Reisen

Zweite Reihe, erste Wahl | Brünn … statt Prag

Gabriele Tröger
Geschrieben von Gabriele Tröger

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu überlaufenen Städtereisezielen vor. Dieses Mal kommt Brünn zum Zug … oder Brno, wie es auf Tschechisch heißt. Wie Prag hat es prächtige Palais, schöne Bürgerhäuser, eine Burg und süffiges Bier zu bieten. Aber viel mehr Lokalkolorit und entspanntes Flair für lange, ausgelassene Sommernächte

Warum Brünn?

In der Prager Altstadt geht es häufig eng und rempelig zu, wenn Reisegruppen aus aller Herren Länder die Gassen verstopfen und man sich Schulter an Schulter über die Karlsbrücke schiebt, als wäre da eine nie endende Demonstration im Gange. In Brünn passiert das nie. Brünn, die mit 378.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Tschechiens, ist bis heute eine kaum beachtete Perle im Schatten Prags. Ist immer durch den Rost gefallen – man fährt nach Prag oder nach Wien, aber nicht nach Brünn, das dazwischen liegt. Das ist schade, kommt Brünn aber auch zugute: Über den Tisch zieht einen hier niemand, und Schlangen vor dem Dom gibt’s auch nicht.

In Brünn ist man an manchen Tagen gefühlt der einzige Tourist, der durch das Zentrum spaziert – vorbei an den prächtigen Palästen, die nicht protzen, an kühner Bauhausarchitektur und an glanzvollen Kirchen, die im Barock schwelgen. Im Vergleich zur übermanikürten Diva an der Moldau ist Brünn eine natürliche Schönheit, die das dicke Make-up der touristischen Gefallsucht nicht nötig hat.

Das sollen nicht die einzigen Gründe sein, der Stadt einen Besuch abzustatten. Welche noch? Das erfrischende Nachtleben, das rund 85.000 Studenten aufmischen. Die vielen Plätze, auf denen lässig mit dem Bier in der Hand im Freien gefeiert wird. Die Guten Restaurants und die kuscheligen Bars, die die süffigen Weine der mährischen Winzer ausschenken. Und das bezaubernde Umland mit seinen märchenhaften Schlössern und verzauberten Tropfsteinhöhlen.

Der Dom dominiert Brünns Silhouette

Muss man sehen!

In der eiförmigen Altstadt mit dem zentralen Freiheitsplatz Náměstí Svobody lässt man sich am besten ziellos treiben, früher oder später kommt man auch ohne Plan an den wichtigsten Sights vorbei. Und wundert sich in der Passage zum Alten Rathaus mit seinem schönen spätgotischen Portal gleich mal über ein von der Decke hängendes Krokodil: Der Brünner Drachen kam 1608 als Geschenk in die Stadt, ist Gegenstand mehrerer Legenden und ziert T-Shirts sowie Souvenirs.

Im (Eintritt 11 Euro) kann man der Venus von Věstonice Hallo sagen. Die handgroße Keramikfigur mit Hängebrüsten und ausladendem Hinterteil hat schon 25.000 Jahre auf dem Buckel und gehört damit zu den ältesten Statuetten der Welt. Nebenan gibt das Mendelianum (3 Euro) Einblicke in die Genetik. Der Erbsenzähler Georg Mendel, der die Regeln der Vererbung entdeckte, wirkte als Abt in Brünn. In der Kapuzinergruft reißen mumifizierte Mönche die Münder auf – ein Erlebnis mit Gruselfaktor.

Danach lohnt sich ein Spaziergang hinauf zur mittelalterlichen, in deren dicken Gemäuern das Museum der Stadt Brünn einquartiert ist (3,50 Euro). Dazwischen schieben sich so einige architektonische Quertreiber. Allen voran die funktionalistische , die in den Jahren 1928 bis 1930 nach Plänen von Mies van der Rohe für den jüdischen Textilfabrikanten Fritz Tugendhat entstand. Allein das Wohnzimmer, über 200 Quadratmeter groß und von einer Onyxwand unterteilt, lässt die eigenen Wohnverhältnisse in ein höchst bescheidenes Licht rücken. Führungen durch das Unesco-Welterbe sollte man zwei Monate im Voraus reservieren (12 Euro).

