Länderberichte

Qatar | Doha kunstsinnig

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Kamelrennen, Shoppingmalls, Dune Bashing in Offroadern? Geschenkt. Wir stürzten uns lieber mal auf die Kunst in Doha. Die Hauptstadt von Qatar sorgt für Überraschungen!

Die armen Kerle, die in Qatar als „Migrant Workers“ unter anderem an Projekten für die die WM 2022 arbeiten, sorgten bei vielen Europäern kurzfristig für eifrige Entrüstung – und veranlassten Franz Beckenbauer zu seinem entlarvenden und vielzitierten „Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum.“

Auch in anderen Golfstaaten schuften Zigtausende Inder, Bangladeshi, Nepali und Pakistani unter vergleichbaren oder sogar schlimmeren Umständen. Das aber kümmere im Westen keinen, das sei doch verlogen, höre ich in Doha immer wieder.

„Es geht um Wechsel, Veränderung. Das ist das große Thema in unserer Gesellschaft, in der sich so viel so rasend schnell und grundlegend verändert“, erklärt die Künstlerin und Kuratorin Alanoud Al-Buainain in der Gallery Al Riwaq.

Manches heiße Eisen sei längst schon von einheimischen Künstlern aufgegriffen worden, so die 26-Jährige: Der 1969 geborene Fotograf und Künstler Khalifa al-Obaidly etwa beschäftige sich schon seit 2009 mit den Migrant Workers auf Qatars Baustellen und nicht erst, seitdem das Land den Zuschlag von der Fifa erhalten habe.

Graffiti-Künstler El Seed hat die schnöde Salwa Road in Doha mit seinen Calligraffiti zu einer Drive-thru-Gallery gemacht

Graffiti-Künstler El Seed machte die Salwa Road in Doha mit „Calligraffiti“ zur Drive-thru-Gallery

Grafitti mit Segen aus dem Palast

Verkehrsumtost gestaltet sich die genauere Betrachtung der Werke des . Die seien als „Drive-by Art“ angedacht, scherzt mein Fahrer. El Seed hat die Unterführungen der sechsspurigen Salwa Road in Doha mit über 50 kalligrafischen Graffiti aufgehübscht.

Selbstredend legal und gegen Rechnung an Qatars Schutzheilige der schönen Künste, Sheikha Al Mayassa Al Thani. Die 2014 zu „one of art world’s top 100 women“ gekürte Schwester des Emirs von Qatar ist Chefin der nationalen Museums- und Kulturbehörde QMA.

Eine der Skuplturen aus der Miraculous Journey von Damien Hirst

Eine der Skuplturen aus der Miraculous Journey von Damien Hirst

Damien Hirst vor der Klinik

Nicht ganz so gefährdet durch vorbeirasende Luxuslimousinen, deren Lenker sich gleichzeitig Smartphone, Cola-Becher und Navi widmen und deshalb gern mal zwei Fahrbahnen beanspruchen, fühlt man sich beim Betrachten von Damien Hirsts Bronzeskulpturen.

Die „Miraculous Journey“ vor dem riesigen Neubau des Sidra Medical and Research Centre feiert das wundersame Werden des Lebens – und wurde wenige Wochen nach der feierlichen Eröffnung wieder gründlichst verhüllt. Warum, frage ich meinen Guide.

„Des Baustaubs wegen“, zitiert der die offiziöse Begründung. „Weil das öffentliche Abbilden von Menschen gegen die Gebote des Koran verstößt und man da Körperteile sieht, die man nicht sehen sollte, nicht bei den Föten, aber später! Ein Uterus und ein nackter Junge“, flüstert mir ein Student zu, der über den Campus der Hamad bin Khalifa University in der Education City läuft, wo einige der besten Hochschulen der Welt wie Weill Cornell oder Carnegie Mellon ihre Niederlassungen haben.

Unzählige Galerien und Museen warten im Kulturkomplex Katara auf Gäste – meist ist es aber sehr leer

Unzählige Galerien und Museen warten im Kulturkomplex Katara auf Gäste

Kunst-Inkubator Qatar

Zu den Renommierprojekten in Doha gehört Katara. Ein Kulturkomplex aus zweistöckigen Bauten in vermeintlich traditioneller Anmutung voller Galerien und Shops, mit klimatisierten Gassen und Plätzen sowie einem romano-arabischen Amphitheater aus teurem Marmor wenige Hundert Meter vom einzigen öffentlichen Strand Dohas, dem mit speziellem Dress Code.

