Länderberichte

Hurling | Der Iren Glück

Die älteste, schnellste und anspruchsvollste Teamsportart der Welt? Hurling. Es ist Religion, Philosophie, Musik, tägliches Brot und der Kitt, der die irische Gesellschaft zusammenhält.

Die Fans, in Blaugelb oder Schwarzgelb, bewegen sich auf den Croke Park zu wie Pilger. Behutsam. Schritt für Schritt. Andächtig und schweigend. Es ist der erste Sonntag im September. Es ist der Tag des „All Ireland Senior Hurling Final“, der wichtigste Tag im irischen Kalender. 15 Uhr 15. Michael D. Higgins, Irlands Präsident, betritt das drittgrößte Stadion Europas. Beifall auf den Rängen. Die ersten Takte der irischen Hymne erklingen. Alle 82.179 Besucher erheben sich.

King Henry hält alle Hurling-Rekorde

King Henry kennt das Gänsehautgefühl, das Spieler und Zuschauer kurz vor dem Anpfiff zum „All Ireland“ gleichermaßen befällt, wie kein anderer. 1999 absolvierte Henry Shefflin mit 20 sein erstes Finale im Croke Park. Heute, nach insgesamt neun gewonnenen Endspielen, gilt er als der größte Hurler aller Zeiten.

Er ist der Mann, der (fast) jeden Hurling-Rekord hält. Gewinnt sein Team  und steht er beim Abpfiff mit auf dem Platz, ist er der erste Spieler der zehn „All Irelands“ für sich verbuchen kann. Ein Rekord für die Ewigkeit, der Shefflin unsterblich macht. Henry  ist derjenige, der die Kluft, die zwischen Göttern und Menschen liegt, überbrückt. Heute muss er sich jedoch gedulden. Sein Coach Brian Cody, unter dem er alle seine „All Irelands“ gewann, hat ihn auf die Ersatzbank gesetzt.

Man muss Bälle nicht unbedingt mit Füßen treten – die Iren tun's auch gern mit einem Schläger aus Eschenholz: dem Hurley

Man muss Bälle nicht unbedingt mit Füßen treten – die Iren tun’s auch gern auch mit einem Schläger aus Eschenholz: dem Hurley

Sliotar – so heißt der Hurling-Ball

Anpfiff. Die erste gute Aktion liefert der Underdog, die Mannschaft aus der Grafschaft Tipperary: Torhüter Darren Gleeson schlägt ab und jagt den Sliotar, einen kleinen, gut 120 Gramm schweren Lederball, in den stahlblauen Himmel über Dublin. 82.179 Köpfe folgen der Flugbahn des mit Kork gefüllten Balles. Weit in der Hälfte der „Cats“, der Mannschaft aus der Grafschaft Kilkenny, schraubt sich Tipperarys Stürmerstar Seamus Callanan mit der Sprungkraft eines Weltklasse-Hochspringers aus einem Knäuel von fünf gegnerischen Spielern in die Höhe.

Mit weißen Knöcheln hält er seinen Eschenholzschläger, den Hurley. Und schwingt ihn über dem Kopf wie ein Krieger, der auf seine Gegner losgeht. Das Stadion bebt. Genau das will man sehen: „The clash of the ash“, das Krachen von Eschenholz auf Eschenholz. Der Ball senkt sich. Muskelbepackte Arme greifen nach dem Gegenspieler, breite, kantige Schultern rammen Rippen. Helm stößt an Helm. Callanan hat den Sliotar gefangen.

Bastion gegen die Globalisierung

Vier schnelle Schritte balanciert er ihn auf dem Hurley, lupft ihn 20, 30 Zentimeter hoch und feuert er ihn mit einer Geschwindigkeit von mehr als 170 Stundenkilometern durch die gegnerischen Torstangen. Der erste Punkt für Tipperary. Gespielt sind 53 Sekunden.

Heute kennt Hurling Superstars wie ihn und präsentiert sich als  letzte Bastion im Kampf gegen die Globalisierung, die das Eiland der Glückseligen in eine einzige Steueroase verwandelte. Zugegeben, es gibt einige Regionen auf der Insel, in denen Rugby und Gaelic Football, die wesentlich ältere irische Version des Rugby, dominieren. Überall sonst ist Hurling das wichtigste und beste im Leben der Iren und damit der Garant für die Förderung von Gemeinschaftsgefühl. Hurling ist der Kitt, der die irische Gesellschaft zusammenhält.

Erfolgreiche Hurling-Spieler genießen in Irland Heldenstatus – nicht nur auf Posterpapier

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Hurling fordert völlige Hingabe

Im Straßendorf Ballyhale, wo  Henry aufwuchs, gibt es auch heute noch nichts anderes als Hurling. Keiner hier geht zum Bowlen. Keiner  interessiert sich für  französisches Kino oder Premiership-Fußball. Es gibt keine Oper, kein Museum, kein Feinschmecker-Restaurant.

