Länderberichte

Zweite Reihe, erste Wahl | Lyon … statt Paris

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu überlaufenen Städtereisezielen vor. Auch wenn Paris unvergleichlich ist, kann Lyon in Sachen Kulinarik und Romantik durchaus mithalten. Und wer vermisst schon arrogante Hauptstadt-Kellner und lange Schlangen vor den Museen? Zwischen Rhône und Saône sind echte Entdeckungen zu machen!

Warum Lyon?

Ein Eiffelturm für mich allein? Den gönnte sich der Gastronom Monsieur Gay im Jahr 1894 und ließ den „Tour métallique de Fourvière“ nach Plänen von Gustave Eiffel auf dem Hügel Fourvière errichten. Irgendwie ist die Geschichte typisch für Lyon. Denn wenngleich die Metropolregion Lyon mit mehr als zwei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Frankreichs ist, so bleibt sie zugleich besonders überschaubar. Das mag mit den beiden Flüssen zu tun haben, der Saône und der Rhône, die hier eine lange, schmale Halbinsel bilden, auf der sich Durchgangsverkehr von selbst verbietet. Rollt man per TGV vom riesigen Paris im Bahnhof Lyon Part Dieu ein, ist plötzlich alles anders: Die Plätze und Cafés gehören den Einheimischen. Warteschlangen vor den Museumskassen und U-Bahn-Gedränge? Im gemütlichen Lyon kein Thema.

Die City-Bikes, mit denen viele die Flussufer der fahrradfreundlichen Stadt entlangrollen, sind eine entspannte Alternative. In den Bouchons und Bistros nehmen sich freundliche Kellner viel Zeit für sachkundige Erklärungen. Schließlich ist Lyon, die Stadt der Gebrüder Lumière und von Antoine de Saint-Exupéry, vor allem auf seine Küche stolz. Gemessen an der Einwohnerzahl ist die Dichte an Restaurants mit Michelin-Stern höher als in Paris. Die Chancen, auch mal kurzfristig einen Platz zu ergattern, stehen dabei weit besser. Das hat nicht zuletzt mit dem kulinarischen Übervater Paul Bocuse zu tun. Außerdem wohl auch mit dem bürgerlichen Erbe der einstigen Seidenweberstadt und mit einer fruchtbaren Umgebung, die für frische Zutaten sorgt – darunter Geflügel und Gemüse, das in ganz Frankreich für Qualität bekannt ist. Spätestens hier muss man auch den Blick über die Stadtgrenzen hinaus richten. Ein schneller Sprung in berühmte Weinbaugebiete, etwa ins Beaujolais oder an die Côte du Rhône? Was der Großraum Paris nicht bieten kann, ist im kulinarischen Nabel der Grande Nation kein Problem.

Dekonstruktivistische Architektur des Musée des Confluences am Zusammenfluss von Rhône und Saône

Muss man sehen!

Der Künstler, der das Modell der New Yorker Freiheitsstatue schuf, bescherte auch Lyon einen kleinen Hingucker: die dynamischen Pferde des Brunnens an der Place des Terreaux. Man quert den Platz, während man das barocke Rathaus bewundert oder zur Oper hinüberspaziert. Das (Eintritt 8 Euro) mit Werken von Rubens, Rembrandt, El Greco oder Tintoretto liegt direkt an dieser zentralen Drehscheibe Lyons. Man befindet sich hier auf der langen, schmalen Halbinsel La Presqu’île.

Im Musée des Beaux-Arts bezaubern Alte Meister

Jedes Flussufer hat seine eigenen Attraktionen. Da wäre das neu restaurierte Hotel Dieu auf der Rhône-Seite, dessen 325 Meter lange Fassade von der Unesco geschützte Architektur liefert. Zu den Highlights am Saône-Ufer zählt das Fresque des Lyonnais, das berühmte Stadtbewohner auf einer Hausmauer versammelt. Am anderen Ufer der Saône breitet sich Lyons ältester Stadtteil aus, das von Renaissancebauten und romantischen Plätzen geprägte Lyon Vieux. Die (8 Euro) bringen Besuchern die Geschichte der Seidenweber-City näher. Für weitere spannende Museen muss man das Zentrum verlassen. Etwa um das Wohnhaus und die filmischen Arbeiten der Brüder Lumière im zu bewundern (25 Rue du Premier Film, 7 Euro). Oder die moderne Architektur des (5 Euro) am Zusammenfluss von Rhône und Saône. Das Haus kann aber mehr als dekonstruktivistische Architektur: Die Gegenüberstellung von Naturwissenschaften und der Entwicklung der Menschheit ist einzigartig.

