Länderberichte

Belfast | Sightseeing im Kleinen Schwarzen

Wer Nordirlands boomende Hauptstadt so authentisch wie möglich entdecken will, bucht eine Belfast-Rundfahrt bei „Black Taxi Tours“. Im Fahrpreis inbegriffen: Geschichtsunterricht in Sachen „Troubles“ und „Titanic“, politische Wandkunst – und das schönste Pub der Welt.

Zugegeben, ich hatte ein beklemmendes Gefühl in die­ser Oktobernacht vor 23 Jahren. Der Friedensprozess in Nordirland nahm zwar gerade seinen Anfang und versprach ruhige und sichere Zeiten. Aber die immer noch über der Stadt kreisenden Armeehubschrauber, das permanente Geheule der Streifenwagen und die gepanzerten Patrouillenfahrzeuge an jeder strategisch wichtigen Straßenkreuzung jagten mir bei meinem ersten Besuch in Belfast Angst ein. Eine Angst, die sich damals erst bei einer mehrstündigen „Troubles Tour“ durch die Konfliktbrennpunkte im Westen der Stadt mit einem der aus London importierten, schwarzen Vintage-Taxis wieder verflüchtigte.

Ein knappes Vierteljahrhundert später nehme ich wieder auf dem Beifahrersitz eines Cabs von „Black Taxi Tours“ Platz. Und bereits der Abstecher zum spektakulären, 2012 eröffneten Titanic-Erlebniszentrum zeigt, dass diese Stadt längst wieder das ist, was sie vor den „Troubles“ einmal war: eine innovative, junge und kulturbetonte Metropole. Als stolzes Symbol für die Vergangenheit Belfasts als Stadt des Schiffsbaus und als glitzerndes, technologisches und architektonisches Meisterwerk präsentiert sich das Gebäude, das direkt am Bauplatz der „Titanic“ steht.

Könnte man es aus der Vogelperspektive betrachten, sähe es aus wie das Logo der Reederei White Star Line. Seine vier Sternzacken ragen ebenso hoch in den Himmel wie einst der Bug des Rekordschiffes. Eine Aluminiumhaut, zusammengesetzt aus 3.000 Paneelen, reflektiert das Licht der Wasserbecken am Fuß des Gebäudes. Auf 11.000 Quadratmeter Fläche erzählen die Ausstellungsmacher die Geschichte des legendären Kreuzers.

Neue Architektur an der alten Hafenmeile

Rund um den Ausstellungsbau, der schnell zum neuen Wahrzeichen Belfasts aufstieg, entstand nach Investitionen von sieben Milliarden Pfund auf einer Fläche von 75 Hektar das Titanic Quarter mit Luxuswohnungen, Cafés, Industriebetrieben und Filmstudios, in denen etliche Folgen von „Game of Thrones“ produziert wurden … und werden. Auch die neue Architektur an der alten Hafenmeile des River Lagan unterstreicht die Ansprüche der Stadt, den Nachbarmetropolen London und Dublin Paroli zu bieten.

Neben der kreisrunden Waterfront Hall, einer preisgekrönten und mit einer perfekten Akustik ausgestatteten Konzerthalle am Lanyon Place, sticht vor allem der futuristische Odyssey Complex am Queen’s Quay ins Auge. Er bietet mit einer großen Indoor-Arena, Kinos, Bars, Shops und Restaurants Amusement rund um die Uhr.

„Ja, Belfast macht Spaß und ist so lebenswert wie nie, nur der Brexit bereitet uns Bürgern derzeit große Sorgen“, sagt John, der Taxidriver, beim Lunch im „Crown Liquor Saloon“. 1885 erfüllte sich der Architekturstudent Patrick Flanagan mit dessen Innenausstattung einen Designtraum.

