Länderberichte

Porto statt Lissabon | Zweite Reihe, erste Wahl

Porto, Portugal: Blick über die Stadt
Martin Müller
Geschrieben von Martin Müller

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu populären Städtereisezielen vor. Diesmal geht es um Portugal. Lissabon ist ein Lieblingskind des City-Tourismus, aber Porto holt auf. Obwohl viele Fassaden mittlerweile  restauriert sind, hat sich die zweitgrößte Stadt Portugals ihren rauen Charme bewahrt…

Fotos: Günter Standl

Warum Porto?

Porto am Douro ist so „Oh“! „Oporto“ runden einheimische Zungen den Namen mit dem portugiesischen Artikel klangvoll auf. „Oh, Porto!“ staunt man beim Blick aus luftiger Höhe vom Zwillingsort Villa Nova de Gaia über die elegante Bogenbrücke Ponte Dom Luís I hinweg auf Ribeira, die Altstadt von Porto.

Deren bunte, von der Unesco geschützte Fassaden scheinen drüben in den Douro zu purzeln. Hüben ducken sich die Portweinlager der seit über 325 Jahren ansässigen britischen Süßweinhändler. Da­zwischen verkehren die Rabelos, die Ausflugsbarken, mit denen früher der Rebensaft von den Douro-Hängen nach Porto zum Reifen kam. So einen dramatischen Cocktailbalkon nebst Boule­vard aus gebogenem Eisen hat nicht mal das große Lissabon zu bieten. Brückenspringer machen die Schau perfekt.

Wenn Lissabon trendy ist, wirkt Porto authentisch. Im Vergleich zu Lissabons üppiger Dolce-Vita-Aura markiert Porto sein labyrinthisches Terrain mit rauer Ehrlichkeit. Verfall und restaurierte Magie sorgen für einen einzigartigen Mix in der 240.000-Einwohner-Stadt. Hier wurde immer malocht, etwa in den 80 Kachelfabriken, und hinter Fassaden aus vernachlässigtem Chic in Hinterhausgärten gehaust, den Islas. Den Blick hinter die herausgeputzten Kulissen bieten junge Architekten, die ihre faszinierenden Spaziergänge ironisch „“ nennen (keine festgelegten Preise, ein großzügi­ges Trinkgeld für die Guides sollte aber drin sein).

Fassaden erfahren ein Facelift und Brachen werden bebaut, auch weil Start-ups scharenweise entstehen. Kaffeehäuser, Hotels und Restaurants erwachen aus langem Siechtum wie frisch poliertes Tafelsilber. Kulturtempel wie die Casa da Musica von Rem Kohlhaas am Boulevard am Atlantik bekommen kreative Gesellschaft. Porto lässt sich nach Jahren der Lethargie nicht mehr lumpen und setzt atlantisch-nordische Coolness, uralten Portwein (aus dem Douro-Tal in Portugal) und deftige Innereienkulinarik gegen Lissabons süße Pasteis-Küchlein.

Muss man sehen

Welch tollen Einstieg für Portugalbesucher bildet die Halle des Bahnhofs São Bento! 20.000 blau-weiße Azulejos mit historischen Szenen zeigen die Kunstfertigkeit von Portos Fliesenherstellern. Noch mehr Besucher zieht das östlich vom Bahnhof in der Fußgängerzone Rua da Santa Catarina (Nr. 112) an. Als J. K. Rowling 1990 hier Muße für Harry Potter fand, war der Jugendstil-Spiegelsaal noch unrenoviert und lange nicht so nobel wie heute. Westlich des Bahnhofs inspirierte Rowling die Trep­pe in der (Rua das Carmelitas), auch sie ein „Must-See“ für Harry-Potter-Fans, für das man 5 Euro Eintritt zahlen muss – beim Kauf eines Buchs wird er verrechnet.

Porto, Portugal: Die Holztreppe der Buchhandlung Lello ist als Foto-Objekt begehrt

Die Holztreppe der Buchhandlung Lello in Porto ist als Foto-Objekt begehrt

Entspannter zeigt sich die Poesie nebenan um den Löwenbrunnen an der Praça dos Leões mit den Kirchenfassaden der Igreja dos Carmelitas und der Igreja do Carmo.