Aussicht

Besser als von der Aussichtsterrasse neben der kann man Lyon Vieux und die Halbinsel kaum überblicken. Der Aufstieg über lange Treppen, die hinter den Musées Gadagne beginnen, ist aber nichts für Kreislaufschwache. Besser nimmt man die schnuckelige Funiculaire. Die Seilbahn startet bei der Metro-Station Vieux Lyon.

Blick auf Lyon Vieux von der Basilika Notre-Dame de Fourvière

Bummeln und Schlemmen

19 Michelin-Stern-Restaurants in einer Stadt dieser Größe? Das macht Lyon keine andere City nach. Aber noch besser ist das Fundament, auf dem alles fußt. Die Liebe zu den einfachen Bouchons, die hier hochwertige Hausmannskost abliefern, sowie das hohe Interesse für die Bistronomique-Welle ergibt Bistro-Kulinarik für den gehobenen Anspruch. Deswegen sollte man seinen Kulinarik-Spaziergang am besten in beginnen, einer modernen Markthalle der Superlative (102 Cours la Fayette). Mehr zu dem Thema bietet das spannende Projekt La Commune (3 Rue du Pré-Gaudry), eine legere Kantine mit 15 Essensständen, in denen aufstrebende Jungköche mit lokalen Zutaten aufkochen. Einer, der es bereits geschafft hat, ist Florent Poulard, der Chef des angesagten (14 Rue Royale, unbedingt reservieren).

Die Markthalle „Les Halles de Lyon Paul Bocuse“

Dass man in Lyon auch mit dem Auge isst, verrät der Besuch der historischen (1 Place Jules Ferry). Sie wurde 1913 eingerichtet und serviert neben einem dreigängigen Dinner-Menü für 39 Euro perfekt konserviertes Art-Nouveau-Interior. Immer noch hungrig? Ein klassisch-herzhaftes Bouchon findet sich wenige Minuten von der zentralen Place Bellecour: Das Les Culottes Longues wartet mit saisonaler Küche auf, etwa zarten Morchel-Rind-Kombinationen und Gerichten mit grünem Spargel. Und darüber hinaus mit der lebhaften Atmosphäre, die für eben so typisch ist.

Schön sitzen, schön schlemmen im Ausgehviertel Vieux Lyon

Lieblingsplatz

Zwei Plätze, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Da wäre das lichtgrüne Schimmern der Bäume im frei zugänglichen Innenhof des Musée des Beaux-Arts mit Skulpturen von Auguste Rodin. Keine fünf Minuten entfernt liegt die Place Sathonay. Ein idyllisches Stück Miniatur-Frankreich wie aus dem Bilderbuch: Anrainer spielen am sandigen Boden Pétanque. Kinder laufen um die Wette. Pensionisten rascheln mit der „Le Monde“. Eine kleine Polizeistation und das öffentliche Pissoir dürfen auch nicht fehlen.

In der Bar „Les Muses de l’Opéra“ läutet man den Abend bei einem Spritz ein

Shopping

Joseph-Marie Jacquard erfand in seiner Heimatstadt Lyon 1805 den lochkartengesteuerten Webstuhl, den Ausdruck „Jacquardgewebe“ kennt man bis heute. So berühmt werden die jungen Designer Romain Robert und Antoine Serouille vom Label Duoo vermutlich nicht werden. Allerdings haben auch sie eine Erfindung vorzuweisen: die ersten Männershorts der Welt, die Links- und Rechtsträger gleichermaßen gegen schädliche Handystrahlung schützen sollen (ab 30 Euro).