Nachbar Abu Dhabi rühmt sich seit Jahren seines großen musealen Sprungs nach vorn, nur schleppen sich die ambitionierten Projekte auf den Museumsinseln dort ein wenig dahin. Qatar ist leiser, aber effektiver. Und größter Käufer auf dem weltweiten Kunstmarkt. Allein Cezannes Kartenspieler ließen sich die Qataris 250 Millionen Dollar kosten – das teuerste Kunstwerk der Geschichte.

Sandsturmstimmung I: Blick über das Museum of Islamic Art auf die West Bay Dohas

Sandsturmstimmung: Blick über das Museum of Islamic Art auf die West Bay Dohas

Kalligrafie und Stahlstelen in der Wüste

Das von I. M. Pei entworfene, vor sieben Jahren eröffnete und auf jeden Fall besuchenswerte Museum of Islamic Art ist ein massiger, kubischer Bau am Hafen mit einer einzigartigen Sammlung: Vasen, Münzen, Teppiche, Kalligrafien, Koranfragmente, Kupfer- und Goldarbeiten aus dem ganzen islamischen Kulturkreis und den letzten 1.300 Jahren.

Die Schwester des Emirs steckt auch hinter einem wüsten Stück Kunst. Für seine „Installation“ hat der Amerikaner Richard Serra 60 Kilometer von Doha entfernt vier um die 15 Meter hohe Stahlstelen in den trockenen Boden der Geröllwüste rammen lassen, inmitten des Brouq Nature Reserve und nur per Allrad zu erreichen: N25o 31.019’ E050o51.948’.

Pfiffig! Boutique-Hotels im Suq

Was für einegute Idee: Die Gäste der Al Jasra, Arumaila, Al Bidda, Al Jomrok, Al Najada, Najd, Al Mirqab oder Bismillah nächtigen direkt im Marktviertel Suq Waqif, unweit der Corniche, vieler Cafés, von Falkenkliniken und Pferdegestüten.

Die Hotels sind fein aus­gestattet, teils mit eigenem Spa. Und bei Preise um die 160 Euro fürs Doppelzimmer der abgesehen vom wohl beste Hotel-Tipp in ganz Qatar. Tritt man am Abend vor die Tür, steht man mitten im Ausgehtrubel. Der Suq platzt donnerstags und freitags aus allen Nähten.

Gekonnt auf alt gemacht sind weite Teile des Suq Waqif – neben Cafés und Restaurants gibt es auch einige Souvenirläden

Gekonnt auf alt gemacht sind weite Teile des Suq Waqif – neben Cafés und Restaurants gibt es auch einige Souvenirläden

Suq Waqif

Der Suq Waqif wurde mit viel Aufwand renoviert und erweitert. Wo bei meinem ersten Besuch in Qatar vor zwölf Jahren Hunderte Pick-ups herumstanden und  Ziegen im Unrat des Suq nach Essbaren suchten, kämpfen heute Familien mit riesigen Portionen an Eiscreme, Fleischspießen, Obst-Shakes und Pizza.

Da lässt mancher Bürger von Qatar gern den Achtyzlinder-Geländewagen beim Valet Parking zurück und geht zu Fuß. Und beäugt aus der ersten Reihe der Cafés West-Touristinnen in atmungsaktiven Dreiviertel-Hosen und kurzberockte Silikonkunstwerke aus Osteuropa. Unterdessen saugen die Gattinnen demonstrativ gelangweilt an ihren Wasserpfeifen und beschäftigen sich mit ihren XXL-Smartphones.

Ganz hinten, auf der Baustelle hinter dem Großparkplatz, schaufeln unterdessen Dut­zende von Migrant Workers Kies in eine Baugrube. Man sieht sie kaum, eine dichte Staubwolke hüllt das Ganze in gnädiges Unscharf.


INFO

Anreise

Direktflüge nach Doha mit ab 600 Euro. Weitere Flüge ab 550 Euro etwa mit oder . Fluggäste, die mehr als fünf Stunden Aufenthalt am Hamad International Airport haben, erhalten seit Anfang November 2016 ein kostenloses Transitvisum.

Veranstaltertipp

bietet halb-, ganz- und dreitägige Packages ab/bis Doha an. Diamir hat Qatar im Rahmen einer 12-tägigen Reise ab 3.590 Euro im Katalog.

Museen, die man in Qatar gesehen haben muss

n der Education City.

Toller Bau von Pritzker-Preisträger I. M. Pei. Eintritt frei, dienstags geschlossen. Ganz oben hat Alain Ducasse seine Dependance „IDAM“. Hier speist man im eleganten Ambiente zu hohen Preisen – bei unserem Besuch war die Qualität den Preis leider nicht wert. Kein Alkohol.

Qatar Museums realisiert im Park des MIA interessante Ausstellungen in einer Wellblechhalle.


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Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „gambleinfo“ liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.

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