Länderberichte

Kanada | Die Rockys rocken!

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Der schönste Weg zum grandiosen Icefields Parkway? Die 901 Kilometer lange Zugfahrt im Rocky Mountaineer von Vancouver via Kamloops bis Jasper.

Hatte ich heute zu viel Rotwein? Bin ich krank? Bebt die Erde? Irritiert starre ich in den Badspiegel des Hotels in Kamloops. Fühle mich seekrank, ein wenig. Es dreht sich was im Kopf. Genau 451 Kilometer hat uns die 16-Zylinder-Diesellok mit ihren 3.000 PS hoch in die Berge geschleppt. Mal rechts, mal links vom tosenden Fraser River verlaufen die Schienen. Und die sind old school, mit Holzbohlen und genagelt, nicht verschraubt. Durch Erschütterung hüpfen ständig Nägel aus dem Holz, wie ein Blick aufs Gleisbett zeigt. Tausende Tonnen von Alteisen säumen die Bahntrasse. Diese Technik sorgt in der Summe für ein eher robustes Fahrverhalten, vor allem, wenn man einem der zweistöckigen Panoramawagen der Luxusklasse „Gold Leaf“ sitzt.

 

Der Zug wirkt wie eine Pulle Whisky

Das scheint unser Vestibularorgan etwas aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben. Diesen Verdacht bestätigt uns am folgenden Tag Sous-Chef Paul Romanowski. Klein, korpulent und für die Küche in allen Gold Leaf Wagen zuständig. Paul kam vor 30 Jahren aus Polen, ist seit 16 Jahren beim Rocky Mountaineer: „Weil ich Züge liebe und ein Kreuzfahrtschiff nicht in Frage kommt, denn ich werde leicht seekrank.“ Und ja, der Zug mache ein wenig seekrank, „aber das legt sich nach zwei, drei Tagen“.

Die Bahnbauer in den 1880er-Jahren haben sich weder der wilden Natur, der etwa im Hell’s Gate brutalen Topografie noch den desaströsen Murenabgängen gebeugt. Knapp 700 Kilometer Schienen schaffte Canadian Pacific Railway pro Saison unter der Ägide von Chef William Van Horne. Vor allem dank der 15.000 Chinesen, die sich für ein bis zwei Dollar pro Tag die Seele aus dem Leib schufteten, um Pazifik und Atlantik mit einander zu verbinden. Der letzte Nagel wurde im November 1885 bei Craigellachie ins Holz getrieben. Und jetzt, Wowereit, Mehdorn und Konsorten, gut zuhören: Nach 54 Monaten Bauzeit und sechs Jahre vor der geplanten Fertigstellung!

Chinesen-Maloche in den Rockys

Zimperlich ging es nicht zu, stellte die Hochschule UBC in einer Forschungsarbeit fest. Nein, die Gepflogenheiten war fast kriminell, auf jeden Fall menschenverachtend. Den Chinesen wurde für Unterkunft, Essen, Arbeitskleidung und Transport zum Arbeitsplatz ein Großteil des Lohns abgezogen. Hinterbliebene der zahlreichen Todesopfer von Unfällen (viele Männer starben auch ernährungsbedingt an Skorbut) bekamen weder eine Entschädigung noch den Restlohn oder überhaupt eine Mitteilung über das Unglück. Die Regierung hielt auch noch die Hand auf: Gastarbeiter mussten ab 1885 50 Dollar „Head Tax“ zahlen.

Noch immer rattern Züge mit 200 Waggons auf dieser mit viel Blut, Schweiß und Tränen gebauten Trasse durch die Rockies – manche Züge haben statt Holz, Schwefel und Zement Hundertschaften gut situierter Rentner aus den USA, Großbritannien und Kanada an Bord. So der „Rocky Mountaineer“, bei dem allein die Anwesenheit zweier Reporter Mitte vierzig den Alterdurchschnitt substanziell senkt. Tischnachbar Donald, ein Rechtsanwalt aus Texas, der auf Schlangenleder-Boots durch die Gänge stapft, ist mit seinen 70 fast einer der jüngeren Teilnehmer.

Statt Blabla warmen Fahrtwind um die Nase

Draußen zieht die Landschaft vorbei, aufs gläserne Panoramadach prasselt manchmal der Regen. Es rüttelt und schüttelt, das gute Essen macht so träge, dass viele Passagiere einen Großteil der Strecke verschlafen würde, wäre da nicht Ron. Der pausbäckige und konsequent gutgelaunte Ron, der uns mit seinen Anekdoten, Fakten („Durchs Hell’s Gate schießt doppelt so viel Wasser wie über die Niagara Falls“) und Sonderangeboten fürs On Board Shopping von Souvenirs in den Ohren liegt. Hat Ron Sendepause und ist das Restaurant unter uns geschlossen, greift Curtis zum Mikrofon, ein großer und redsamer Verehrer des Gentleman-Gauners Billy Miner.

