Länderberichte

Chicago | Die neuen Szene-Viertel

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Die „Windy City“ ist schon länger der Hit für Wolkenkratzer-Junkies. Unser Tipp: Erkundet auch die Szene-Viertel Wicker Park, Pilsen, Northside, Fulton Market, West Loop und Ukrainian Village. Als Extra liefern wir 9 Hotel- und Food-Tips zusätzlich zu den Empfehlungen im gedruckten Magazin

In Chicago, am Ufer des Lake Michigan, ist längst das progressive Amerika zu Hause. Die Northsider-Gegend um den Lincoln Park hat als „Yes we can“-Homebase der Obamas von sich reden gemacht und ist keineswegs der einzige Stadtteil jenseits der spektakulären Downtown, der sich zur Lifestyle-Oase verwandelte. Wicker Park und das rauere Ukrainian Village haben die wilden Tage der Art Communities fast schon wieder hinter sich. Die Ateliers sind ziviler geworden, die Vintage-Plattenläden und Hipster-Cafés zahlreicher.

Fulton Market: Einst Schlachthof-Viertel, heute Ort namhafter Galerien und In-Restaurants

Gewerbebauten und Bier-Pubs

Das raue Pilsen schlägt in dieselbe Kerbe: Die Schoenhofen Brewery an der Canal Street, die damals Al Capone gekauft hatte, um alkoholfreies Bier zu brauen, in das später Hochprozentiges gegossen wurde, gibt es noch. Das gilt auch für die historische Thalia Hall, einen ramponierten Ballroom, der sich zu einem Kulturzentrum gemausert hat – für bessere Töchter, die in der Vorstadt Tanzunterricht und Gymnastik mit Nervenkitzel kombinieren wollen. Klar: Anders als der innerstädtische Loop-Distrikt ist dieses Mosaik aus niedrigen Gewerbebauten und trendigen Bier-Lokalen wie dem „Dusek’s“ schon.

Chicago-Blues, die elektrifizierte Variante des akustischen Delta Blues

Wandgemälde, Insignien der Subkultur

Die Wandgemälde von Pilsens 16th Street sind ein Fixposten der lokalen Subkultur. Die Kunstwerke lassen Indianerprofile, himmelblaue Madonnen und Latino-Arbeiter in leuchtenden Farben auferstehen, besonders stimmungsvoll neben dem Rattern der vorüberbrausenden Amtrak-Züge, die vom Verkehrsknotenpunkt Chicago und von der Sehnsucht nach der umliegen­den Weite der Prärie erzählen.

The Loop nennen die Locals den Downtown-Bezirk von Chicago

Mechanische Bullen für Asphalt-Cowboys

Das Slawische hat sich in Pilsen, dem einstigen Viertel osteuropäischer Immigranten, ziemlich ausgewaschen. Schon gar während der Fiesta, die für abgesperrte Straßen, Rodeo am mechanischen Bullen und für echt mexikanische Volksfesthärte sorgt. Soeben bekommen die Ducks kräftig was auf den Schnabel. Sie treten beim Lucha Libre, der mexikanischen Variante des Wrestling, als Spaßnummer gegen eine Art fette Nagetiere in gepunkteten Pyjamas an. Später sind dann die Profis am Treten, dann fließt im Ring sogar Blut.

Bar Siena: Treffpunkt für Schicky und Micky in der W Randolph Street

Polnische Dill-Gurke im Butcher-Deli

Ecken wie Pilsen, das benachbarte Viertel um den Logan Square oder das Ukrainian Village machen Chicago heute spannender als je zuvor. Der ehemalige Fulton Market, nur wenige Minuten westlich vom Loop, ist ein weiteres Beispiel für diese neu entdeckte Liebe zur Vorstadt. Die Schlachthäuser des Meatpacking District haben sich zum Brunch-Paradies West Loop gemausert. Wir sind im angesagten „Publican Quality Meats“ gelandet, neben moosgrün lackierten Schnellbahnbrücken und Wandbildern mit blasser Metzger- und altmodischer Salami-Werbung. Dort probieren wir Würste aus aller Welt sowie polnische Salzgurke mit feinstem Dillgeschmack. Der Laden bringt die aktuelle Metamorphose des Schlachthaus-Bezirks appetitlich auf den Punkt. Er ist Butcher Shop, Neighbor­hood Café, Bäckerei und Gourmet Shop in einem, geleitet vom Gastronomen Paul und gleich drei Kunstrestaurateuren.

Deep Dish Pizza: Hoher Rand und ordentlich viel Käse, Tomaten und Wurst!

Short Rib Lasagne und Edel-Pizzen

West Loop hat mehrere solche Adressen auf Lager, aber der Mix ist stets der gleiche. Hier haben sich die industriellen Ziegelbauten in Bars verwandelt, gerade niedrig genug, um keineswegs den Blick auf die berühmte Wolkenkratzerkulisse zu verstellen. Etwa die „Bar Siena“ an der W Randolph Street: Schicki und Micki blinzeln hier in die Sonne, ordern Short Rib Lasagne und Edel-Pizzen – selbstverständlich die flache Italien-Version, allerdings mit krau­sen Zuta­ten wie Trüffelhonig und Chili-Pistazie. Chicagos berühmte Deep Dish Pizza bleibt hier kalt. Schließlich erfindet sich „Chi-chi Chicago“ in seinen coolen Gentrifizierungsvierteln soeben wieder einmal komplett neu.

