Reisen

Zweite Reihe, erste Wahl | Girona … statt Barcelona

Anja Keul
Geschrieben von Anja Keul

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu populären und überlaufenen Städtereisezielen vor. Barcelonas kleine Schwester Girona glänzt mit beeindruckender gotischer Architektur, katalanischem Lebensgefühl, „Game of Thrones“-Kulissen und Feinschmeck-Eis. Nur Strand in Stadtnähe kann sie nicht bieten. Dafür ist ein kurzer Ausflug nötig …

Warum Girona?

Barcelonas kilometerlange Mittelmeer-Strände kann man nicht toppen. Allerdings sind sie auch immer proppevoll mit Guys aus Amerika und Girls aus England, die hier von Mai bis Oktober Party machen. Eine Stadt am Fluss hat aber auch ihren Reiz, vor allem, wenn sie so kompakt und lebendig ist wie Girona mit seinen vielen Studenten. Der Riu Onyar trennt Alt- und Neustadtseite und spiegelt die dicht darüber hängenden Häuserfronten im Wasser.

Weil die Wege in der 100.000-Einwohner-Stadt nicht weit sind, wechselt man häufig von Ufer zu Ufer, am schönsten auf der von Gustave Eiffel erbauten knallroten Stahlbrücke. Das Mittelalter ist nur ein paar Schritte entfernt: Unter den Schatten spendenden Bogengängen der Altstadt wurden früher Fleisch, Öl, Obst und Wein verkauft. Namen wie Plaça dels Raïms (Traubenplatz) oder Plaça de les Castanyes (Kastanienplatz) zeugen davon.

Der Riu Onyar trennt die Alt- und Neustadtseite von Girona

Bei einem vierstündigen kulinarischen Stadtspaziergang führt der gebürtige Holländer Marc auf einer ebenso unterhaltsamen wie genussreichen „“ zu den mittelalterlichen Handelsplätzen und heutigen Hotspots, ein halbes Dutzend Probier-Stopps inklusive (69 Euro pro Person). Mit dem größten gotischen Gewölbe der Welt stellt Gironas Kathedrale die Konkurrenz aus Barcelona in den Schatten und lädt zudem zum Spaziergang auf der angrenzenden Stadtmauer ein.

Fans der Kultserie „Game of Thrones“ werden so manchen Schauplatz wiedererkennen. Die „Sí“-Plakate, die Befürworter der Unabhängigkeit Kataloniens aus dem Fenster hängen, sind allerdings ebenso präsent wie in Barcelona – schließlich war Carles Puigdemont vor seiner Zeit als katalanischer Regierungschef Bürgermeister von Girona.

Cool: vierstündige kulinarische Tour inklusive Probier-Stopps mit dem gebürtigen Holländer Marc für 69 Euro pro Person

Muss man sehen!

Baumeister Guillem Bofill wurde wegen seines Entwurfs für verrückt gehalten. Dennoch steht das im 15. Jahrhundert erbaute, 51 Meter lange, 34 Meter hohe und fast 23 Meter breite, pfeilerlose Schiff der bis heute. Das Raumgefühl im schummrigen Inneren ist überwältigend und die sieben Euro Eintrittsgeld allemal wert, zumal Museum und Kreuzgang inbegriffen sind. Die barocke Fassade, auf die 89 Treppenstufen theatralisch hinführen, wurde für die sechste Staffel von „Game of Thrones“ ebenso in Szene gesetzt wie weitaus ältere Sehenswürdigkeiten Gironas.

Die pfeilerlose Kathedrale von Girona wurde im 15. Jahrhundert von Baumeister Guillem Bofill erbaut

Aus dem 12./13. Jahrhundert stammen die Arabischen Bäder, die Banys Àrabs und das ehemalige Judenviertel El Call mit engen Treppengassen und Bogengängen. Und auch die Pujada de Sant Domènec mit dem Serienfans bestens bekannten, imposanten Treppenaufgang zum Portal der Kirche Sant Martí Sacosta.

Ein wenig außerhalb am Flüsschen Galligants liegt das ehemalige Benediktinerkloster Sant Pere Galligants, das ein Archäologisches Museum mit griechisch-römischen Funden aus der Region beherbergt (Eintritt 4,50 Euro). Den Kontrapunkt setzt das , eines der wichtigsten Kino-Museen Europas, mit einem gewaltigen Fundus an Gerätschaften, Plakaten, Dokumenten und Szenen aus der Frühzeit des Films (Carrer Sèquia 1, Eintritt 5 Euro).

Das frühere Benediktinerkloster Sant Pere Galligants beherbergt ein Archäologisches Museum

Aus- und Weitblick!

Neben der Kathedrale führen Treppen und Wege durch schattige Gärten hinauf zur restaurierten Stadtmauer. Im typischen Zickzack einer mittelalterlichen Wehranlage kann man ihr einen knappen Kilometer folgen. Das ist besonders schön am Abend, wenn die untergehende Sonne die Dächer und Mauern leuchten lässt.

Bummeln und Schlemmen

Ohne Monate im Voraus reserviert zu haben, bekommt man im Drei-Sterne-Restaurant keinen Platz. Gleich ums Eck begann die Küchenkarriere der drei Roca-Brüder. Im bodenständigen Restaurant Can Roca steht deren Mutter am Herd und kocht wochentags ein Mittagsmenü für nicht mal 15 Euro (Carrer de Talaia 42).

