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Last Exit Beijing | Philosophische Tage in Georgien

Keno Stocks
Geschrieben von Keno Stocks

Keno Stocks ist 20 und damit  jünger als sein Peugeot 106. Mit dem will er von Oberbayern nach China. Allein. Ohne Masterplan. Aber mit viel Abenteuerlust. Wir begleiten ihn auf seinem Road Trip nach Peking. Die 5. Etappe führt ihn nach Georgien …

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Könnt demnächst Regen geben …

Seit ich in Georgien bin, assimiliere ich mich langsam an die Backpacker dieser Erde. Gestern habe ich mich dabei ertappt, wie ich allein zwischen anderen ungeduscht, barfuß, mit in die Kniekehlen gekrempelten Skinnyjeans und Ethno-Leinen-Oberteil im Schneidersitz auf dem Teppichboden des topgerateten und getripadvisorten Hostels von Batumi gesessen bin und auf meinem Laptop an meinem Reiseblog geschrieben habe. Für die Deckenlampe müssen wir aussehen wie eine seltsame Form stinkender, stummer, dauermeditierender Riesenglühwürmchen. Glühwürmchen, die aufgrund des ständigen Instantfeedbacks im Internet ein bisschen sensibel geworden sind. Manchmal machen wir uns Gedanken darüber, was Deckenlampen von uns halten. SHARE it, LIKE it, Ikea-Energiespar-Kronleuchter, aber DON’T JUDGE!

Tag 51: Eckpfeiler eines Erfolgs-Blogs

Ein erfolgreicher französischer Reiseblogger hat mir vorgeschlagen, ein paar historische Fakten über jedes Land, durch das ich reise, einzustreuen.

Eine erfolgreiche schweizerische Reisebloggerin hat mir vorgeschlagen, meine Gefühle weiter in den Mittelpunkt zu rücken und eine emotionalere Sprache zu wählen. Selbstfindung sei ein ganz wichtiges Topic. Außerdem bräuchte ich noch eine hippe neue Diätform, über die ich dann schreiben könne. Das sei erstens gut für die Gesundheit und zweitens gut für die Klickzahlen. Antivirulent und proviral, wenn man so möchte.

Mein Opa hat mir vorgeschlagen, in meinem Reisebericht auch hier und da mal über meine Reise zu schreiben.

Björn hat vorgeschlagen, wir könnten uns bezüglich des ausgezeichneten georgischen Bieres noch einen kleinen Nachschlag genehmigen und dann an den Strand gehen, bevor wir den Sonnenuntergang verpassen.

Ich habe beschlossen, die letzten drei Vorschläge zu beherzigen. Wer sich für die Geschichte Georgiens interessiert, möchte diese bitte selbst recherchieren.

Zeit, diesem Blog ein neues Gesicht zu geben.

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Auch auf dem georgischen Land gibt es Glanzpunkte (wenn schon mal nicht die Sonne scheint) – hier eine Moschee mit goldenere Kuppel

Tag 52: Georgien, das Geist-Reich

Seit ich in Georgien bin, durchlebe ich einen radikalen inneren Umsturz. Jeder Sonnenaufgang in dieser wilden Gebirgslandschaft scheint mir eine übersinnliche Erleuchtung sein zu wollen. Jeder Bachlauf sprudelt reinigend durch meinen Geist. Jeder Grashalm kitzelt meine Seele wie ein Schmetterling auf einer Kindernase. Ich möchte mein Leben ändern. Grundlegend. Wie konnte ich mein Spiegelbild bisher tausendmal belügen und behaupten, sein materieller Ursprung sei ein weltoffener, liberaler, moderner, weltoffener und weltoffener Freigeist und Reiseblogger?

Ich lasse jetzt mein Auto stehen, von hier an schwebe ich im Schneidersitz über die Straßen, mit einem gütigen Lächeln auf meinen Lippen. Statt nichtzyklischen Stickoxiden verbreite ich fortan zyklische Harmonie. Und zwar weit über den Grenzwerten, mit denen das weltliche System von Hass und Krieg uns junge Lotusblumen im Schatten hält und verhindert, dass wir unsere Schönheit den liebenden Augen der Sonne präsentieren können.

Tag 53: Auf die gemeinsamen Werte kommt es an!

Eine erfolgreiche schweizerische Reisebloggerin hat mir vorgeworfen, sie auf den Arm nehmen zu wollen, und vorgeschlagen, die Selbstfindung wieder aus meinem literarischen Programm zu entfernen. Ich habe ihr versprochen, zuerst einmal mit Hochdruck an meinem Selbstverlust zu arbeiten und dann den Zufall entscheiden zu lassen, wer mich schließlich findet und wie darüber berichtet wird. Björn hat mir vorgeworfen, heimlich hausgebrannten georgischen Cha-Cha in sein Bier gemischt zu haben und vorgeschlagen, die Alkoholabstinenz wieder an die Spitze unserer gemeinsamen Wertetafel zu setzen. Ich habe ihm versprochen, Bierpanscherei in der Zukunft wie in der Vergangenheit strengstens zu verurteilen und habe dann meinen Schwur der unbedingten Loyalität zum bayerischen Reinheitsgebot erneuert. Seinem Antrag zur Umgewichtung unserer moralischen Maximen habe ich zugestimmt.