Eine Fahrt mit den 200er-Bussen führt gefühlt auf einen ganz anderen Planeten: Wie ein gestürzter Komet wirkt Rem Koolhaas’ Musikzentrum Casa da Musica. Ein paar Haltestellen weiter auf der Avenida da Boavista macht die cool-kantige Moderne weiter im (10 Euro) von Stararchitekt Álvaro Siza Vieira: zeitgenössisch, skulptural, bunt. Aber nun lockt der Fluss, dem man sich durch Gassencanyons vom Löwenbrunnen her nähert, entlang renovierter Fassaden in der Rua das Flores, mit Stopp am prächtigen Ex-Handelstempel .

Vielleicht erst einmal eine Bootstour? Mehrere Unternehmen bieten die knapp einstündigen Douro-Cruises an, etwa „Douro Acima“ (15 Euro). Am Fluss im alten Ribeira tobt das Leben und lockt der Brückenschlag hinüber nach Gaia. Am stilvollsten ist der Aufstieg zum Panoramablick mit der (6 Euro). Oben harrt man der Blauen Stunde, bei Cocktails und umgeben von liebenswerten Menschen .

Porto, Portugal: Kantige Moderne: Rem Koolhaas’ Casa da Musica

Kantige Moderne: Rem Koolhaas’ Casa da Musica

Aussicht

Portos bauliche Enge über dem Fluss gipfelt immer wieder in oft überraschenden Aussichten auf den Douro – versteckt wie am Miradouro da Vitória (Rua de São Bento da Vitória 11) oder mit großzügigem Ambiente an der auf einem Hügel in der Altstadt thronenden Kathedrale Sé. Der absolute Gipfel wird nach 240 Stufen auf dem Torre dos Clérigos erreicht, Portugals höchstem Kirchturm (5 Euro, Rua de São Filipe de Nery). In Gaia dominiert der Blick vom Nonnenkloster Serra do Pilar. Oder man blickt leicht schwindelnd von der filigranen Ponte Dom Luís I von Baumeister Théophile Seyrig auf beide Ufer herab.

Porto, Portugal: Torre dos Clérigos: Den Traumblick erkauft man sich durch den Anstieg über 240 Stufen

Torre dos Clérigos: Den Traumblick auf Porto in Portugal erkauft man sich durch den Anstieg über 240 Stufen

Bummeln und Schlemmen

Ähnlich wie mit den Flussbrücken spannt Porto auch einen weiten kulinarischen Bogen. Isst Lissabon oft süß, offeriert Porto eine deftige Seite. Tripeiros werden die Portenser genannt, weil sie so gern Tripas – Kutteln oder Innereien – verspeisen. König Heinrich der Seefahrer verlangte 1415 von den Portensern Proviant für seinen Kriegszug gegen Ceuta – was den Leuten blieb, war das Gedärm, woraus sie fortan mit Hülsenfrüchten Stews kochten, etwa Tripas à Moda do Porto. Portos Antwort auf den Burger oder den bei zugereisten Engländern beliebten Croque Monsieur ist Francesinha, ein mächtig mit Käse überbackener Fleischtoast, den man am kultigsten im (Rua de Passos Manuel 226) verzehrt.

Porto, Portugal: Leicht speist man im Restaurant „Flow“

Leicht speist man im Restaurant „Flow“

Das brandneue und superschicke Top-Restaurant (Rua de Avis 10) im „Hotel Infante Sagres“ macht in Fusion (Mittagsmenü für 15 Euro), der prachtvolle (Rua da Conceição 63) serviert modern interpretierte portugiesische Küche. Das Café A Brasileira (Rua do Bonjardim 116) ist ein 2017 als Fünf-Sterne-Hotel wiedereröffnetes Kaffee­haus aus der Belle Époque, derzeit das schönste seiner Art. Schinken, Wurst, Feigen, Oliven und Käse gibt’s im Comer e Chorar por Mais (der Name ist Programm: „Iss und bettle weinend um mehr!“), süßes Gebäck in der Confeitaria do Bolhão (Rua Formosa 300 und 339). In den kleinen Sardinenrestaurants in der Altstadtenge wird der Fado ergreifend mitserviert, weshalb man etwa in der (Rua de São Sebastião 25) reservieren sollte.

