Länderberichte

London | Auf ins East End

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Übers Wochenende nach London ist immer lohnenswert. Ein heißer Tipp für den nächsten Trip: das einst verrufene East End und ein ungewöhnliches Hotel, die frühere Bethnal Green Town Hall.

Londons East End boomt seit einigen Jahren. Früher Scherbenviertel und No-go-Area voller Nut­ten, Schlägertypen und Gauner, heute Treffpunkt aller, die in Sachen Kunst, Musik oder sonstiger Kreativarbeit Rang und Namen haben oder haben wollen. Wer kei­nes der winzigen, tendenziell überteuerten viktorianischen Häuschen über Airbnb buchen möchte, der checkt am besten im „Town Hall“ im Stadtteil Bethnal Green ein. Das Hotel ist mit gutem Recht Mitglied der Designhotels.

Hotel für hippe Urban Traveller

Der riesige Bau der lokalen Stadtverwaltung aus dem Jahr 1910 strahlt im Innern Art-déco-Eleganz und administrative Würde aus. Der walnussgetäfelte Sitzungssaal Council Chamber neben dem kleinen Frühstückszimmer ist komplett erhalten. Dank der architektonischen Authentizität diente die Town Hall häufig als Filmkulisse, zuletzt für „Abbitte“.

Über viele Jahre verkam der Bau, bis ihn der Singapurer Peng Loh erstand und ebenso engagiert wie sensibel und stilbewusst restaurieren ließ. Nun verbinden sich edwardianische Elemen­te, marmorschwere Pracht, Art déco in Stuck, Holz und Metall sowie shabby Vintagedesign. Dafür heims­ten die Macher illustre Preise ein wie den RICS Lon­don Award for Building Conservation und den Project of the Year Award.

Das Hotel strahlt gleich­zeitig pompö­se Empire-Gravität und superlockere, pfiffig designte, freche Jugendlichkeit und Nonkonformismus aus – ohne dabei aufgesetzt und angestrengt „künstlerisch“ wirken zu wollen. Genau richtig für den hippen Urban Traveller aus der Generation Y.

Sashimi unter der Schnellbahn

Die großzügigen Apartment Suites sind alle mit maßgeschreinerten Bad- und Küchenblöcken ausgestattet, bieten sogar Herd, Spülmaschine und Waschmaschine. Dazu sorgsam platzierte Vintagemöbel im Wohn- und Schlafbereich, Felle auf dem Boden, geschmackvolle Lampen und schönes, altes Holzparkett sowie Industrielook-Fenster.

Hunger? Entweder gleich in das hauseigene „Corner Room“ mit seinem lustigen Ambiente, wo es dreigängige Lunch-Menüs ab 23 Pfund gibt. Oder ins hochgelobte „Typing Room“, dessen Chef Lee Westcott sich vor allem – und damit absolut trendgerecht – auf lo­kale und saisonale Zutaten made in Britain stützt. Für das siebengängige Tasting Menue werden 75 Pfund fällig, die Weinbegleitung kommt auf 50 Pfund. Das dreigängige Lunch Menue gibt es für 29 Pfund.

Alternativ geht es raus ins Viertel, mal etwas Neigh­bourhood schnuppern. Keine fünf Gehminuten sind es vom Patriot Square bis zur „Japanese Canteen“ in der Paradise Row, wo eine Reihe von Lokalen und Bars in den Arkaden unter den Hochschienen der Schnellbahn Overground Platz gefunden haben.

