Länderberichte

Breslau | Oder, aber richtig!

Dietmar Denger
Geschrieben von Dietmar Denger

Junge Szene, historische Kulisse und multimediale Geschichtsstunden: Vom frischen Wind, den das Kulturhauptstadtjahr 2016 mit sich brachte, profitiert Breslau noch immer. Das polnische Wrocław ist der Inbegriff einer „Boutique City“, wie die Touristiker so gern sagen

Was könnte zu einem Sommersamstag in Polen besser passen als … Salsa?! „Un, dos, tres, un, dos, tres“. Ein Tanztrainer mit britischem Akzent macht einem jungen Paar auf dem riesigen Wolności-Platz Beine, bringt die mitgebrachten Miniboxen zum Scheppern und lässt die elastischen Körper seiner Eleven über den Glasboden wirbeln. Dieser gibt den Blick frei auf archäologische Ausgrabungen aus einer Zeit, als es hier nicht ganz so locker zuging. Auf dem ehemaligen Schlossplatz ließ Friedrich II. einst seine Soldaten exerzieren, seine Geschichte reicht aber bis ins frühe Mittelalter zurück.

Breslau groovt. „Salsa-Unterricht“ am Nationalen Forum für Musik

Historische Anekdoten treffen Moderne

Aus dem Schlösschen wurde ein Kulturhaus und Stadtmuseum – bis zum 30. September übrigens noch mit einer tollen Ausstellung zu Warhol & Dalí. Der Schlossplatz wurde umbenannt in Freiheitsplatz und den krönt seit 2015 das Nationale Forum für Musik, Breslaus ganzer Stolz. In einer Stadt, in der einem an buchstäblich jeder Ecke – fast schon wie in Rom – der Kopf vor historischen Anekdoten ganz schwer werden kann, wirkt das neue Konzerthaus so klar wie ein aufmerksam geharkter Zen-Garten. Die langen, schmalen Fenstergalerien, die den roten Kubus umlaufen, lassen diese Assoziation durchaus zu. Erinnern sollen die Glasbänder allerdings an die Saiten auf einem Holzinstrument.

Das Nationale Forum für Musik ist ein Spiegelbild für das heutige Breslau: Hochkulturell, vielseitig und modern

Zwei Jahre vor den Hamburgern hatten die Breslauer ihre Art von Elbphilharmonie-Erlebnis. Wie der Glaspalast über der Elbe ist auch das Musikforum ein architektonisches Schmuckstück und wird von den Bürgern emsig genutzt. In einem der vier Konzertsäle übt an diesem Abend ein Jazzchor, im kleinsten probt eine Kinder-Theatergruppe. Zwischendrin fläzen die Kids auf Sitzsäcken, die statt Stühlen den Zuschauerraum füllen. Währenddessen füllt sich eine Etage höher der größte Konzertsaal mit seinen 1.800 Plätzen. Zur Eröffnung im Jahr 2015 gastierte das Israelische Philharmonische Orchester aus Tel Aviv. Heute Abend steht Bruckners Neunte Sinfonie auf dem Programm, mit den Breslauer Philharmonikern unter der Leitung von Giancarlo Guerrero aus Costa Rica.

Breslau zelebriert Weltoffenheit

Bunt, jung und international sind keine Attribute, die man in jüngster Zeit mit Polen in Verbindung bringt, seit die Regierungspartei PiS immer unverhohlener nationalistische Töne anstimmt. Breslau im Sommer kann man deshalb wie einen weltoffenen Gegenentwurf erleben, woran vor allem auch die Investitionen ins Kulturhauptstadtjahr 2016 einen großen Anteil haben. Die haben nicht nur für aufsehenerregende Neubauten, sondern auch fürs Recycling alter Gemäuer gesorgt. Eines der spannendsten Beispiele findet sich auf dem Messegelände mit der Jahrhunderthalle. Klassische Moderne von 1913 und in die Jahre gekommen, zog das Museum für Gegenwartskunst in die weiten Gänge und hohen Hallen des Vier-Kuppel-Pavillons. Hier kann man, dank strahlend weißer Wände und hoher Decken, die Bilder, Skulpturen und Installationen der spannendsten polnischen Künstler erleben und sich zugleich wie in einem griechischen Tempel fühlen.

Bart, viele Tattoos, Sonnenbrillen-Grinsen: Der Barmann trägt zum coolen Hipster-Ambiente der „ZaZoo Beach Bar“ bei

Für die totale Entspannung danach bietet es sich an, nur ein paar Meter weiter die Füße in die Oder zu stecken. Mit chilligem Electro und leckeren Kaltgetränken geht das hervorragend an einem der Beach-Clubs. Etwa in der „“. „Za Zoo“ bedeutet „hinterm Zoo“ und in der Tat kann man von der Strandbar aus Löwen brüllen und Elefanten tröten hören.