Porto, Portugal: Restaurant „Casa da Mariquinhas“: Erst Sardinen, dann Fado

Restaurant „Casa da Mariquinhas“: Erst Sardinen, dann Fado

Lieblingsplatz

Salzig oder süß? Unterschiedlicher können zwei Plätze nicht sein: Draußen an der Douro-Mündung sticht eine lange Mole in den Atlantik. Inmitten brechender Wellen und überkommender Gischt sind die Angler voll in ihrem Element. Hier kann man den Ozean schmecken! Um süße Aromen geht es bei , dem britischen Portweinhersteller in Gaia. Genüsslich Roten, Weißen sowie den alten Vintage verkosten und ganz viel über den Wein vom Douro lernen!

Porto, Portugal: Taylor’s: Pflichtbesuch für Portweinfans

Taylor’s in Porto: Pflichtbesuch für Portweinfans

Shopping

Stadtweit locken Portos Feinkostläden Mercearias, besonders beim derzeit wegen Renovierung geschlossenen Markt Mercado do Bolhão. Käse, Wurst und von der Decke baumelnder Schinken, zudem der federleichte Dörr­fisch Bacalhau – die meisten Mitbringsel dürfen kulinarischer Natur sein. Auch weil Verkäufer und Inhaber schrecklich nett sind. Die ikonischen Sardinendosen bitte nicht vergessen!

Porto, Portugal: Sardinendosen: Pfiffiges kulinarisches Souvenir

Sardinendosen: Pfiffiges kulinarisches Souvenir

Viel geräumiger und edler als die Schlemmerlädchen ist die zwei­stöckige, nostalgische (Galeria de Paris 20), wo traditionelle und neue portugiesische Produkte erklärt und präsentiert werden. Keramiken natür­lich, als Kachel oder in Schwalbenform (die Bordalo-Pinheiro-Schwalben gibt’s seit 1891), die berühmten Ach-Brito-Seifen der Luxuslinie Claus Porto, dazu Schmuck und Stickereien.

Die (Rua de 31 de Ja­neiro 167) bietet modernen femininen Style, wobei der Hang zum aufgestickten Dekor ty­pisch portugiesisch ist. Noch mehr Shops für Portugal-Souvenirs warten in der Rua de Cândido dos Reis.

Porto, Portugal: Espaço Porto Cruz: Coole Dachterrasse in Gaia

Espaço Porto Cruz: Coole Dachterrasse in Gaia

Nightlife

Jede Nacht eine andere Flussseite. Wen Sunset und Blaue Stunde schon über die Brücke nach Gaia gelockt haben, sollte sich mit einem Cocktail, natürlich mit einem Schuss Port, auf der Dachterrasse des (Largo Miguel Bombarda 23) tummeln, danach kann der Abend in einer Port-Ausstellung mit virtuellem Flug übers Douro-Tal zwei Stockwerke darunter oder im Restaurant im dritten Stock weitergehen. Auf Straßenniveau rundherum spielt sich das legere Nachtleben an den Mauern von Weinkellereien wie Sandeman ab … und am Fluss entlang der Avenida de Diogo Leite, immer Porto drüben im Blick.

Porto, Portugal: „The Yeatman Hotel“: Allerfeinstes Porto-Panorama vom Pool des eleganten Hotels in Gaia

„The Yeatman Hotel“: Allerfeinstes Porto-Panorama vom Pool des eleganten Hotels in Gaia

In Porto City geht man frühestens ab 22 Uhr aus. Besonders entlang der Rua de Cândido dos Reis und der Parallelstraße Rua da Galeria de Paris sind um Mitternacht die Stuhlreihen vor einem Dutzend Bars wie dem Gin House, Vermuteria und La Boheme entre Amis ziemlich gut gefüllt, während drinnen Jazz und Tango live erklingen. Burger als Sattmacher serviert hier spät noch das , leckere Häppchen zum Wein das und Sushi das Gin House – alles zwischen den beiden Bohème-Straßen.

Porto, Portugal:Hotel „Infante Sagres“: Belle-Epoque-Grandezza

Hotel „Infante Sagres“: Belle-Epoque-Grandezza

Schön schlafen in Porto

Hüben wie drüben ruht sich’s exquisit. Großzügig etwa im „“ in Gaia (DZ/F ab 215 Euro, Rua do Choupelo), das seit 2010 vor modernem Luxus und Eleganz nur so strotzt, aber auch mit der Aura einer Landvilla seine Gäste verwöhnt. Vom superben Pool- und Spa-Bereich schaut man direkt auf Porto, zwei Michelin-Sterne und tolle Weine warten außerdem auf die Gäste.