Ansonsten wird viel gegessen und gesessen. Donald N. Turner, der Rechtsanwalt aus dem texanischen Fort Worth mit den extravaganten grünen Hornback-Alligator-Boots bringt es auf den Punkt: „Man, du steigst schlank in den Zug und fett wieder aus“ und genehmigt sich daraufhin nochmals ein Glas Wein.

Schöner als unter dem Panoramadach ist der Stehplatz im Vestibül zwischen den Wagons. Milde Luft bläst um die Nase, es riecht nach Wald, dann nach Staub, immer nach Dieselabgas und Schmierfett. Unten schäumt der Raser River, in zuverlässiger Regelmäßigkeit sitzen Weißkopfseeadler herum. Nur Elch, Wolf, Bär und Wapiti bleiben im Unterholz. Wir sind einfach zu laut. Übernachtet wird in Kamloops, vor dem der Thompson River die Ausmaße eines Sees annimmt. Kamloops ist eher ein – zugegeben großes – Kaff. Aber, „Hey, Leute. Das ist die drittgröße Stadt in British Columbia! Und nirgendwo scheint mehr die Sonne und hat es mehr Tage mit über 30 Grad“, gibt uns Ron mit auf den Weg. Dann lächelt er, als wir alle endlich im Bus sitzen. Geschafft.

Rattert und stampft, bis es man seekrank wird

Rattert und stampft, bis es man seekrank wird

Der Zug schaukelt und swingt

Ohne Schwindel geht es weiter. Am Abend des zweiten Tags bei der Ankunft in Jasper ist alles gut im Kopf, nichts dreht sich. Nur das triste Ortsbild schlägt uns aufs Gemüt. Also, nichts wie rein in den Mietwagen und die Pyramid Lake Road hoch an den gleichnamigen See. Dort zieht die Natur gerade alle Register von Kitsch und Romantik, bepinselt den bis ins Tal verschneiten 2.766 Meter hohen Pyramid Mountain mit glühenden Rot- und Orangetönen und lässt den spiegelglatten See warm glänzen, der doch erst vor kurzer Zeit aufgetaut ist. Hallo, Alberta, wir kommen.

Am Maligne Lake tanzen Schneeflusen vom Himmel, der See ist erst seit ein paar Tagen eisfrei. Die Finger sind kalt, der Himmel hängt wie eine graue Steppdecke über den Gipfeln. Wir haben Anfang Juni. Der knallblaue Peyto Lake, den wir am Folgetag suchen und verpassen, versteckt sich noch unter einer geschlossenen Schnee- und Eisdecke. Es war ein langer Winter, erst spät und dementsprechend hungrig sind die Bären aus dem Winterschlaf erwacht. Nun machen sie die ganze Gegend unsicher. Absperrungen flattern warnend im Wind, Schilder künden von „aggressive grizzly bear in area“.

Pyramide Lake: Uff, die Bären sind los!

Rund um den Pyramid Lake erstrecken sich ausgedehnte Sperrgebiete – nicht nur am Fuße des Bergs, wo die Natur generell vor freizeitaktiven Zweibeinern geschützt wird, sondern zeitweise auch am anderen Ufer, wo sich Lodge, Bootsverleih und Wanderparkplatz befinden. Dort geht es eher darum, Mountainbiker, Wanderer und Abendspaziergänger vor dem Bär zu schützen. Einer von Jaspers Problembären hat sich am Vortag unseres einen Biker gegriffen – der Mann hatte Glück. Er war Bärenforscher und wusste, was zu tun ist, wenn Ursus arctos horribilis überrascht wird und es zu einem „defensive encounter“ kommt. Ultima Ratio, wenn alle Versuche, den Bären mit sanfter Stimme zu beruhigen fehlschlagen: Sich flach auf den Boden legen, mit gespreizten Beinen. Im konkreten Fall war das nicht so lustig, da der Bär mit seiner Pranke die Flasche Bärenspray, die der Forscher im Rucksack bei sich trug, zerlegte. Der Mann lag dann für 20 Minuten blind und orientierungslos auf dem Boden. Der Bär machte sich irgendwann aus dem Staub.

Nur ein paar Stunden, bevor wir die Zeitungsmeldung lasen, stolpern wir auf dem Weg zum Lake Moab über einen großen Haufen Scheiße. Mitten auf dem Trail. Fell- und Knochenreste machen klar, dass der Urheber kein Veganer auf Wanderschaft ist. Der Spaziergang durch das eher dichte Unterholz fiel dann eher kürzer aus.

Paddeln auf dem Pyramid Lake – und durchs Ufergebüsch streifen die Bären

Paddeln auf dem Pyramid Lake – und durchs Ufergebüsch streifen die Bären

Brrrr, Paddeln bei zwei Grad!