Die Villa Tugendhat entstand nach Plänen von Mies van der Rohe

Alternative: die benachbarte von Tugendhats Schwiegervater (6 Euro). Einzigartig in Europa ist das nordöstlich des Zentrums im Brünner Roma-Viertel. Sprache, Kunst, Alltag und Diskriminierung – hier wird kein Thema ausgespart (3 Euro).

Aussicht

Um eine Stadt zu verstehen, steigt man ihr am besten mal aufs Dach. Also nichts wie hoch auf den Turm des Sankt-Peter-und-Paul-Doms! Von dort fliegt der Blick nicht nur über den Ziegeldachteppich Brünns, sondern auch über eine weite, weite Ebene, die sich bis nach Wien zieht.

Vom Turm des des Sankt-Peter-und-Paul-Doms hat man den perfekten Rundum-Ausblick

Bummeln und schlemmen

Der Street-Food-Hype kam in Brünn erst spät an: 2017 eröffneten in der Markthalle am Zelný trh einige Stände für Sandwiches, Käse, Bier und Wein. Seinen „Fang“ kann man auf der neuen Dachterrasse mit Blick auf das Alte Rathaus verzehren. Beim Bummeln lockt veganes Eis (Portion 1 Euro) an der mobilen Eisdiele Božský kopeček am Marktplatz, vielleicht in den Geschmacksrichtungen Lavendel-Blaubeere oder Erdbeer-Basilikum? Doch wenn ein Mähre so richtig schlemmt, dann sitzt er. Und da man in Mähren nicht an kleine Portionen glaubt und diese in der Regel mit mehreren Litern Bier oder Wein hinunterspült, können die Sitzungen länger dauern.

Bummeln und Schlemmen auf dem Zelnýtrh – auf deutsch Krautmarkt

Besonders urig geht es in der Brauereigaststätte zu, wo das naturtrübe „Pivo“ in 0,6-Liter-Krügen (1,60 Euro!) daherkommt, dazu gibt’s Gulasch mit Semmelknödeln für 6,50 Euro. Die Hipster treffen sich zu Topinambur-Risotto oder Falafelburger im , das genauso in Berlin-Neukölln stehen könnte.

Auch im gefällt es Waldschratbärten – Clean Chic mit weiß getünchten Backsteinwänden, upgecycelten Möbeln und „homemade lemonade“.

An der Fontäne vor dem Janáček-Theater ist oft Live-Musik zu hören, etwa beim „Musik-Marathon“ im August

Lieblingsplatz

An lauen Abenden macht man am besten das, was viele tun: Man findet sich am Jakubské náměstíein, dem Platz vor der Sankt-Jakobs-Kirche, holt sich in einer der Kneipen ein Bier und setzt sich auf ein Mäuerchen oder an den Gehsteig. Quatschen, Trinken, People-Watching – Vorglühen auf Brünnensisch. Zum Picknick zieht es viele zur illuminierten Fontäne vor dem Janáček-Theater.

An lauen Abenden holt man sich in eine Kneipe ein Bier und setzt sich an den Gehsteig auf den Platz Jakubské náměstíein vor der Sankt-Jakobs-Kirche

Shopping

Niemand verlässt Brünn, ohne sich mit mährischem Wein eingedeckt zu haben, der mittlerweile auch in internationalen Wettbewerben brilliert. Das (Údolní 1) jongliert gekonnt zwischen Weinbar und -verkauf. Probieren Sie zum Beispiel einen Fratava (rot) oder Pálava (weiß) – die Rebsorten sind Neuzüchtungen der Region. Nazdraví! Leicht beschwipst shoppt es sich danach gleich noch besser. Etwa in der , einer Mall mit 130 Läden, die in einer Maschinenfabrik aus dem 19. Jahrhundert untergebracht sind. Wer sich hingegen für junges tschechisches Design interessiert, schaut im stilsicheren Laden des Brünner Labels vorbei: sportliche Unisex-Mode in Schwarz, Grau und Weiß.