Das Hotel „“ (DZ/F ab 160 Euro, Praça D. Filipa de Lencastre 62) bietet höchst gediegenen Luxus, der sich nach Belle Époque an­fühlt, es wurde erst 2018 aufwendig renoviert. Genauso zentral liegt das von außen unscheinbare (DZ/F ab 125 Euro, Rua de Sá da Bandeira 84), dessen divenhaft-dramatisches Ambiente dämmrige Backstage-Aura mit einem pompösen Luxusliner-Touch verbindet.

Porto, Portugal: „Hotel Teatro“: Mit dem Charme eines alten Lichtspielhauses

„Hotel Teatro“: Mit dem Charme eines alten Lichtspielhauses

Nicht verpassen

Man schlägt sich mit aufblasbaren Plastikhämmern auf den Kopf, isst Unmengen gegrillter Sardinen, die Rabelos bevölkern als Segelboote den Douro und abends suchen sich Gaia und Porto im großen Feuerwerk an der Dom-Luìs-I-Brücke auszustechen: Festa de São João am 23. Juni ist das Mittsommerfest für den Schutzheiligen der Stadt und hat die Bewohner fest im Griff.

Porto, Portugal: Im Restaurant Fuzelhas genießt man den Atlantik-Blick durch die Glasfront

Restaurant Fuzelhas: Wenn es zu windig sein sollte, genießt man den Atlantik-Blick durch die Glasfront

Raus aus Porto

Baden in der Atlantik-Brandung am „salzigen Rand“ von Porto ist gefahrlos möglich – dank Pritzker-Preisträger Álvaro Siza Vieira! Er ließ vor gut 50 Jahren in (ein paar Kilometer nördlich von Portos Zentrum) das Meeresschwimmbad Piscinas de Marés als brutalistische Terrassenanlage in die Felslandschaft rammen (6 Euro). Nebenan am Strand kann man sich dann recht preiswert im Restaurant Fuzelhas verköstigen oder bei einem Bier einfach in die Wogen starren. Hin kommt man mit dem Bus 507, der bei der Livraria Lello abfährt.

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Info Porto/Portugal

Anreise

In drei Stunden direkt nach Porto/Portugal mit hin und zurück ab 110 Euro oder mit sowie mit ab 250 Euro

Spartipp

Die verschafft freien Eintritt in elf Museen, freie Fahrt in Bussen und Metro sowie diverse Verbilligungen (1 Tag 13 Euro, 2 Tage 20 Euro).

Buchung

Portugal-Spezialist hat Hotels verschiedener Preisklassen im Portfolio, außerdem Optionen für Rundreisen im Anschluss an den City-Trip.

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Über diesen Autor

Martin Müller

Martin Müller

Da, wo ich weg komme, nämlich aus‘m Ruhrgebiet, muss ich manchmal sagen, dass ich nichts Besseres gelernt habe. Ich kann eben nur Autor, Reporter, Schreiberling. Im Ruhrgebiet, wo ich zufällig hineingeboren wurde, leben immer noch so schön viele von diesen Anpackern, die eine abgespeckten Sprache pflegen. Es versetzt also schon in Erstaunen, dass ich in ganzen Sätzen reden und schreiben kann. Vielleicht hat das aber mit jenem Witz - manche sagen Aberwitz - zu tun, den wir hier mit der Muttermilch einsaugen, ein Humor von der Sorte, wie ihn nur eine Gemeinschaft von vermeintlichen Underdogs drauf hat, wie etwa die Briten. Aus so einer verschworenen Gemeinschaft auszubrechen und die Welt zu bereisen, erscheint kühn. Ich darf mich mal bei einem anderen schreibenden Bochumer bedienen, um diesen Mut zu durchleuchten. Frank Goosen hat ja knapp und treffend gesagt: „Woanders is auch scheiße.“ Gut, das kann man als Anleitung zum Dableiben verstehen. Oder man sagt einfach: „Dableiben is auch ...“ Also bin ich einfach los.