Länderberichte

Myanmar | Pagoden-Rausch in Bagan

Andreas Hub
Geschrieben von Andreas Hub

Myanmar boomt. Skeptiker finden, das Land falle dem Massentourismus zum Opfer, der alte Zauber sei ein wenig dahin. Widerspruch: Das sei keineswegs der Fall,
auf die richtige Reiseroute kommt es an. Folgen Sie ihm nach Bagan und zum Trekking im Shan-Gebirge.

Bagan erkundet man am besten mit dem Rad. 3.600 oder 2.900 Stupas (man kommt ja mit dem Zählen so schnell durcheinander) sind zum Laufen zu viel, das Auto erscheint nicht angemessen, auch wenn Touribusse hemmungslos über die staubigen Pfade der Tempelstadt holpern. Räder in gutem Zustand kann man überall leihen. Ohne Schlösser. Klauen ist hier keine Option. Zuerst radeln wir zum Markt, Bagan ist ja eine von 20.000 Menschen bewohnte Stadt.

 

Zwischen den Pagoden weiden die Viehherden, werden Mais, Sesam, Erdnüsse angebaut, für Reis ist es hier zu trocken. Schon um vier Uhr sind die Händlerinnen aus den Dörfern mit dem Boot aufgebrochen. Frischesten Blumenkohl, Tomaten, Bohnen, Zucchini, Salat, Avocados, vieles, das es bei uns auch gibt, breiten sie auf dem Boden aus, die Marktfrauen sitzen mit alten Handwaagen mittendrin. Auberginen und Zwiebeln, aromatische Curry-Mischungen werden mit „Power Super Heavy Duty“ austariert – statt Eisengewichten benutzt man in Myanmar alte Batterien zum Wiegen. Eine Ecke weiter ändern sich die Duftnoten: getrockneter Fisch, Hühner ohne Hüh­nerkopf, Schafkopf ohne Schaf, Blut und Fliegen.

Bagan: Stupa-Skyline vom Feinsten

Nachmittags um vier beginnt die Bagan-Rallye um die Logenplätze beim Sonnenuntergang. Längst darf man nicht mehr alle Tempel besteigen, für die Pyathetgyi-Pagode, tagsüber kostenlos, wurde eine „Sunset Fee“ von 20 Dollar eingeführt. Kutschen machen sich auf, Busse, in deren Staubfahnen violette Mini-Miet-E-Bikes und Fußgänger, Taxis aus allen Himmelsrichtungen.

Natürlich treiben die Viehhirten ihre Tiere lieber auf den Fahrwegen, nicht daneben. In Blickrichtung Westen ist schon eine Dreiviertelstunde vor Sonnenuntergang alles dicht auf der Pagodenplattform. Eine Phalanx von hochgerüsteten (offenbar recht reichen) Foto-Amateuren aus Asien bringt Kriegsgerät von Neuwagenwert in Anschlag, eine Rudel von Egoshootern im Combat-Modus. Sonst ist Bagan ja ein ausgesucht friedlicher Ort.

Shwesandaw-Pagode, ein Geheimtipp

Ein Stockwerk tiefer reicht der Himmel die Hand: Vor uns Stupa-Scherenschnitte im Gegenlicht, rechts und links glühen goldene Spitzen, roter Backstein leuchtet warm, einzelne Pagoden irrlichtern wie weiße Elefanten durchs Buschwerk. Nach dem Sonnenuntergang lassen Wolkentürme das Abendrot kurz nachhallen. Dann senkt sich die Tropennacht innerhalb von Minuten über die Tempelstadt. Von elektrischem Lichtschmutz bleibt Bagan noch weitgehend verschont. Dunkel ist wirklich dunkel. Kerzen zeigen uns den Weg durch steile Treppenabgänge im Inneren des Heiligtums, die Atmosphäre ist feierlich.

Zum Sonnenaufgang besteigen wir die Shwesandaw-Pagode, nur wenige Frühaufsteher sind da. Unverstellter Blick! Später, beim Sichten der Fotos, fällt ein seltsames Detail ins Auge: Ein Selfie-Stick ragt um die Ecke. Sie sind überall, es gibt keinen Ausweg.