Chefkoch Joan Roca – Das Restaurant „El Celler de Can Roca“ gehört seit Jahren zu den besten Restaurants der Welt

Stylisher geht es in der Eisdiele des Patisserie-Spezialisten Jordi Roca zu. In der Fußgängerzone Carrer de Santa Clara bilden sich lange Schlangen für Sorbet von Kokos und Veilchen oder gekochtem Apfel (Kugel mit Topping 3,50 Euro). Wer in Sachen Service hart im Nehmen ist (langsam und chaotisch), sitzt im El Boira an der Plaça de la Independència nett unter Arkaden und wird bei Tapas (ab 2,90 Euro) wie beim Mittagsmenü für 14 Euro positiv überrascht. Rund um den schönen Platz liegen viele weitere Restaurants. Raffiniertes mit interessantem asiatischem Twist serviert 400 Meter weiter das in der Carrer d’Abeuradors 4.

Im Restaurant „Nu“ gibt es Raffiniertes mit interessantem asiatischen Twist

Lieblingsplatz

Herrliche Ruhe, ein kühles Lüftchen von den Bergen und bester Blick auf die Kathedrale und bis in die Pyrenäen: Hinter dem Kloster Sant Pere Galligants geht’s rauf auf eine Art Wurmfortsatz der Stadtmauer, auf den sich kaum jemand verirrt.

Shopping

In den Shoppingstraßen Rambla Llibertat und Carrer de Santa Clara lässt es sich prima in kleinen, privat geführten Boutiquen stöbern. Beste Adresse für katalanische Spezialitäten von Schokolade über Olivenöl bis zu den gefragten Sardellen-Konserven aus dem nahen L’Escala ist der bis unter die Decke vollgestopfte Jugendstil-Laden Colmado Moriscot in der Carrer dels Ciutadans 4.

Nightlife

Wie überall in Spanien geht es erst spät los, dann aber gewaltig – zum Beispiel im in der Carrer d’En Jaume Pons Martí 12 nördlich der Kathedrale mit Live-Konzerten und besten Cocktails, auch Gin steht hoch im Kurs.

An warmen Sommerabenden ist vor dem „Sunset Jazz Club“ viel los

Raus aus der Stadt!

Lust auf eine Runde Golf, einen Spaziergang im Grünen oder eine Radtour? Das rund 15 Kilometer südlich von Girona umfasst auf 300 Hektar zwei Weltklasse-Golfplätze, einen Weinberg, private Villen und das vom katalanischen Star-Architekten Lázaro Rosa-Violán luftig gestylte  mit sehr gutem Restaurant (DZ/F ab 180 Euro). Zu den schönen, glasklaren Badebuchten der nahen Costa Brava – etwa bei L’Estartit oder dem Hügelstädtchen Begur – gelangt man bequem per Bus ab Girona in rund einer Stunde.

15 km südlich von Girona befindet sich das PGA Catalunya Resort mit zwei Weltklasse-Golfplätzen

Schön schlafen

Das kleine, charmant-rustikale liegt gleich oberhalb der Kathedrale. Achtung: Für Rollkoffer sind die Kopfsteinpflastergassen nicht geeignet (DZ/F ab 115 Euro).

Nicht verpassen

Enge Gassen und mittelalterliche Mauern lassen Girona manchmal etwas streng wirken. Beim verwandelt sich die Stadt jedoch jeden Mai in einen duftig-bunten floralen Traum. Dann sind Plätze, Balkone, Treppen und sonst nicht zugängliche Patios mit teilweise sehr avantgardistischen Blumen-Arrangements geschmückt (12. bis 20. Mai 2018).


INFO

Anreise

Mit ab 40 Euro von Frankfurt-Hahn. Oder nach Barcelona ab 100 Euro mit oder . Weiter per (40 Minuten, 33 Euro) ab Barcelonas Bahnhof Sants mit direkter Airport-Anbindung vor ort unterwegs.

Die Stadt lässt sich am besten zu Fuß erkunden. Für Ausflüge in die Umgebung, wie etwa in den 35 (hügelige!) Kilometer entfernten Küstenort Sant Feliu de Guíxols mit vielen sehr guten Restaurants, gibt’s ab 20 Euro pro Tag.

 

Mehr im Web


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Über diesen Autor

Anja Keul

Anja Keul

Volontariat kurz nach dem Abitur, danach Redakteurin, dann freie Journalistin, um parallel Philosophie zu studieren – uff. Kurz vor ihrem 30. Geburtstag zog Anja aber die Bremse, um erst einmal ein halbes Jahr um die Welt zu reisen und in Mexiko hängen zu bleiben. Als Kulturressortleiterin bei „Cosmopolitan“ und Journalismus-Dozentin ging es danach zwar weiter, aber irgendwie schlichen sich immer mehr Reisegeschichten in ihre Arbeit. Deshalb machte sie sich als freie Reise-Autorin und Entwicklerin von (Reise)-Magazinen selbstständig. Besonders gern fährt sie in spanischsprachige Länder, weil sie die Sprache und ihre Variationen mag – von der iberischen Halbinsel über Kuba bis Argentinien.

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