Vor der geschichtsträchtigen Kulisse des Rynek pass die Pferdekutsche als Transportmittel perfekt

Freiheitskampf als Hologramm

Breslaus Altstadt ist gewissermaßen ein Best-of aus allen Epochen – Plattenbau inklusive –, ergänzt durch die eine oder andere Idee aus dem Kulturhauptstadtjahr. Hinter den Fenstern eines historischen Bürgerhauses auf dem Marktplatz etwa huscht in der Dämmerung eine Ballgesellschaft aus dem frühen 19. Jahrhundert als Schattenriss umher. Die Projektion gehört zum , das dem gleichnamigen Nationalepos der Polen gewidmet ist. Wie deutsche Schüler mit Goethes „Faust“ machen Polen mindestens einmal im Schulleben mit dem zwölfteiligen Werk „Pan Tadeusz“ Bekanntschaft, das die Geschichte einer Adelsfamilie und gleichzeitig den polnischen Unabhängigkeitskampf im postnapoleonischen Europa erzählt.

Luftsprünge und XL-Seifenblasen vor der Elisabethkirche

Eigentlich ist der ganze Marktplatz ein einziges Museum, allerdings vier Hektar groß, farbenfroh und gut in Schuss. Fast endlos reihen sich die Pompös-Fassaden aus Renaissance und Barock um das Alte Rathaus. Der Rynek ist vieles: Flaniermeile, Treffpunkt, Bühne für echte Künstler wie für Sauftouristen … und er hat sogar einen Beach-Club. Von hier kann man zu kleinen Rundgängen zu Fuß aufbrechen, etwa über den Salzmarkt (Plac Solny) mit seinen Blumengeschäften ins ehemalige jüdische Viertel Breslaus. Hier gibt’s die größte Dichte von Restaurants, Clubs und Bars. Und die : In einem grauen Hinterhof leuchten und flackern abends riesige Neon-Reklame-Raritäten um die Wette.

Das Pan Tadeusz Museum setzt Polens Nationalepos multimedial in Szene

 

Neon Side Gallery: Neonreklamen für Firmen, die nicht mehr existieren – ein Sück polnische Geschichte

Die Synagoge und das Musikforum sind gleich um die Ecke, auch das „“ mit seinem sensationell guten Dachgarten-Restaurant, dessen Fusion Food aus der Showküche nur von der Aussicht getoppt wird. Die andere lohnenswerte Richtung führt vom Rynek in Richtung Oder. Auf der jenseitigen Flussseite hört die Heimeligkeit der Altstadt abrupt auf und es beginnt das Grau der Plattenbauten, das an vielen Stellen allerdings mit spannender Street Art in XXL entschärft wurde. Am besten gleich abbiegen in Richtung Wyspa Słodowa für den nächsten Kaffee-Stopp: An der Oder-Insel haben schwimmende Bars festgemacht und ein riesiger Häuserblock-Solitär mit gigantischer Street Art erinnert ans Berlin der Wendezeit.

Links die Kreuzkirche, rechts der Breslauer Dom am Oder-Ufer

Hardrock mit Jugendstil

Ein paar Meter weiter wechselt die Szenerie abermals. Über die Dombrücke Most Tumski, die unter dem Gewicht der Liebesschlösser vermutlich bald zusammenbricht, trippelt man auf schiefem Kopfsteinpflaster auf die Dom-Insel, die autofrei und auf kleiner Fläche voll gepackt mit Kirchen, Gässchen, dem Bischofssitz und einem Kloster wie eine Miniaturwelt aus längst vergangenen Zeiten wirkt. Die Illusion perfekt macht zur Dämmerung der Nachtwächter, der die historischen Gaslaternen entzündet. Der Aufstieg zur Aussichtsterrasse auf den Domtürmen lohnt sich. Oben ist die Sicht genial, der Blick fällt mitten hinein in die lauschigen Winkel eines Klostergartens, auf die Ausflugsschiffe und Partyboote, deren Bässe hinaufwummern. Und auf den Sky Tower. Der 212 Meter hohe Glasturm mit Luxus- Apartments und Riesen-Mall im neuen Südteil der Stadt ist seit seiner Fertigstellung im Jahr 2012 das neue Wahrzeichen der Stadt – sorry, Dom!

Der Blick auf den Breslauer Dom ist schön. Noch schöner ist der Blick von der Aussichtsplattform auf 91 Meter Höhe

Zurück zum Rynek führt der Weg durchs alte Univiertel, wo die Stilepochen unmittelbar nebeneinander liegen oder sich stapeln: unten schicke Bars und Hipster-Cafés wie das „“, während im zweiten Stock eine Oma im blauen Kittel ihre Katze am baufälligen Fenster aus Ostblockzeiten lüftet. Wo sich Barock in Glasfassaden spiegelt und am „“ ein großes Krokodil den Eingang bewacht. Die Hardrock-Kneipe mit ihren für eine Hardrock-Kneipe absurd wirkenden Jugendstil-Leuchten riecht nach abgestandenem Bier, ist bei Studenten beliebt und wie so viele Orte in der Stadt ein geschichtsträchtiger. Hier trafen sich die Mitglieder der Solidarność.

Bar „Barbara“: Nettes Café und das Infozentrum für die Kulturhauptstadt

Die Bar „“ ganz in der Nähe dagegen war in den 80er-Jahren konspirativer Nukleus der Orangenen Alternative, die in ihrer Anfangszeit als eine Art Spaßguerilla den Kampf gegen die Militärdiktatur aufnahm. Die Bar erfuhr ihre verdiente Würdigung, indem sie zum Informationszentrum der Kulturhauptstadt avanicerte samt fortlaufender Projekte und Veranstaltungen, darüber hinaus ist sie weiterhin ein beliebter Treffpunkt inklusive Bar und Restaurant.


Infos

Anreise

Direkt in weniger als zwei Stunden ab Frankfurt/München mit , ab Stuttgart/Düsseldorf mit ; mit via Warschau. Ticket ab 150 Euro

Hotel-Tipps


Hübsches Hostel mit schönem Restaurant und Bar in einem Innenhof direkt an der Synaoge. Kuschelige Zimmer, auch Mehrbettzimmer, in denen man für zehn Euro nächtigt. DZ/F ab 50 Euro


Nur ein paar Meter vom Marktplatz in einem Renaissancehaus aus dem 16. Jahrhundert. Schönes Restaurant mit Außenfläche, großes Frühstücksbuffet. Der Name ist irreführend, die Zimmer sind eher schlicht statt kunstvoll. DZ ab 80 Euro


Schönes Designhotel, nur ein paar Meter vom Musikforum und der Synagoge entfernt. Die Lobby und der Restaurantbereich sind farbenfroh gestaltet, die Zimmer eher dezenter gehalten. Der kleine Patio dient am Wochenende als Club, dann kann es auch mal lauter werden. DZ/F ab 105 Euro

Genießen


Breslauer Gourmets zufolge das beste italienische Restaurant der Stadt. Es liegt in einem idyllischen Hof, der die Synagoge und das Gartencafé des „Hostel Mleczarnia“ beherbergt. Sardische und korsische Küche und das in einem schicken Holzambiente. Das Nationale Forum für Musik ist nur ein paar Meter entfernt.


Als Milchbar war das  früher ein Treffpunkt der Oppositionellen. Die Restaurant-Bar entstand als Informationszentrum für das Kulturhauptstadtjahr 2016 und hat sich zu einem beliebten Treffpunkt für Hipster und Kreative entwickelt. Was auch an der guten internationalen Küche liegt. Unbedingt probieren sollte man „Dobry Material“ („gutes Material“!), eine Kultlimonade aus heimischer Produktion. Gibt’s aber nicht nur im „Barbara“.


Polnische Küche in riesigen Portionen und in einem urgemütlichen Interieur, das mehr an Bauernhof als an Großstadt erinnert. Eine der Spezialitäten: Gulasch im Brotlaib. Sehr beliebte Adresse, fürs Dinner sollte man am besten reservieren!

Lesen

Sehr ausführlich ist „Breslau entdecken: Niederschlesien und seine tausendjährige Hauptstadt“, (2018, 360 Seiten, 17 Euro). Kurz und knapp informiert „ direkt Reiseführer Breslau“ (2017, 120 Seiten, zwölf Euro)


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Über diesen Autor

Dietmar Denger

Dietmar Denger

Zuhause in beiden Welten – Bild und Text – und bietet Fotoreportagen aus einer Hand: unkompliziert in der Umsetzung vor Ort, stimmig und intensiv im Zusammenspiel von Text und Bildern. Fotografieren und gutes Schreiben lernte er schon früh als freier Mitarbeiter bei Zeitungen und der dpa. Mit Fotos und Texten finanzierte er sich das Studium der Medienwissenschaften und Tourismus-Geographie. Danach folgte ein Volontariat bei „Max“, ehemals das Magazin schlechthin für Foto-, Design- und Popkultur. Später war er Redakteur bei „gambleinfo“ und leitender Redakteur beim „ADAC reisemagazin Traveller“. Mit Reportagen aus aller Welt lebt er seine Begeisterung fürs Reisen, mag bei der Fotografie Menschen ganz nah ebenso wie Stadtporträts, grandiose Naturlandschaften genauso wie Lifestyle, Design und Architektur. Zeitgemäße Themen und Motive für seine zweite Leidenschaft Berge findet der gebürtige Westfale zwischendurch immer wieder gern rund um seine Wahlheimat in den Bayrischen Alpen.