Bei der Wanderung durchs Shan-Gebiet wird in einfachsten Häusern übernachtet

Bei der Wanderung durchs Shan-Gebiet wird in einfachsten Häusern übernachtet

Shan-Berge: Trekking unplugged

Wieder ein kurzer Flug, nach Heho, Richtung Osten ins Shan-Gebiet. Auf dem Programm stehen zwei Tage Berg-Trekking. Start ist in der Nähe von Kalaw, knapp 1.400 Meter hoch, ehemalige britische „Hill Station“, eine kolonialer Rückzugsort für hitzeflüchtende Beamte. Guide Khun Htun Tee balanciert mit uns über die schmalen Begrenzungen jetzt trocken liegender Reisfelder, wir wandern durch lichte Wälder, ruhen wie Buddha unterm Banyan-Baum, sehen Menschen schattenlose Felder von Hand bestellen.

Mit einem blauen Plastikrohr bläst Mo Phrar in das Herdfeuer, um die Glut für das Teewasser anzufachen. Aufsteigender Rauch lässt Augen tränen und Lichtfinger tanzen, die durch geflochtene Bambuswände in den fensterlosen Raum fallen. Die alte Frau lächelt ein freundliches, zahnloses Lächeln. Nie habe ich ein Gesicht gesehen mit so vielen Runzeln, aber der Blick ganz wach. Auf Anhieb kann sie nicht sagen, wie viele Enkel und Urenkel sie hat. Neun Kinder, fünf sind schon gestorben, vier leben noch. Miyao, 17 und frisch verheiratet, hilft beim Zählen: 21 Enkelkinder. Mo Phrar ist jetzt 87. Früher war sie manchmal auf dem Markt, zwölf Meilen von hier, sonst hat sie ihr Dorf nie verlassen.

China macht sich breit, das beunruhigt

Ihre junge Urgroßnichte träumt davon, nach Yangon zu reisen und die goldene Shwedagon-Pagode zu besuchen. Die alte Frau trägt ein orangefarbiges, wie ein Turban gewickeltes Kopftuch, die junge ein rotes. Das weist sie als Pao aus, eine von 135 Ethnien des Vielvölkerstaats. Unser Guide, ebenfalls Pao, kann dolmetschen. Im bergigen Shan-Staat wechseln Volk, Sprache und Tracht manchmal von Dorf zu Dorf.

Nach dem Abendessen sitzen wir im Schein einer Kerze mit den Dorfleuten zusammen. Es geht in Myanmar gar nicht anders, irgendwann kommt das Gespräch immer auf die „Lady“, auf Aung San Suu Kyi, auf den fragilen Prozess der Demokratisierung, ob es schneller gehen müsse oder eher langsamer, damit es nicht zu Gewalt kommt. Sie erzählen von der Sorge vor dem wachsenden Einfluss Chinas. Ein Staudammprojekt wurde durch Proteste der Bevölkerung verhindert, aber Investoren aus dem Nachbarland kaufen peu à peu burmesisches Land auf, bauen Fabriken, Bergwerke, Hotels. Mehr Fragen als Antworten.

Die Shan-Region im Osten des Landes ist extrem ländlich geprägt

Die Shan-Region im Osten des Landes ist extrem ländlich geprägt

Blindflug durch das Bauerndorf

Als die Kerze heruntergebrannt ist, taste ich mich mit Kamera und Stativ zum Platz vor dem hölzernen, buddhistischen Kloster, um Fotos vom Nachthimmel zu machen. Da sind so viele Sterne. Die acht Gestirne des Orion verschwimmen in einem milchigen Meer weißer Punkte. Aber es gibt auch winzige rote Punkte – Menschen mit glimmenden Cheroot-Zigarren, anderes Licht gibt es nicht.

Dann will ich zurück zu unserem Haus, sind ja nur Schritte. Und finde es nicht mehr wieder. Es ist zu dunkel. Ich irre durch das Dorf, die Gastgeber schlafen schon, die Begleiter hören das Rufen nicht – wir sind mit echter Dunkelheit einfach nicht vertraut.  Die Nacht wird hart, ganz wörtlich, auf dem beinahe schwarzen, vom Küchenfeuer im Erdgeschoss imprägnierten Holzfußboden.Trotzdem zehn Stunden fester Schlaf und keine Rückenschmerzen. Um sechs krähen die Hähne. Draußen dichter Nebel. Ich schlendere durch das Dorf. Plötzlich macht es „Buh!“ aus dem Gebüsch. Erschrocken drehe ich mich um, hinter mir steht ein Mann und lacht sich kaputt.

Dorfidyll ohne Wasseranschluss

Die ersten Ochsenkarren holpern über lehmige, von Regenfällen ausgewaschene Gassen. Schemenhaft verschwommene Wesen balancieren kubikmetergroße Pakete mit Reiscrackern auf ihren Schultern, andere jonglieren gelbe Wasserkanister auf dem Kopf. 2005 wurde, mit internationaler Hilfe, das Brunnenhaus gebaut, 18 Meter tief die Bohrung. Vorher gab es nur Regenwasserzisternen. Eimer für Eimer wird abgelassen, mit der Hand hochgezogen, mit einem Trichter in Kanister gefüllt. Zugang zu Trinkwasser – scheinbar selbstverständlich, mühsam in Myanmars Alltag.


INFOS

Anreise

fliegt täglich mit Zwischenstopp in Singapur (Stopover ab 28 Euro pro Person und Nacht) ab Frankfurt und München nach Yangon. Weitere Verbindungen unter anderem mit Air China, China Airlines, Etihad Airways und Emirates. Ticket ab 700 Euro.

Einreise

Mindestens sechs Monate gültiger Reisepass und Visum; dieses wird vor der . Für die Bezahlung (46 Euro) ist eine Kreditkarte erforderlich. Die Bearbeitung dauert etwa zwei Tage.

Geld und Zahlungsmittel

Achtung, aufgepasst! Die Zentralbank von Myanmar entzog allen Hotels, Restaurants, Geschäften und Airlines die Lizenz zum Handel mit ausländischen Devisen, US-Dollar eingeschlossen. Reisende können seit 1. November nur noch mit der Landeswährung Kyat oder Kreditkarte bezahlen.

Veranstalter-Check

Die empfehlenswerte 21-tägige Gruppen-Erlebnisreise folgt weitgehend der in der Reportage beschriebenen Route inklusive Homestays und Trekking. Sie kostet ab 3.560 Euro inklusive Flug ab Frankfurt, 18 Übernachtungen und äußerst kompetenter deutschsprachige Reiseleitung. Die elftägige Rundreise „Faszination Burma“ von kostet ab 1.989 Euro – ohne Flug­anreise. bietet drei Rundreisen mit Wanderungen an, neu ist eine 20-tägige ab 3.495 Euro inklusi­ve Flug­anreise. Fünf Tage Trekking mit ab 910 Euro, jeweils ohne Fluganreise. Achttägige Ayeyarwady-Flusskreuzfahrt kostet bei ab 2.860 Euro ohne Fluganreise

 


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Über diesen Autor

Andreas Hub

Andreas Hub

Am 8. Juli 2016 ist unser Freund und langjähriger Reporter Andreas Hub nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Andreas war ein ausgezeichneter Fotograf und Texter und ein sehr warmherziger Mensch. Er hat seine schwere Krankheit bewundernswert ertragen.

Andreas hinterlässt neben seiner Ehefrau drei Töchter. Die Familie bekommt nur eine sehr kleine Witwen- und Waisenrente und es wird noch einige Jahre dauern, bis seine Frau Ina wieder voll arbeiten kann.

FREELENS und die Agentur laif, die Andreas vertreten hat, unternehmen einen Benefizverkauf einiger von Andreas' Fotos. Die Einnahmen des Printverkaufs werden unmittelbar und komplett Andreas’ Familie zugutekommen.

Die Prints werden auf Hahnemühle Baryta hergestellt und von Ina Hub autorisiert und signiert. Sie sind unter Passepartout (30 x 40 cm bzw. 40 x 50 cm) auf Rückkarton in Pergaminhülle in zwei Größen erhältlich:
https://www.freelens.com/news/ein-foto-fuer-andreas/

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