Länderberichte

Portugal | Neue Woll-Lust

Geschrieben von Albrecht Heinz

Für Hirten und ihre Herden sah die Zukunft in der
Serra da Estrela düster aus. Doch jetzt bringen junge
Unternehmer neues Leben in die Region.
Gespendet vom ältesten Stoff aus Portugal:
dem filzähnlichen Burel.

„Das ist einer unserer wichtigsten Mitarbeiter“, grinst Joao Tomas und präsentiert ein zerbeultes Kännchen. Fast immer, wenn die in der lichten Produktionshalle stehenden Maschinen in Manteigas in der Bergwelt Mittelportugals streiken, sorgen ein paar Öltropfen für Abhilfe.

Und man kann es den Spinnmaschinen und Webstühlen nicht verdenken. Denn obwohl hier in der kleinen, aber feinen Burel Factory topmoderne Designerstücke hergestellt werden, haben die Produktionsmittel – einst von der deutschen Firma Lentz hergestellt – mehrheitlich über 100 Jahre auf dem Buckel.

Auf eine noch viel längere Geschichte blickt der Stoff zurück, der am Ende die Fabrik verlässt: Bereits seit etwa 1.100 vor Christus wird in der Serra da Estrela, dem portugiesischen Sternengebirge, Burel hergestellt. Das Gewebe besteht aus reiner Schafwolle, die zunächst gesponnen und verwoben und dann bei großer Hitze extrem verdichtet wird. Anders als Filz, für den Wolle nur gepresst und erhitzt wird und den man deshalb leicht zerzupfen kann, ist Burel extrem strapazierfähig, absolut wasserdicht, widerstandsfähig gegen Feuer und isoliert dabei bestens gegen Kälte und Wärme. Früher gab es das lodenähnliche Material vorwiegend in beige und braun, schwarz und weiß.

Die Wiederbelebung der Wollindustrie trägt auch dazu bei, eine wertvolle Naturregion zu bewahren

Die Wiederbelebung der Wollindustrie trägt auch dazu bei, eine wertvolle Naturregion zu bewahren

Design in der Einöde

Dass Decken und Kissen, Mäntel und Rucksäcke, Teppiche und Wandbehänge aus Burel inzwischen an Design- und Modefans auf der ganzen Welt verkauft werden, ist dem 59-jährigen Joao und seiner Frau Isabel Costa zu verdanken. Beide sind Quereinsteiger: Er war 25 Jahre als Rechtsanwalt in Lissabon erfolgreich, sie saß lange im Direktorium eines Konzerns, der unter anderem eine der größten portugiesischen Supermarktketten betreibt.

Burel in leuchtenden Farben

„Eher zufällig entdeckten wir 2004 nahe dem Gipfel der Serra da Estrela die ausgebrannte Ruine eines Berghotels und hatten schnell einen Traum“, erinnert Isabel sich. Sie schufen die „Casa das Penhas Douradas“ – ein schmuckes Hideaway, gestaltet in klaren, skandinavisch inspirierten Linien mit einem weiten Blick über die Berglandschaft. „Und dann hatten wir die Idee, für unser Hotel ein paar schöne Tagesdecken für die Betten und witzige Kissen anfertigen zu lassen.“ Sie suchten nach einer Fabrik, die ihnen das Traditionsmaterial Burel auch in kräftig leuchtenden Farben herstellen konnte.

Alte Wolle für junge Designer

Fündig wurden sie in Manteigas, einer schrumpfenden 2.000-Einwohner-Gemeinde am Fuß des Bergmassivs. Einst gab es hier elf Wollfabriken, heute gibt es noch eine, und die existiert nur, weil Joao und Isabel 2012 die im Jahr zuvor geschlossene Firma kurzer Hand kauften und die Maschinen zu neuem Leben erweckten. Von Anfang an suchte Isabel den Kontakt zu namhaften portugiesischen Modeschulen und hippen Designern, die dem jungen Unternehmen eine sehr frisch wirkende Kollektion entwarfen.

Und doch geht es bei der Burel Factory um weit mehr als „nur“ um die Schaffung von ein paar Dutzend Jobs in einer strukturschwachen Gegend. Die Wiederbelebung der Wollindustrie (und tatsächlich wurden auch andere Unternehmer aktiv) trägt auch dazu bei, eine wertvolle Naturregion zu bewahren.