Petit Cru: Bar und Weinhandlung in einem

Nightlife

Wo anfangen und wo aufhören in einer Stadt, in der gefühlt jeden Monat neue Locations aufmachen? Versnobte Hotelbars gibt es genauso wie rumplige Szenekneipen und wummernde Clubs, die kein Morgen kennen.

Einläuten kann man den Abend in der (Jánská 16), der „Bierbörse“. 37 Biersorten werden hier tatsächlich gehandelt wie an der Börse. Weiter geht es in die Spirit Bar, eine Cocktailbar wie eine Filmkulisse: Piano in der Mitte, abgetretene Orientteppiche und ein wunderschöner historischer Buffetschrank hinter der Theke (Františkánská 7). Das (Sukova 49/4) schließlich ist ein Treff des Brünner Undergrounds mit Konzerten zwischen Metal und Indie, Dubsessions und Technopartys.

Schön schlafen

In Sachen stylishe Hotels hängt Brünn Prag hinterher. Doch das in bester Altstadtlage (Starobrěnská 10) ist eine prima Wahl. Das familiäre Vier-Sterne-Haus hat 13 Zimmer, die mit Antiquitäten und Kachelöfen unter hübsch bemalten Balkendecken bestückt sind. Auf wohltuende Art altmodisch. In Prag würde man glatt das Doppelte bezahlen: DZ ab 98 Euro.

Das familiengeführte Vier-Sterne-Haus „Royal Ricc“ hat 13 Zimmer zu einem guten Preis

Nicht verpassen

2018 feiert Brünn vom 26. Mai bis zum 17. Juni das – 100 Jahre selbstständige Tschechoslowakei. Dann findet auch der Feuerwerkswettbewerb statt, bei dem es Pyrotechniker aus ganz Europa krachen lassen. Und beim Musik-Marathon vom 9. bis 12. August beweist Brünn, warum es 2017 von der Unesco das Prädikat „“ bekam.

Raus aus der Stadt

, das alte Nikolsburg an der Grenze zu Österreich, ist eine Puppenstube mit krummbuckeligen Gässchen rund um ein erhaben thronendes Barockschloss. In der heiteren Landschaft verstecken sich etliche Winzereien, die zur Degustation einladen. Nördlich von Brünn erstreckt sich der mit spektakulären Tropfsteinhöhlen. Durch die bekannteste, die Punkva-Höhle, fahren Motorkähne auf einem unterirdischen Fluss.


Info Brünn

Anreise

Direktflüge mit ab München, ansonsten gelangt man von Prag per Bus (ab 6,40 Euro) oder Zug (ab 8,90 Euro) nach Brünn, Fahrtzeit rund 2,5 Stunden. Was wann fährt, erfahrt ihr

Ausflüge

Nach Mikulov fahren stündlich Busse (75 Minuten). Für den Mährischen Karst braucht man ein Fahrzeug.

Mehr im Web


Weitere City-Guides „Zweite Reihe, erste Wahl“:

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Die Neuauflage des umfangreichen Bands „Tschechien“ (, 24,90 Euro) von Autorin Gabriele Tröger mit vielen praktischen Tipps erscheint Anfang Juni.

Über diesen Autor

Gabriele Tröger

Gabriele Tröger

Gabriele Tröger, Jahrgang 1972. Studium der Germanistik und Turkologie in Bamberg, dazwischen längere Aufenthalte in der Türkei. Als freie Journalistin pendelte sie zehn Jahre zwischen dem hektischen Istanbul, dem altehrwürdigen Prag und dem erholsamen Fichtelgebirge hin und her. Heute lebt sie in Berlin. Mehr über die Autorin erfährt man auf dem Reiseblog hierdadort.de. Zusammen mit Michael Bussmann ist sie Autorin zahlreicher Reiseführer im Michael Müller Verlag. Acht Jahre lang lebten die beiden in Prag, bis es ihnen dort an Authentizität mangelte.

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