Der nächste Tag: Frühmorgens, es hat zwei Grad. Mit klammen Fingern ziehen wir das Kanu zum Sunrise-Paddling ins Wasser des Pyramid Lake. Tief hängen die Wolken, das Wasser ist spiegelglatt. Ryan, unser Guide, serviert den schlaftrunkenen Deutschen am Ufer erstmal schwere Muffins und dünnen Kaffee. „Hey, Guys, seid ihr schon mal in einem Kanu gesessen? Ja, prima. Dann los!“ Die Tour über den morgenstillen See ist großartig. Die aufgehende Sonne taucht langsam die Felswände und Eiskuppen in wärmere Farben, Wolkenbändern wabern auf und ab. „Lass das Paddel einfach auf einer Seite Peter. Ich mach das schon….“, ruft mir Ryan von hinten zu. Ganz so formvollendet scheinen meine Manöver nicht zu sein, als es darum geht, im idealen Winkel –„Nehmt die Paddel nach unten, ich seh so eure Gesichter nicht!“ – auf den Fotografen zuzufahren.

„Ryan, wie paddelt man denn am effektivsten?“, will ich wissen. „Ruhig und mit Kraft, wie sonst? Nein, im Ernst. Tauch das Paddel steil ins Wasser, stich das ganze Blatt richtig ins Wasser! Die Hände greifen auf Armlänge den Schaft und den Knauf. Dann arbeitest du mit der Schulter, nicht aus den Armen raus. Und, hey, eigentlich kniet man im Kanu und sitzt nicht…“ Hat man erstmal den Rhythmus gefunden, hat so eine Paddeltour sicher etwas Kontemplatives. Kanu und Kanada, das gehört zusammen. Aus guten Grund heißen die Kanus auch Kanadier. Untrennbar. Jeder fünfte Wagen hat ein Kanu auf dem Dach. Und das Bonmot „A Canadian is someone who can make love in a canoe“ spricht für sich.

Wer das sehen will, nimmt die Jasper Sky Tram nach oben

Wer das sehen will, nimmt die Jasper Sky Tram nach oben

Bärenhunger sorgt für Stimmung

Der Kabinenführer der sorgt bei seinen Gästen für Gänsehaut während der Fahrt hinauf zum 2.277 Meter hohen Panorama-Berg über Jasper. „Da oben sitzen schon den ganzen Tag fünf Berg-Grizzlys herum. Und gestern beim Wandern am Majorie Lake hab ich einige Schwarzbären getroffen. Ja, der Winter war hart und lang und die Burschen treiben es dieses Jahr deshalb besonders wild.“ Ein 270-Grad-Panorama auf Augenhöhe mit den Gipfeln der Rockies genießt man von der Bergstation auf dem Whistler’s Mountain, die sich drinnen als Resopalhölle entpuppt. Der Rundumblick reicht vom fast 4.000 Meter hohen Mount Robson in der Ferne über das Athabasca Valley mit vielen kleinen, knallblauen Seen und das Valley of the Five Lakes bis rüber zum massiven Mount Kerkeslin und der Maligne Range.


Weitere Reportagen über Kanada:

Kanada | Nova Scotia
Kanada | Go West!
Ontario | Outdoor-Mekka
Toronto | Einfach cool!
Ottawa| Hier spielt die Musik
Vancouver | Hallo, Huxwhukw!


 

Reporter-Tipps

Journey through the Clouds

Zweitägige Reise(mit einer Hotelnacht in Kamloops) von Vancouver nach Jasper im  kostet inklusive Transfers, Frühstück, Mittagessen und Hotel ab 880 Euro, in der Highend-Katgeorie Gold Leaf ab 1.570 Euro. Als achttägige Kombireise von Vancouver bis Calgary mit Zug und Mietwagen ab 1.721 Euro.

Brownstone

Sehr gut isst man in einem der wenigen historischen Ziegelhäuser an der Hauptstraße des zersiedelten Kamloop: Das verlangt stolze Preise, bietet dafür aber geschmackvolles Bistro-Ambiente, Steaks, Fisch sowie sehr gute Desserts (118, Victoria Street).

Hotel Five540Forty

Wer auf eigene Faust unterwegs ist und meint, in Kamloops übernachten zu müssen, steigt am besten in diesem modernen Haus an der Hauptstraße ab. Ordentliche Zimmer, zentrale Lage, freies WiFi und kleiner hübscher Rooftop-Pool. DZ ab 110 $.

Geführte Kanutouren

Gibt es ab 50 $ pro Person für 3 Stunden bei . Leihkanu ab 30 $ pro Stunde bei der Pyramid Lake Lodge direkt am See.


Sie wollen jeden Monat informative, reich bebilderte Reportagen aus aller Welt lesen und von vielen vor Ort recherchierten Tipps profitieren? Dann  jederzeit kündbares Zeitlos-Abo abschließen, eine ältere   nachbestellen  oder auf dem Tablet-PC lesen

 

 




В интеренете нашел нужный веб портал , он описывает в статьях про купить тонкий матрас www.askona.ua

Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „gambleinfo“ liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.

Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus