Länderberichte

Patagonien | Kap Hoorn und Ushuaia

Stefan Nink
Geschrieben von Stefan Nink

Über 900.000 Quadratkilometer Abenteuer! Im Süden von Patagonien warten Feuerland,verdammt viel Wind, verdammt hohe Wellen und unvergessliche Überlandfahrten im Bus. Also, Rucksack packen – und vorher lesen, was Ihr wissen und erlebt haben müsst.

Dieses Land ist groß, ziemlich groß. Das führen sie einem gleich nach der Landung vor Augen. Auf dem Werbeplakat am Flughafen verschwinden auf einer Landkarte etliche europäische Staaten in den Umrissen von Patagonien: Holland, Belgien, Österreich, Deutschland und halb Frankreich.

„Und da haben sie den chilenischen Teil sogar noch weg gelassen“, sagt der Einreisebeamte stolz. Er sitzt an einem Schalter, wie es sie früher in den Nebenstreckengrenzhäuschen zwischen Österreich und Italien gegeben hat. Wohin wir denn wollten, fragt er. Wir zählen ein paar Nationalparks auf. Der Beamte scheint keinen der Namen je gehört zu haben.

Patagonien ist ein Land mit doppelter Staatsbürgerschaft, ein Drittel chilenisch, zwei Drittel argentinisch, und mittendrin die Anden, die säuberlich gestaffelt Gipfel an Gipfel Richtung Horizont marschieren. Wenn man nicht gerade in den gebirgigen Regionen unterwegs ist, ist Patagonien vor allem ein Land der Weite.

Kopf freipusten lassen

Und jetzt festhalten: Hier bläst es gewaltig. In Patagoniens Süden ist der Wind zu Hause. Stürmt von den Eisfeldern der Antarktis heran und türmt die Wellen im Beagle Channel. Wenn er die quer liegenden Andenausläufer hinter sich hat, hält ihn nichts mehr auf. Dann fegt er tobend über die Pampa und treibt ausgerissenes Buschwerk vor sich her, schichtet die Wolken, biegt die Bäume, faucht in langen Schüben über die Ebenen.

Manchmal kann man zusehen, wie eine Böe übers Land zieht, wie sich zuerst die Sträucher unmittelbar vor einem biegen, dann die etwas weiter hinten, dann die dahinter, und immer weiter, bis zum Horizont. Manchmal ist der Wind so laut, dass man sich nur schreiend verständigen kann.

Magellan-Pinguin: etwa 70 cm lang und vier Kilogramm schwer. Ihm fehlt jegliche Scheu vor dem Menschen

Magellan-Pinguin: etwa 70 cm lang und vier Kilogramm schwer. Ihm fehlt jegliche Scheu vor dem Menschen

Watscheltiere

Ja, was denken Sie denn, ruft der Pinguin, natürlich fahren wir heute, das Wasser ist doch völlig ruhig! Das ist doch kein Wind! Im Winter müssten Sie mal hier sein! Der Pinguin drückt uns die Tickets für den Tagesausflug in die Hand, „Abenteuer Beagle Channel“, inklusive Kaffee und Kuchen. Alkoholisches gegen Aufpreis. Das mit den Tickets funktioniert problemlos, mit dem Wechselgeld aber hat er Probleme und muss am Ende seine Flosse ausziehen. Der Pinguin arbeitet für die Schiffsgesellschaft und watschelt an Ushuaias Marina herum, ein großer Mann im voluminösen Plüschkostüm, der von den Schulkindern veräppelt und von japanischen Touristen fotografiert wird.

Überall auf den Inseln im Beagle Channel gibt es Pinguinkolonien und wahrscheinlich bekommen die meisten Männer ihre Frauen nur deswegen überhaupt auf diese Ausflugsboote. Frauen lieben Pinguine, das ist ja mal klar. Da muss man sich nur das Gekreische anhören, als der Kapitän die erste Insel mit den süßen kleinen Pinguinitos angekündigt.

Tja, so ist Kap Hoorn nunmal

Die Männer kommen natürlich aus anderen Gründen auf diese Schiffe:  Kap Hoorn liegt da draußen! Die Roaring Forties! Die gefährlichste Route der Seefahrt! Aber heute nicht, das Wasser ist ja völlig ruhig. Die ersten zwei Stunden etwa.

Dann geht es los mit den Wellen und fünf Minuten später krallen sich die ersten mit weißen Knöcheln und Gesichtern an die Reling beziehungsweise gleich über sie. Ja, da glotzen die Pinguinitos blöd! Und der Kapitän erst, als er von der Brücke ins Schiffsinnere kommt: Dort hängen alle halb benommen über den Tischen!

Schweigt der Wind, lärmt Ushuaia weiter

Maria schaut aus dem Fenster, schüttelt den Kopf und tätschelt Bambi das Fell. Maria, die Besitzerin unseres Bed and Breakfast, ist eine resolute Frau, die pausenlos auf ihre Gäste einredet. Wir haben ihr gesagt, dass wir nur rudimentäres Spanisch sprechen – sie hat es offensichtlich nicht verstanden, so rudimentär ist es. Bambi ist ihr durchgeknallter Hund. Während Maria ununterbrochen redet, kläfft und knurrt Bambi ununterbrochen. Sonst auch. Den ganzen Tag lang. Die ganze Nacht auch. Bambi schläft nie, und wir deswegen ebenfalls nicht. Außer, wir gehen tagsüber ins Kaffeehaus, wo es herrlich still ist, da ist dann schon mal ein Nickerchen drin.

Am letzten Morgen und nach vier schlaflosen Nächten erklärt Maria, der kleine Bambi leide an einer schlimmen Psychose, deswegen belle er immerzu. Sie ist kaum zu verstehen, weil die Töle alles übertönt. Als Maria nicht hinsieht, verpasse ich Bambi schnell eins mit dem Trekkingschuh. Er verbeißt sich darauf kläffend in meine Hose und ist nur mit vereinten Kräften wieder loszubekommen.

Nirgendwo quietschen Türen schöner

So ist es: Man bekommt sehr schnell Kontakt in Patagonien, wo es ein lukrativer Nebenerwerb ist, müden Wanderern Gästezimmer anzubieten. Leider nimmt man aber keinerlei akustische Rücksicht auf die Besucher – man schreit, bohrt, zimmert oder debattiert einfach weiter, als sei niemand im Haus.

Und wenn Besuchern ein Geräusch aus diesem Land in Erinnerung bleiben wird, dann ist das Quietschen von Türen. Es gibt in ganz Patagonien keine Tür, die geölt ist. Keine einzige. Nicht die Zimmertür im Hostal, nicht die Tür zum Bad, nicht die des Touristenbüros. Wie um alles in der Welt hält man das aus, wenn 3.857 Mal pro Tag die Tür schreiend quietscht? Offensichtlich stört das hier niemanden. Selbst die Bustüren quietschen. Man hört es bloß nicht, wegen des Lärms.

Im Bus: transkontinentale Entschleunigung

Busse sind die Hauptverkehrsmittel in diesem Teil der Welt. Sie bringen einen überall hin, über Berge, über Staatsgrenzen, und huckepack auf der Fähre auch über Seen und Meeresarme, meistens aber über staubenden Schotter. Manch patagonischen Pisten würden bei uns ausschließlich für landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge frei gegeben, aber dadurch lassen sich die Fahrer nicht aus dem Konzept bringen. Auch durch die Geräuschkulisse im Bus nicht.

Über dem Mittelgang hängt so gut wie immer ein Fernseher, in dem ausschließlich Filme mit hohem Lärmfaktor zu sehen sind. „Star Wars“ zum Beispiel oder „Transporter“ oder so etwas, Hauptsache, es kracht und scheppert ununterbrochen, und mindestens alle vier Minuten fliegt ein Hochhaus oder ein Raumschiff in die Luft.

Als Passagier sieht man auf solchen Fahrten entweder 13 Stunden Geballer und Explosionen oder man blickt aus dem Fenster: Da kommt nichts. Stundenlang nichts. Die Landschaft zieht an den Busfenstern vorbei wie ein Arthouse-Experimentalfilm mit endlosen Kamerafahrten, die von einem Soundtrack aus detonierenden Cruise Missiles oder wuschenden Laserschwertern unterlegt werden.

Oh, wie schön ist Patagonien

Man sieht keine Tiere, man sieht keine Pflanzen, Menschen sieht man erst recht nicht. Das einzige, was man sieht, ist eine Staubfahne weiter vorn – der Bus des Konkurrenzunternehmens, der vor 580 Kilometern elf Minuten vor uns gestartet ist. Mit im Bus sitzen Bergsteiger aus der Steiermark, argentinische Familien, Handlungsreisende aus Chile. Und ein dauerknutschendes schwedisch-israelisches Pärchen, das sich regelmäßig in die winzige Toilette zurückzieht.

So vergeht Stunde um Stunde, ohne, dass man etwas davon mitbekommt. Man kann später noch nicht einmal sagen, an was man gedacht hat. Die Leere scheint einen auf- und auszusaugen. Als wir am Ende des Kontinents ankommen, klettern wir aus dem Bus, als kämen wir aus einem Paralleluniversum zurück …


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Über diesen Autor

Stefan Nink

Stefan Nink

wurde 1965 geboren und wuchs in einer Schule auf: Sein Vater war Lehrer in Neuwied am Rhein. Stefan wollte deswegen lange Zeit ebenfalls Lehrer werden. Frühere Berufswünsche waren u.a. „Taktstocker“ (Dirigent ist ein kompliziertes Wort, wenn man drei Jahre alt ist). Er hat stattdessen Politikwissenschaften studiert, Schwerpunkt Internationales Krisenmanagement. Damit war er prädestiniert für eine Laufbahn in der siebten oder achten diplomatischen Reihe. Oder der neunten. Stattdessen volontierte er beim SWR (damals noch SWF) und schrieb lange ausschließlich über Musik, beim „Musikexpress“ und für die „Welt“. Später gehörte er zum Gründungsteam des deutschen „Rolling Stone“ und interviewte Musiker für die ARD und das FAZ-Magazin. Größter Beinahe-Flop: Nach einem Spaghettikochabend bei Lenny Kravitz in NYC verzottelte er ein DAT-Band mit einer Gesangsspur von Kravitz, das er zwei Tage später Mick Jagger in London überreichen sollte. Glücklicherweise tauchte das Band wieder auf und das Duett der beiden dann auf Jaggers nächstem Soloalbum. Stefan begann 1991, Reisegeschichten zu schreiben. Und macht das bis heute. Zum Beispiel für „gambleinfo“. Seine Reportagen wurden in 17 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Im Oktober erschein sein neuer Roman „Sonntags im Maskierten Waschbär“. Wie schon „Donnerstags im Fetten Hecht“ und „Freitags in der Faulen Kobra“ trägt auch das neue Buch starke autobiographische Züge.

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