The Japanese Canteen: Unter den Arkaden der Schnellbahn gibt es Ramen-Suppe, Sushi & Co. zu sehr erfreulichen Preisen

The Japanese Canteen: Unter den Arkaden der Schnellbahn gibt es Ramen-Suppe, Sushi & Co. zu sehr erfreulichen Preisen

Am nördlichen Ende, zwischen Schnellbahntrasse und Autowaschanlagen, liegt die Japanese Canteen

Am nördlichen Ende, zwischen Schnellbahntrasse und Autowaschanlagen, liegt die Japanese Canteen

Für den Absacker muss man nicht weit gehen: Die hoteleigene Bar „Peg + Patriot“ lockt mit einer wunderbaren Cocktailkarte, lässigem Ambiente und etwas in die Jahre gekommenem Sound. Es ist keine klassische Hotelbar, das „Peg + Patriot“ zieht viele auswär­tige Gäste an und bringt so die lokale Community und Szene ins Hotel, wie auch die beiden eingangs erwähnten Restaurants.

Bummel über die Brick Lane

Keine 15 Minuten läuft man vom „Town Hall Hotel“ ins angesagte , dessen Straßen wie etwa die Redchurch Street gesäumt sind von Bio-Parfümerien, Interior Design Shops, Edelbarbieren und schicken Öko-Restaurants. Hier schwitzt jeder feuchte Backstein puren Zeitgeist aus.

Weniger aufgesetzt und inszeniert zeigt sich die Brick Lane mit einer Handvoll großer, kurios überteuerter Vintageläden: Da werden schon mal gebrauchte Adiletten mit Massage-Noppen-Fußbett an den Hips­ter gebracht – für 28 Pfund! Viele nette Kaffeebars wie die der lokalen Rösterei Nude Espresso laden Brick-Lane-Bummler zum Boxenstopp. Sehenswert ist in der Brick Lane vor allem die Old Truman Brewery. Dort sind einige kleine Shops, Galerien und Ateliers eingezogen.

Die Straßen rechts und links der Brick Lane tragen sogar Namensschilder in Bengali – und meist auch jede Menge Lack aus Dosen

Die Straßen rechts und links der Brick Lane tragen sogar Namensschilder in Bengali – und meist auch jede Menge Lack aus Dosen

Little Pakistan und Jack the Ripper

Die wechselhafte Geschichte der Brick Lane Great Mosque an der Ecke Fournier Street/Spitalfields Street ist symptomatisch für die Mutationen des East End: im 18. Jahrhundert Kapelle der Hugenotten, später zur Methodistenkirche und Synagoge umgewidmet, seit den 1970ern Moschee der Bangladeshis.

Das East End stand lange Zeit für verarmte Arbeiterfamilien, dreckige Industrieanlagen, das Revier von Jack the Ripper und für blutige Bandenkriege, es hat aber die Ausfahrt in Richtung Gentrification genommen. Das ist hart für die angestammte Bevölkerung, großteils Immigranten aus Bangladesh und Pakistan, werden diese doch nun von kaufkraftstarken Dinkies und Hipster-Pärchen verdrängt, die die Nähe zur City schätzen. Für Touristen aber ist dieser Aufschwung ein Segen, weil diese Ecke spannend ist, sehenswert und bei Weitem nicht so durchtouristifiziert wie die Portobello Road und Notting Hill.


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Info

Zimmer und top ausgestattete Apartments in der Nähe des Victoria Park. Zur Metro-Station Bethnal Green in fünf Gehminuten und 15 Minuten ins Zentrum. Wunderschön und einfühlsam restaurierter Verwaltungsbau aus dem 19. Jahr­hun­dert mit prächtigem Interieur und shabby Chic am Patriot Square. Zweier-Studio ab 190 Euro.

Unter den Bahnarkaden von Bethnal Green, formlos. Buntes Eastender-Publikum schätzt die gute asiatische Küche zu günstigen Preisen. Liegt nicht weit entfernt von der Tube Station Bethnal Green im Arch255/Paradise Row.

Aus einem abgefuckten US-Army-Jeep heraus wird Southern Fried Chicken serviert – so gut, dass der Food Truck vom Magazin „Time Out“ zum „5th best Street Food Place in London“ gekürt wurde. Im Ely’s Yard, ein paar Schritte von der Brick Lane Nummer 91.

 



Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „gambleinfo“ liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.