem Wasser. Ein „Mast-See“ ist die Mastenquerung
30 Meter über der Elbe, inklusive erhabenem Rundblick. Den könnt ihr hier nachempfinden …

So sieht’s on top of the Lotsenleiter aus

Kaum sind alle an Deck des „Weißen Riesen“ und erste Willkommensgrüße ausgesprochen, macht Jan-Arne eine konkrete Ansage: „Bildet drei Gruppen mit je zehn Leuten. Die Schwierigkeitsstufen sind gemütlich, mutig und sehr mutig. Letztere balancieren hoch über dem Deck über ein wackliges Seil. Wer will dort als Erstes hin?“ 20 Hände schießen in die Höhe. Offenbar finden sich sonst nicht auf Anhieb so viele Unerschrockene, denn Jan-Arne, der mit drei Mitstreitern die bunt zusammengewürfelte Truppe durch den Nachmittag und über das 159 Meter lange Frachtschiff führen wird, ist überrascht. „Normalerweise wollen die meisten erstmal entspannter anfangen …“ Das müssen dann manche auch notgedrungen, doch Jan-Arne beruhigt: „Die beiden anderen Stationen sind auch nicht zu verachten!“

Die Kulisse sowieso nicht, schließlich ist die „Cap San Diego“, wegen des markant weißen Anstrichs auch „Weißer Schwan des Südatlantiks“ genannt, ein besonderes Schiff. 1961 als Frachter gebaut, liegt es seit 30 Jahren an der Überseebrücke in Hamburg – feinste Innenstadtlage. Ihre elegante Silhouette gehört zum Hamburger Hafenpanorama wie die Speicherstadt, der Michel und die Anfang 2017 endlich eröffnende Elbphilharmonie, deren geschwungene Glaselemente freundlich in der Nachmittagssonne herüberfunkeln.

Schiffstour für Landratten

Was es auch besonders und bei über 100.000 Touristen pro Jahr so beliebt macht: Es handelt sich um das weltgrößte seetüchtige Museumsschiff. Besucher können sich per Audioguide hinauf zur Kommandobrücke, über den beeindruckenden Maschinenraum bis hinunter zum Wellentunnel führen lassen. Der abenteuerlichste Aspekt des Schiffsbesuchs ist jedoch der Hochseilgarten, der alles andere als krachend daherkommt. „Wichtig war, dass der Charakter des Schiffs gewahrt wird“, sagt Jens Weber, Kapitän der „Cap San Diego“. Deshalb lassen sich alle Elemente des einzigen schwimmenden Hochseilgarten Deutschlands auch abbauen, wenn sie nicht vom Anbieter Schattenspringer GmbH, einem in Bielefeld ansässigen Spezialisten für Outdoor-Trainings und Erlebnispädagogik, genutzt werden.

Abwärts in die Ladeluke

Jetzt ist alles im Einsatz. Auf zur ersten Station, zu der uns Jan-Arne lotst. Sie befindet sich unter Deck. Aufgabenstellung: Abseilen durch eine Ladeluke. Also: Helm auf, Gurt an, Regeln besprechen, Sicherungsleute bestimmen. Dann wird, wo früher wertvolle Ladung ins unterste Deck bugsiert wurde, menschliche Fracht abgelassen. Jeder hat dabei sich am eigenen Seil und sein eigenes Tempo selbst in der Hand – wobei es stets auch eine Zweitsicherung gibt. Auch wenn ein paar Teilnehmer zögern, bevor sie über die Balustrade steigen, sich einen Stoß ins Nichts geben und sich dann die rund sieben Meter ablassen, ist es im Großen und Ganzen doch tatsächlich eines: gemütlich.

Die an einem Ladebaum befestigte, rund zehn Meter hohe Lotsenleiter – Station zwei – erfordert schon deutlich mehr Mut. Die im Bugbereich hoch über der Elbe befindliche XXL-Strickleiter sieht auf den ersten Blick zwar nicht furchteinflößend aus, doch Baumel- und Höhenfaktor haben es durchaus in sich. Und vor allem die nach oben hin immer größer werdenden Abstände der Balken. Die weiten sich bis zu 1,50 Meter. Alleine hochziehen? Schwierig. „Hier kommt es auf Teamwork an“, erklärt Nina, die uns jetzt von Jan-Arne übernimmt.

Balken für Balken nach oben

„Es sind immer drei Kletterer auf dem breiten Balken und müssen sich gegenseitig hochhelfen.“ Und so werden Oberschenkel zu Tritthilfen umfunktioniert, Hände zu Flaschenzügen und Achseln und Knie zu Einhakhilfen, um die Kollegen auf das jeweils nächste Level zu hieven – alles unter schwankenden Bedingungen und wieder mit Sicherungsseilen, welche die Kollegen am Boden im Griff haben. Manche Himmelsstürmer brechen aber schon bei Stufe drei ab, andere wiederum schaffen die Kletterkarriereleiter bis auf Balken sechs. Der Lohn: das stolze Gefühl, es geschafft zu haben. Und ein stolzer Ausblick auf die Landungsbrücken, die Musicalhäuser, die Elbe.

Cap San Diego – Spielplatz für Erwachsene

Die Lotsenleiter wird jedoch noch bei Weitem übertroffen durch die „sehr mutige“ letzte Station – die Mastenquerung. 18 Meter über dem Deck und somit 30 Meter über der Elbe spannt sich ein Stahlseil 30 Meter von Mast zu Mast. Bevor ich groß nachdenken kann, bugsiert mich der nächste Schattenspringer-Mann schon in Richtung Ein- bzw. Aufstieg. Keine Zeit für Wieder- oder Ausrede. Jetzt wird über den eigenen Schatten gesprungen. Aber erstmal die senkrechte Leiter nach oben geklettert. Oben angekommen kann ich auf einem Vorsprung kurz ausruhen, Fotos und ein Panoramabild schießen (siehe unten). Dann schießt das Adrenalin durch die Adern, als ich das gerade mal 1,8 Zentimeter dicke und enorm wackelige Seil betrete. Etwa alle zwei Meter baumeln von einem höher gespannten Seil kurze Taue, die einem Halt geben.

Bevor es aufs dünne Seil geht, gilt es, den grandiosen Rundblick zu genießen

Wenn man sie denn greifen kann und nicht der permanent spürbare Wind zu sehr seine Spielchen treibt. Doch nach ein paar Metern habe ich den Dreh raus. Bevor aber Entspannung aufkommt, kommt es nach zehn Meter Tippeln zu einem ersten „Störfall“. Das Sicherungsseil verhängt sich ein bisschen in den Tauen. Ich muss wieder ein paar Schritte zurück. Das ist nicht das Problem, wohl aber die Vorstellung, dass ich in diesem Moment nicht ausreichend gesichert wäre. Doch alles geht gut und ich gehe weiter. Aber bis ganz hinüber zum anderen Mast? Schwer zu schaffen, denn Beine und Arme werden zunehmend schwächlich. Die anderen Aktivitäten haben offenbar ihren Tribut gefordert, außerdem habe ich hier zu viel über pure Kraftanstrengung gemacht – ein beliebter Fehler in Hochseilgärten. Der Wackelpuddingeffekt überträgt sich direkt zum Großhirn. Und das entscheidet: Es reicht jetzt ohnehin. Also bitte abseilen, da unten! Noch ein letzter Thrill: das Vertrauen haben, dass einen die Kollegen schon halten. Was sie freilich tun. Man klatscht sich ab, Endorphine rauschen. Ich fühle mich gerade sehr, sehr mutig.

Info

Das Museumsschiff kann täglich von 10–18 Uhr in allen Details besichtigt werden. Die Besichtigung plus Ausstellung kostet 7 Euro, die Familienkarte 14 Euro. Übernachtung ab 78 Euro pro Nacht (ohne Frühstück) in der Einzelkabine, ab 98 Euro in der Doppelkabine.

Für den Hochseilgarten ist eine Anmeldung beim Anbieter erforderlich. Kosten: ab 55 Euro/Person, Gruppenstärke 5-50 Personen, Dauer: ca. 2-4 Stunden


Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von gambleinfo.