Die Spinnmaschinen und Webstühle der deutschen Firma Lantz sind meist schon über 100 Jahre alt

Die Spinnmaschinen und Webstühle der deutschen Firma Lantz sind meist schon über 100 Jahre alt

Skispaß in der Serra

Bis auf 1.993 Meter erhebt sich die Serra da Estrela aus dem Flachland. Am Torre, dem Gipfel, liegt sogar das einzige Skigebiet Portugals mit vier Liften und neun Abfahrten. Mediterrane Steineichenwälder und Wiesen prägen die tiefer gelegenen Teile des Sternengebirges, ab 900 Meter Höhe wachsen Pyrenäen-Eichen und Eiben, darüber eher vereinzelt Kiefern. Als hätte ein Riese mit Murmeln und Bauklötzen gespielt, liegen unterhalb der Gipfel Granitfelsen und von Flechten überwucherte Quarzbrocken in der Landschaft. Im Frühling blüht dazwischen leuchtend gelb der Ginster.

Vierbeinige Rasenmäher

Tief haben sich Flusstäler ins Gestein gegraben – eine beeindruckende Naturlandschaft von beinahe brutaler Kraft, deren Reiz der Besucher am besten beim Wandern oder Mountainbiken kennenlernt. Gerade die Wollwirtschaft – und die mit ihr verbundene Schafzucht – spielt für die Erhaltung der intakten Bergwelt eine große Rolle: Die vierbeinigen Rasenmäher wirken nicht nur der Erosion entgegen, sondern halten auch die Bodenvegetation im Zaum.

Das ist extrem wichtig im Kampf gegen Waldbrände, unter denen das Gebiet in fast jedem Sommer leidet. Und weil ein Großteil der Serra da Estrela unter Naturschutz steht, dürfen die Wiesen und Weiden im größten Naturpark Portugals nicht mit Kunstdünger behandelt werden. Deshalb bleibt die Wolle der Schafe genauso rückstandsfrei wie ihre Milch und der von Feinschmeckern hoch geschätzte Rohmilchkäse Queijo da Serra.

Nebenjob zum Überleben

Sterben die Wollfabriken, kommen den Schäfern die Abnehmer für ihre Wolle abhanden. Gibt es aber keine Schafe mehr, fehlt den Fabriken der Rohstoff für ihre Produktion. Die Schäfer leiden jedoch massiv unter Nachwuchsmangel. Kein Wunder: Der Job ist mal sehr anstrengend, mal eher eintönig und so mies bezahlt, dass sich die meisten im Winter auch noch um einen Nebenjob bemühen müssen, um zu uüberleben. Innerhalb der letzten Jahre ist die Zahl der Schafe in der Serra da Estrela um rund zwei Drittel gesunken.

Für Burel wird reine Schafwolle gesponnen, verwoben und dann bei großer Hitze verdichtet

Für Burel wird reine Schafwolle gesponnen, verwoben und dann bei großer Hitze verdichtet

Aber Leben ohne Schafe? Undenkbar!

Der 50-jährige Jose Carlos Encarnacao, einst inmitten der Herde seines Vaters geboren, gehört zu denen, die sich von all den Widrigkeiten seines Jobs nicht unterkriegen lassen. „Ein Leben ohne Schafe? Für mich undenkbar“, sagt er und zieht mit seinen gut 80 Schafen und der betagten Hündin Alca Jahr für Jahr hinauf in die Berge.

Der Mann mit dem vom Wetter gegerbten Gesicht, den wachen Augen und der karierten Mütze ist für die Paarhufer Leibwächter, Krankenschwester und Hebamme in Personalunion – und das 24 Stunden am Tag. So gering sein Verdienst auch ist: Für ihn sind Joao und Isabel, die nahe Burel Factory und das verbeulte Ölkännchen echte Hoffnungsträger.

Info

Übernachten bei Manteigas: . Schmuckes Designhotel in wilder Berglandschaft. Hallenbad und Sauna, gutes Restaurant, DZ/F ab 110 Euro.

Burel kaufen im , in Deutschland etwa über .

Sich informieren über die


Ihr wollt jeden Monat informative, reich bebilderte Reportagen aus aller Welt lesen und von vielen vor Ort recherchierten Tipps profitieren? Dann  jederzeit kündbares Zeitlos-Abo abschließen, eine ältere  nachbestellen  oder  auf dem Tablet-PC lesen




Über diesen Autor

Katalog-Service

Nice 'n' easy

Holen Sie sich für Ihre Reiseplanung die Kataloge renommierter Spezialveranstalter gratis ins Haus