In den Räumen der ehemaligen „Railway Tavern“ an der Great Victorian Street ließ der viel gereiste Spanien- und Italien-Liebhaber seiner Fantasie freien Lauf und gestaltete ein wahrhaft königliches Trinkerparadies. Im „Saloon“ trinkt man trotz Sorgen sein Stout wie ein König: holzgeschnitzte Vertäfelungen, schön bemalte Fliesen, palmenförmige Säulen, Bleiverglasung in allen Farben, das intime Licht der Gaslampen, Zapf­hähne mit Porzellangriffen und die Theke aus rosa und schwarzem Marmor – nur die Computerkasse und der ständig laufende Fernseher stören das unter Denkmalschutz stehende Dekor.

Protest mit Pinsel und Farbe

Was seine größte Sorge sei in Sachen Brexit, frage ich den Katholiken John, der sich kulturell der Republik Irland zugehörig fühlt und – selbstverständlich – mit „Remain“ stimmte. Dass eine neue, von London erzwungene Grenze die nordirische Gesellschaft erneut spalten könne, antwortet der Mittsechziger mit leiser Stimme, während er den Westen Belfasts ansteuert, wo die Welt der Clans und Stämme noch besteht und die berühmte Peace Wall noch immer protestantische und katholische Backstein-Reihenhäuser voneinander trennt.

Das weiche Licht der Nachmittagssonne illuminiert die zahlreichen, in satten Farben strahlenden, politisch motivierten Malereien (Murals) an den Häuserfronten – sie spiegeln höchst plakativ die Seele Nordirlands wider. Ihr Ursprung liegt in einer bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Tradition der Loyalisten (gewaltbereite Befürworter der Union mit Britannien), sich offen zu bekennen.

Auf irischer Seite kamen Murals erst 1981 auf. Vor allem Republikaner, die den großen Hungerstreik der IRA-Häftlinge mit friedlichen Mitteln unterstützen wollten, griffen damals zu Pinsel und Farbe. Heute besitzen die Murals beider Seiten Kultstatus. „Für mich sind die Murals das Sinnbild für die friedliche Koexis­tenz von Katholiken und Protestanten geworden“, sagt John. Und fügt hinzu: „Aber letztendlich gibt es für diesen Konflikt keine einfache Lösung, die Vergangenheit ist viel zu dunkel.“

Zurück ins City-Zentrum, wo ich die gesammelten Eindrücke im ungewöhnlichsten Pub der Stadt sacken lasse, der „Bittles Bar“ nahe dem Victoria Square. Dessen Besitzer hat die Räumlichkeiten dem Maler Joe O’Kane als Galerie überlassen. So haben sich die Wände in dem Backsteinjuwel im Lauf der Zeit mit faszinierenden Bleistiftporträts großer irischer Literaten gefüllt. Am Tisch genau unter der Bleistiftzeichnung von Samuel Beckett übt sich eine Gruppe Australier im Guinness-Trinken, und auch ich belasse es nicht bei einem Pint. Zwei Sätze von John gehen mir dabei nicht mehr aus dem Kopf: „Tief drinnen, in meinem Innersten, fühle ich mich als Europäer. Nicht als Brite, nicht als Ire, ganz einfach als Europäer.“


INFO

Ankommen: Einziger Direktflug von Deutschland aus ist die -Verbindung Berlin–Belfast (ab 29 Euro), Flüge mit Zwischenstopp gibt es etwa von KLM und Lufthansa

Rumkommen: bietet 90-minütige „Political Mural Taxi Tour“ ab 40 Euro. Ebenfalls im Angebot sind „ Game of Thrones“- und „Giant’s Causeway“-Touren in die Umgebung

Informieren: ,


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Über diesen Autor

Franz Michael Braunschläger

Franz Michael Braunschläger

Franz Michael Braunschläger lebt und arbeitet vor den Toren Münchens. Er schreibt als freier Journalist vornehmlich über Themen aus den Bereichen Kultur, Sport und Reise. Seit seinem ersten Besuch ist er fasziniert von der Atmosphäre Irlands. Er fühlt sich dort wie Zuhause und unterhält nach unzähligen Touren über die Insel intensive Verbindungen zu Land und Leuten, und er hat die „Insel der Glückseligen“ längst zu seiner Passion erklärt.

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