Man geht auf den Platz und spielt Hurling, träumt zuerst in den Farben des lokalen Clubs, dann in Schwarzgelb, den Farben der Grafschaft. Tag für Tag geht man nach der Arbeit auf den Platz und spielt. Hurling, das schnellste und älteste Feldspiel der Welt, fordert totale Hingabe. Und unzählige motorische und mentale Fähigkeiten. Mehr als 170 verschiedene „skills“ kennt man in der Trainingslehre.

Dynamisch und anspruchsvoll

So dynamisch und anspruchsvoll das Spiel, so simpel sind die Regeln: 15 Spieler pro Mannschaft versuchen, den Ball ins gegnerische Tor zu befördern. Sie dürfen dazu die Hand, den Fuß oder den Eschenholzschläger benutzen, der etwa einen Meter lang und am Ende breit abgeflacht ist.

Ein Tor zählt drei Punkte, ein Schuss über die Querlatte zwischen den verlängerten Pfosten hindurch gibt einen Punkt. Befindet sich der Ball auf dem Boden, muss er mit dem Schläger vom Boden aufgehoben, geschlagen oder mit dem Fuß gespielt werden.

Schlagen ja, Werfen nein

Fängt ein Spieler den Ball aus der Luft mit der Hand, darf er vier Schritte mit dem Ball in der Hand laufen oder ihn vier Sekunden lang halten. Das Werfen des Balls gilt als technisches Foul, allerdings darf der Ball mit der flachen Hand geschlagen und somit gepasst werden. Fast nie zerstört der Schiedsrichter den Spielfluss. Fast nie bleibt ein Spieler nach einem Foul am Boden liegen. Im Gegenteil, noch mit gebrochenen Knochen oder gerissenen Sehnen versucht er weiterzulaufen und den Punkt zu machen. Erst dann gibt er auf.

Publikumsmagnet Hurling: Der Croke Park in Dublin fasst 82.600 Besucher und ist das drittgrößte Stadion Europas

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Ein Hoch auf die irische Unabhängigkeit

Hurling und Gaelic Football waren immer auch eine Unabhängigkeits-Demonstration der Iren. Wobei sich ein Datum unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat: der 21. November 1920. Am Morgen dieses Tages töteten IRA-Leute in Dublin 14 britische Spione. Für das Gaelic Football-Team aus Dublin war für den Nachmittag ein Spiel gegen das Team aus Tipperary angesetzt. Mehr als 10.000 Menschen verteilten sich auf den Tribünen des Croke Park. Wenige Minuten nach Spielbeginn flog ein Flugzeug über das Spielfeld, aus dessen Cockpit eine Leuchtrakete abgeschossen wurde. Dann strömten plötzlich britische Soldaten aufs Spielfeld. Sie erschossen Michael Hogan, den Spielführer von Tipperary, sowie 12 Zuschauer. 65 weitere Fans wurden verletzt. Der 21. November 1920 ist als „“ in die Geschichte eingegangen.

Jeder Spieler geht an seine Grenzen

16 Uhr 36. Noch 20 Minuten zu spielen. Kilkenny führt mit vier Punkten Vorsprung. Im Hurling kein allzu komfortabler Vorsprung. Zeit, Henry zu bringen. Die Erfahrung des Kings soll Kilkenny den  35. Endspielsieg sichern. Hysterischer Jubel bricht aus, als der Superstar den Platz betritt. Allein die Präsenz des Kings hemmt den Spielfluss des Underdogs, verleitet zu Flüchtigkeitsfehlern. Doch sie glauben an den Sieg und kämpfen sich Punkt für Punkt an Kilkenny heran. Letzte Minute. Der verdiente Ausgleich durch John O’Dwyer.

Nur noch wenige Sekunden sind zu spielen. Foul. Freischlag Tipperary. Die Chance für den Underdog, das Jahrhundertspiel mit der allerletzten Aktion zu entscheiden. Wieder ist John „Bubbles“ O’Dwyer am Ball. Der Sliotar fliegt hoch über das Tor der „Cats“. Ganz Irland hält den Atem an: das Hawkeye, das elektronische Auge, muss entscheiden. Drei Zentimeter an der rechten Torstange vorbei. Abpfiff. Es bleibt beim Unentschieden. Der Wahnsinn geht weiter. In drei Wochen trifft man sich an gleicher Stelle zum Entscheidungsspiel wieder. Dann wird es einen Sieger geben. Bis dahin darf King Henry weiter von der Unsterblichkeit träumen.

 


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Über diesen Autor

Franz Michael Braunschläger

Franz Michael Braunschläger

Franz Michael Braunschläger lebt und arbeitet vor den Toren Münchens. Er schreibt als freier Journalist vornehmlich über Themen aus den Bereichen Kultur, Sport und Reise. Seit seinem ersten Besuch ist er fasziniert von der Atmosphäre Irlands. Er fühlt sich dort wie Zuhause und unterhält nach unzähligen Touren über die Insel intensive Verbindungen zu Land und Leuten, und er hat die „Insel der Glückseligen“ längst zu seiner Passion erklärt.