Spezielle Shorts vom jungen Lyoner Label „Duoo“

Präsentiert werden derart innovative Produkte in der Passage Thiaffait (19 Rue René Leynaud), wo die Organisation „“ kreative Start-ups unterstützt. So findet man in der Passage Uhren aus feinem Rosen- oder Sandelholz des Labels D.W.Y.T. (ab 109 Euro) oder Radfahrerschals von WAIR mit eingebauter Atemschutzmaske (69,90 Euro). Die Fußgängerzone Rue de la République auf der Halbinsel La Presqu’île birgt internationale Marken und Kaufhäuser wie Printemps (Nr. 42). Exklusiver wird es nur wenige Meter weiter in der gerade neu restaurierten Unesco-Welterbestätte , einem früheren Krankenhaus, mit Boutiquen und gastronomischen Luxusprodukten.

Die „Brasserie des Brotteaux“ ist von innen wie von außen eine Augenweide und serviert auch exquisite Menüs

Nightlife

Die zwölf Musen der sind keine schlechte Gesellschaft für den angebrochenen Abend. So ist die schmale Terrasse mit den Marmorskulpturen der Bar Les Muses de l’Opéra (1 Place de la Comédie) ein perfekter Ort für einen ersten Beaujolais nouveau. Auch lang und schmal, aber etliche Meter tiefer erstreckt sich die jugendliche Alternative: die Uferzeile an der Saône, die sich allabendlich in einen belebten Picknickplatz verwandelt (Quai de la Pêcherie). Spätestens dann scheiden sich aber die Geister: Auf der Halbinsel La Presqu’île lässt sich der Abend in angesagten Weinbars wie (9 Rue Neuve) oder dem gut sortierten Keller der (24 Quai Saint-Antoine) verbringen. Stimmungsvoll feiert man aber auch in den romantischen Gässchen der Altstadtseite Vieux Lyon. Bodenständig und bewährt ist (7 Place Saint-Paul). In der Bar Le Phosphore (4 Rue Professeur Pierre Marion) werden zum Grand Cru herrliche Tapas-Häppchen serviert.

Das stylishe „MOB Hotel Of The People“ von außen …

Schön schlafen

Über dem Bett hat – statt eines Fernsehers – der „Guignol“ das Sagen, der freche Kasper aus Lyon. Die Lobby sieht wie ein stylisher Gemischtwarenladen aus … und tatsächlich kann man alles auch kaufen. Keine Frage: Das (55 Quai Rambaud) ist ein sehr ungewöhnliches Boutiquehotel, ein Mix aus Co-Working-Zone, Gemüsegarten, Pétanque-Platz und viel frischer Luft. Schließlich liegt es etwas außerhalb in der Nähe des coolen Musée des Confluences. DZ ab 79 Euro.

Das stylishe „MOB Hotel Of The People“ mit röhrendem Hirsch in der Co-Working-Zone

Nicht verpassen

130.000 Fans elektronischer Musik tauchen jeden Mai in die fünftägige Klangwolke der ein. In den Sommermonaten wird das galloromanische Amphiteater am Fourvière-Hügel im Rahmen der zur Kulisse für Theater, Musik und Tanz. Höhepunkt vom 6. bis 9. Dezember: das berühmte Lichterfest .

Landpartie par excellence zum Château de Bagnols

Raus aus der Stadt

Eigentlich ist die berühmte nur für einen Kurzausflug fast zu schade. Aber wer die verschlafenen Dörfer und weichen Hügel sehen möchte, an denen zehn Crus und zwölf Appellationen gekeltert werden, findet mit Oingt, Theizé oder Frontenas bereits eine knappe Autostunde nordwestlich von Lyon typische Orte. „Les Pierres dorées“ werden sie genannt, wegen der gelbgold strahlenden Steine. Aus ihnen wurde Anfang des 13. Jahrhunderts in Bagnols auch das Burghotel gebaut, die perfekte Adresse für einen romantischen Drink mit Blick über Lavendel, Kirschbäume und Weinstöcke.

INFOS

Anreise

Direktflüge von Deutschland und Österreich ab 200 Euro hin und zurück mit , , , und . Schnelle Zugverbindungen unter anderem von Frankfurt und Stuttgart (6 Stunden).

Spartipp

für ein bis vier Tage ab 25 Euro. Zutritt zu 23 Museen und Nutzung des gesamten ÖPNV-Netzwerks.

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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.