Wandbild von Jess Zimmermann im Stadt-Viertel Pilsen

Chicago: ein historischer Gemischtwarenladen

Ost-Dillgurke im Butcher-Deli? Bar-Gespräche, die im Mixologen-Mekka „Billy Sunday“ um Fenchelpollen-Extrakt und Bockshornklee-Sirup krei­sen? Im Chicago des Jahres 2018 ist dies alles ganz normal. Rudert man in der Stadthistorie ein wenig zurück, so kommen einem solche Extravaganzen durchaus bekannt vor. Schließlich wirkt die „Windy City“ am Lake Michigan seit jeher wie ein historischer Gemischtwarenladen für Hirnschmalz-Produkte aller Art.

Blue Island Avenue in der Pilsen-Neighborhood


Info

Hampton Inn Homewood Suites by Hilton

Das Drei-Sterne Hotel befindet sich im trendigen Ausgehviertel West Loop und erlaubt schöne Blicke auf Downtown. Das 32-stöckige Gebäude weist modernes, reduziertes Interior Design und HDTV auf. Neben warmem Frühstück werden im Rahmen des „Evening social“ von Montag bis Donnerstag zusätzlich Häppchen offeriert.

„Hampton Inn Homewood Suites“: Reduziertes Design

Hyatt Regency Hotel

Nicht bloß die spektakuläre Bar lockt ins Hyatt Regency. Das bei Geschäftsreisenden beliebte Hotel wurde kürzlich renoviert und mit effizienten Check-in Pods versehen.

„The Hyatt Regency Hotel“: Frisch renoviert

NoMI Garden Rooftop Restaurant

Die preisgekrönte Rooftop-Bar des Park Hyatt Chicago ist eine beliebte Brunch-Location und setzt dabei auf saisonale Gerichte. NoMi steht für North of Michigan Avenue. Gehobenes Preisniveau

„NoMi“: Fantastische Rooftop-Bar

Terzo Piano

Tony Mantuanos mediterran inspirierte Küche ist ebenso leicht wie das moderne, lichtdurchflutete Restaurant des Art Institue of Chicago. Im Mittelpunkt stehen aber auch biologische Zutaten aus der Umgebung. Ähnlich vielversprechend ist die exquiste Weinliste. Besonders beliebt ist der Sonntags-Brunch. Gehobenes Preisniveau

„Terzo Piano“: Exquisites Restaurant im Art Institue of Chicago

Ceres Café

Das Café befindet sich seit 1967 im Chicago Board of Trade und bietet in fünfter Generation amerikanische Speisen in solider Qualität. Am bekanntesten ist das täglich wechselnde Menü-Angebot mit Gerichten wie New England Clam Chowder oder Turkey Chili. Niedriges Preisniveau

„Ceres Café“: Amerikanisches in solider Qualität

Potbelly Sandwich Shop

Weithin bekannter, lokaler Sandwich-Shop an der exklusiven Magnificent Mile der Michigan Avenue – seit 1977 am Posten macht Potbelly auch mit kleinem Budget satt. Niedriges Preisniveau

„Potbelly Sandwich Shop“: Macht zu günstigen Preisen satt

Antique Taco Chiquito

Chef Rick Ortiz kreiert Midwest-Tacos mit mexikanischem Einschlag – Farmers Market Style. Der nun in der jüngst restaurierten Revival Food Hall eröffnete Imbiss ist ein Spin Off der berühmten Tacos-Bude am Wicker Park. Die Revival Food Hall befindet sich übrigens im historischen Wolkenratzer The National aus 1907. Niedriges Preisniveau

„Antique Taco“: Midwest-Tacos mit mexikanischem Einschlag

Burger Restaurant „Five Guys“

Die bereits 1986 gegründete Burgerkette – Stichwort: handcrafted Burgers – wurde erst letztes Jahr 2017 zum Besten seiner Kategorie ausgezeichnet. Kosher Style Hot Dog oder Veggie Sandwich ergänzen die acht angebotenen Burger-Varianten. Mittleres Preisniveau

„Five Guys“: Burger in vielen Varianten

Luke’s Italian Beef

Seit 1968 trägt das familiengeführte und zentral gelegene Restaurant zum Lokalkolorit des Loop bei. Inmitten von Pop Culture Deko werden im italo-amerikanischen Traditionsimbiss Hotdogs & Chili, Calzones sowie Salate mit hausgemachtem Dressing angeboten. Niedriges Preisniveau

„Lukes Restaurant“: Italo-amerikanischer Traditionsimbiss

Touristische Auskünfte bei Tourism Chicago

Anreise Nonstop in bis zu zehn Stunden mit Lufthansa oder Uni­ted

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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.

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