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„Wohin?“ Diese Frage stellt sich manchmal auch Keno Stocks

Tage 54–70: Stranges Batumi, wildes Tiflis

Nachdem ich über Georgiens östlichste Grenze eingereist bin, habe ich einige Tage in Batumi verbracht. Nach den pittoresken, sittlichen und alkoholfreien türkischen Schwarzmeerstädten kam mir Batumi mit seinen lauten, staubigen Straßen, den riesigen, verrotteten, aber bewohnten Betonwohnklötzen, den grotesk konstruierten, hochglänzenden aber leerstehenden Luxushotels und der immensen Masse an Edelcasinos vor wie Sodom oder Gomorrha. Angenehmerweise.

Mein kleiner Peugeot hat anschließend den laut Georgiern höchstens für Ladas geeigneten Goderdzi-Pass mit viel Mühe und noch mehr Dellen im Unterboden, aber ohne technische Ausfälle bezwungen. Heute verbringe ich meinen letzten Tag in Tiflis, der vielleicht wildesten, pulsierendsten Hauptstadt der Welt, bevor ich mich für zwei Wochen mit Devi, einer indonesisch-ostdeutschen Wahlgeorgierin, Kettenraucherin und Bergführern in die kaukasischen Berge schlage. Ich grüße Mama, Papa, Klassenkameraden und vor allen Dingen meinen Opa Bernd.

I live dehydrated. And so should you.

Lies hier: Die Top Fünf Gründe für einen gesünderen und umweltfreundlicheren Lifestyle. Wusstest du, dass:

… in modernen industrialisierten Trinkwasserreservoirs jedem Liter Wasser gerade einmal ein Kubikdezimeter Raum zur Verfügung steht?

… Wissenschaftler im Cytoplasma von Krebszellen sehr hohe Wasseranteile gemessen haben?

… 94% aller randalierenden Fußallhooligans in einer Studie die Aussage „Regelmäßiger Wasserkonsum ist sinnvoll.“ mit „Ich stimme zu.“ oder „Ich stimme eher zu.“ beantwortet haben? (6% „Ich weiß es nicht.)

… Für die Produktion einer einzigen 1,5-Liter-Flasche Mineralwasser ganze anderthalb Liter sauberes Trinkwasser verbraucht werden?

… es in wasserlosen Wüsten statistisch betrachtet zu deutlich weniger Verkehrsunfällen, Schiffbrüchen und Schwarzfischerei kommt als in Hafenstädten mit einer gut ausgebauten Trinkwasserversorgung?

Make a difference. Change your life today. Stop drinking. In general.

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Mann, Auto, Berg – Dreifaltigkeit à la Georgien

Tag 71: Herzschmerz

Ich bin furchtbar einsam. Björn hat sich in eine israelische Soldatin verliebt und ist nach Israel geflogen. Eine erfolgreiche schweizerische Reisebloggerin hat sich in einen erfolglosen tschetschenischen Schafhirten verliebt und ist Schafe hüten gegangen. Ich habe mich in das Vorsicht-Kuh!-Verkehrsschild verliebt, weil es genau so überflüssig ist wie ich. In Deutschland, weil sowieso nirgendwo Kühe auf der Straße stehen und in Georgien, weil sowieso überall Kühe auf der Straße stehen. Ich bin überflüssig, weil ich Migräne habe und meine hinfälligen Gedanken keine zwei Meter weit geradeaus schicken kann, ohne dass sie in ein pochendes Schlagloch stolpern. Und weil meine Vergleiche so weit hergeholt sind wie Erdbeeren am Nordpol (qed). Gute Nacht!

Der Blog wird in Kürze fortgesetzt, alle bisherigen Episoden findet ihr hier.



Über diesen Autor

Keno Stocks

Keno Stocks

Keno Stocks hat sich schon lange dafür interessiert, was eigentlich passiert, wenn man sich in sein Auto setzt, losfährt und nicht mehr aufhört. Die ersten Experimente in diese Richtungen fanden in der Umgebung von München statt und endeten abrupt, als nach Tagen die Erkenntnis ins Bewusstsein sickerte, dass die A99 eine Ringstraße ist. Zwei wichtige Lektionen stammen aus dieser Zeit: Den besten Kaffee gibt es auf Münchens Nordhalbscheibe und jedes Schiff braucht einen Kurs! Also wurde eine vierseitige Münze geworfen und die Entscheidung getroffen, Segel zu setzen und den Bug gen Osten zu halten! Auf nach China!

(Wenn von Segel die Rede ist, ist damit freilich der 20 Jahre alte Einlitermotor des Peugeot 106 gemeint. Wenn von Schiff die Rede ist, ist darunter freilich das dazugehörige Fahrzeug zu verstehen.)

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