Länderberichte

Hexenwasser Söll | So splashy!

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Mit Blick auf den Wilden Kaiser macht man sich an den Hängen der Hohen Salve formvollendet nass und massiert sich auf Österreichs längstem  Barfußweg die Fußreflexzonen  – auch in Schlammbädern, Bergbächen und frischen Kuhfladen.

„Schifoan is des leiwaundste, wos ma sich nur vurstelln kann!“ Leider geht das nicht zwölf Monate im Jahr. Wie also kommen die Bergbahnen im Sommer an Kunden? Zumal der neue alte Trendsport Wandern dafür sorgt, dass immer mehr Bergurlauber atmungsaktiv hochgerüstet die Berge hinaufschwitzen, anstatt sich gemütlich in die Gondel plumpsen und binnen Minuten auf den Berg bringen zu lassen.

 

Der Anti-Triathlet alter Schule (Bergfahrt, Kännchen Kaffee, Talfahrt) steht längst auf der Roten Liste.  Nun gut, dachte man sich bei den Bergbahnen, dann müssen wir an neue Zielgruppen ran. Die einen haben dabei die Downhill-Biker entdeckt (Leogang), ultimativ-adrenalinsüchtige Outdoor-Freaks (Area 47 im Ötztal) oder Clamping auf 2.000 Meter Höhe (Montafon) – und Familien mit kleinen Kindern wie in Söll mit seinem im Sommer 2002 eröffneten und seitdem nachvollziehbarerweise vielfach kopierten Erlebnisparcours namens Hexenwasser.

Keine Hexerei, aber viel Gaudi

Die Sommererlebniswelt von Hochsöll und auf der Hohen Salve wendet sich mit Bienenhaus, Windharfe, klingenden Steinen, Hexenschirmen und Hexenbädern an Stadtkinder, die nicht mehr barfuß herumlaufen, auf Baumstämmen herumbalancieren und schon gar nicht in Bächen oder Tümpeln spielen können/dürfen/sollen.

Der zwei Kilometer lange Barfußweg über Bergwiesen, feinkieselige Wege, Rindenmulch, Felsen, Holz und durch kaltes Wasser traktiert die Fußreflexzonen von Groß und Klein aufs Herrlichste. Bei unserem Besuch Ende Juni bleiben die Stiefel an: Es ist kalt, auf der Hohen Salve lieget sogar wieder ein wenig Schnee. Um die Mittelstation tanzen fette Regenwolken und Nebelfetzen, Schwaden hängen über den Tälern und verhüllen den Wilden Kaiser. Die passende Atmosphäre für ein didaktisch ambitioniertes alpines Erlebnismärschlein mit prächtigem Wilder-Kaiser-Blick.

Kalte Bäche, warme Fladen

Allenthalben gurgelt es durch Waale und Bachbetten, zum Reintreten animieren außer frisch dampfenden Kuhfladen einige Moorbecken und Steinölbäder. Da sieht man, wie wild es in einem Bienenstock zugeht und rätselt ein Stück weiter über die artgerechte Verwendung des großen Klangsteins. Intuitiv steckt unsere Tochter den Kopf in den Klangstein und brüllt. Später hämmert sie  mit kleinen Steinen auf Felsen. Das Explorative sei von den Machern und Berater Matthias Schenk gewollt, man müsse nicht alles erklären und auf Tafeln zeigen, erfahren wir später.

Die Hinweisschilder vor der „Stöcklalm“ weisen die Mamas und Papas von „Maximilian on Tour“ und „Denise an Bord“ (so die Heckbotschaften der Vans und SUVs, die vor der Talstation parken) darauf hin, dass  dreckige Windeln in den Müll und keineswegs als Zierrat in die alpine Kulisse gehören, Kinder nicht nackt am Tisch sitzen oder im Restaurant gewickelt werden solten.

Auch bei Regen richtig nett

Ein Faktor für den Erfolg scheint mir zu sein, dass sich viele Erwachsene in die Kindheit zurückversetzt fühlen. Zurückversetzt in die laktosetoleranten, LSF-50-freien und schnitzelseeligen Zeiten, als sie mit Rotznase und blutigen Knien den lieben, langen Tag lang glücklich und zufrieden durch Wiesen rannten, Bäche stauten und aus Haselnussästen Flöten schnitzten, um dann mit einem Mezzo Mix in der Hand auf dem Bonanzarad heimzurasen – ohne Helm, aber mit Fuchsschwanz …
auch ohne sonne richtig gut

Eines ist  klar: Bei Sonnenschein wird es im Hexenwasser schnell eng und  laut, werden das Glucksen des Bachs, das geduldige Grasmalmen der Kühe und das Gezwitscher der Vögel von ausgelassener Kinderstimmenkakofonie hinweggespült. Dort oben hat man uns hinter vorgehaltener Hand bestätigt: Das Hexenwasser besucht man am besten an einem Tag mit eher mäßigem Wetter. Ist es mild und regnerisch, kann man dennoch barfuß marschieren – und hat ansonsten Ruhe.

Blaues Wunder erleben

Sollte es schütten, flüchtet man in das Souterrain der Mittelstation. Dort wartet das „Blaue Wunder“. Der Neuzugang der alpinen Erlebniswelt vermittelt Wissen über die Physik des Wassers mit originellen Hands-on-Stationen, Lehmbecken, Strudelmaschinen sowie Klangschalen, die die Tropfen in die Luft jagen.  Zum Abschluss wartet eine Wasserdegustation. Welches das beste war? Ganz klar: das harte, mineralische Wasser von oben aus dem Berg. Ein echtes Hexenwasser eben.


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Der „Bergdoktor“ präsentiert das Hexenwasser:


Hexenwasser in Söll an der Hohen Salve

Tagespass für das 16 Euro, Kinder 8 Euro.

Hier gibt es noch Infos und Details

 

 

 

 



Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von ABENTEUER UND REISEN liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.