Länderberichte

Malediven | Lokalkolorit statt Resortkomfort

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Eine Insel, ein Resort, Bespaßung im Überfluss. So kennt man Urlaub auf den Malediven. Doch seit einigen Jahren geht es auch anders und günstiger: Bei Gästehäusern auf Einheimischeninseln steht authentisches Ambiente im Vordergrund – und Schnorcheln mit Walhaien und Mantas

Dhigurah bedeutet in der Landessprache Dhivehi „die Lange“. Mit drei Kilometer Länge auf 500 Meter gehört sie tatsächlich zu den großen und auch üppig bewachsenen Malediven-Inseln. Was Dhigurah aus Urlaubersicht besonders macht: Sie ist keine Resortinsel, von denen allein 2018 und 2019 nochmal rund 40 neue zu den ohnehin schon 120 bestehenden hinzukommen, sondern eine von etwa 180 Einheimischeninseln. Allein die Anreise gestaltet sich da anders. Vom Flughafen in Malé brechen kaum Wasserflugzeuge oder Hotelschnellboote zur 600-Einwohner-Insel auf. Transportmittel Nummer eins sind Schiffe im Linienverkehr.

Der bewohnte Nordteil der Einheimischeninsel Dhigurah

Dass auf denen Touristen die Ausnahme darstellen, wird uns klar, als Kapitän und Assistent jede Menge Koffer, Kisten und Lebensmittel in den Schiffsrumpf hieven. Die 26 Sitzplätze sind mit maledivischen Arbeitern, Rentnern, Teenagern und Müttern mit Babys besetzt – und uns. Jeden Tag um 16 Uhr bricht die Fähre auf, mit zwei Zielen im Süd-Ari-Atoll, eines davon Dhigurah. Als wir dort nach einer rasanten, aber ruhigen Fahrt eintreffen, staunen wir nicht schlecht, als wir vom Guesthouse-Team per Auto empfangen werden. Die Insel verfügt ja nur über ein paar bewohnte Blocks mit einfachen Häusern. Teerstraßen? Fehlanzeige. Die Wege sind eher sandige Pisten mit teils riesigen Schlaglöchern. Entsprechend langsam kurvt man hier herum, die meisten Leute sind zu Fuß, per Rad oder Moped unterwegs. Doch als Gepäcktransportmittel hat das Auto durchaus seine Berechtigung.

Lobby des Gästehauses „TME Retreats“. Es war das erste, das auf Dhigurah öffnete – 2008

Unser Ziel ist das „TME Retreats“ keine 500 Meter vom Mini-Hafen entfernt. Das einstöckige Gästehaus mit ein paar Appartementsatelliten verfügt über 42 Betten und ein nach allen Seiten offenes Restaurant mit einem guten, lokalen und vor allem ausreichenden Essensangebot. In der zum sandigen Garten offenen Lobby stellen ein Billardtisch und ein Bücherregal das Entertainmentangebot dar, auf Wunsch werden Massagen organisiert. Kurz: Kein Vergleich zu den Resortinseln mit ihrem teils riesigen Programmangebot, aber typisch für das halbe Dutzend Gästehäuser in der Nachbarschaft. Wobei das „TME“ Retreats das erste seiner Art war. Gerade einmal zehn Jahre sind vergangen, seit diese Tourismusform in der streng muslimischen Republik überhaupt erlaubt ist.

Weniger Kosten, mehr Authentizität

Die Schweizerin Sarah Studer-Hohn, Geschäftsinhaberin von Pure Islands, ist von der Entwicklung begeistert. „Als sensibilisierter Reiseveranstalter ist es uns ein Anliegen, die negativen Folgen des Tourismus möglichst zu minimieren und Kunden zu ermöglichen, die Natur nah, intensiv und ursprünglich zu erleben und die Gastfreundschaft, Traditionen und Kultur zu wahren.“ Ihr Fazit: „Nirgends ist dies besser möglich als in den kleinen, authentischen Unterkünften.“ Die sie mit Vorliebe – und Erfolg – an ihre Kunden vermittelt, nicht zuletzt dank der günstigen Übernachtungspreise ab 25 Euro die Nacht. Und nicht nur die Unterkunft ist im Vergleich zu den Resorts deutlich günstiger, sondern auch das Essen, Getränke, Andenken.

Beliebtes Ausflugsziel: Die naturbelassene Südspitze der Malediveninsel Dhigurah

Urlauber auf Einheimischeninseln bekommen also mehr fürs Geld – und mehr Authentizität: Kein austauschbares Personal mit internationalem Lebenslauf, sondern alles Leute von der Insel. Auch junge Frauen sind an der Rezeption im Einsatz, was einer kleinen Revolution gleicht. Durchs Gebüsch huschen Katzen, auf der Straße ergeben sich ständig Smalltalks. Englisch können hier ohnehin fast alle. Zu den Einblicken ins „echte Leben“ gehören auch die Baustelle nebenan und Staubwolken, wenn mal wieder ein Motorradfahrer vorbeiknattert. Und ja, vor allem beim Spaziergang in die grüne Südhälfte sieht man einigen Abfall, auch jenseits der immensen Dorfmüllhalde. Es gibt eben keine Gärtner-Armada wie auf den Resortinseln, die alles Weggeworfene, Angewehte, Angeschwemmte wegräumen.

Am kilometerlangen Strand von Dhigurah ist man fast immer allein

Wobei es ohnehin schon viel besser geworden sei mit der Sauberkeit, berichten die Einheimischen übereinstimmend. Besonders gilt das für das sandige „Horn“ der Dreiecksinsel, wo sich dank schattenspendener Cabanas und anderer Picknickmöbel vor allem freitags und samstags die einheimischen Familien gerne aufhalten. Und zunehmend Touristen.

Zum Greifen nah: Mantas und Walhaie

Als wir gerade im 30 Grad warmen, klaren Wasser herumtollen, kommt ein Boot vorbei. „Habt ihr die Mantas eben gesehen?“, ruft uns eine völlig aus dem Häuschen befindliche Frau zu. Gesehen haben wir nichts, leider. Ist ja auch unerwartet: So nah am Ufer? Stark! Am nächsten Tag haben wir in puncto Mantasichtung mehr Erfolg. Nicht zuletzt dank der „Island Divers“. Die Tauchschul-Guides, fast alle hier geboren und aufgewachsen und nach Aufenthalten im „schrecklich hektischen“ Malé zurückgekehrt, kennen sich einfach beim Animal Watching perfekt aus.

So lässt es sich aushalten!

Für rund 60 Dollar pro Person organisieren die jungen Männer mehrstündige Trips auf ihrem hochmodernen Tauchboot – auf Resortinseln kostet eine solche Exkursion locker das Doppelte, eher das Dreifache. Wobei man mit den Einheimischen sogar mehr bekommt. Abgesehen von der hohen Qualität beim Equipment ist es ihre Ortskenntnis, von der Urlauber profitieren. Wir erleben es am eigenen Leib. Nach einer Stunde haben die jungen Männer schließlich auffällige Bewegungen entdeckt und scheuchen uns ins Wasser. Wir werden Zeuge eines fantastischen „Manta-Balletts“. Ein halbes Dutzend der bis zu vier Meter großen Planktonfresser „tänzeln“ friedlich um uns Schnorchler herum, ein Schauspiel! Ohnehin ist Dhigurah für seine rund 40 Tauchgründe bekannt. Bob, ein Ex-Marine aus den USA, kommt seit 2010 zweimal pro Jahr hierher, und sagt: „Die Tauchgründe sind grandios und die Insel so ruhig. Kein Vergleich zu dem Zirkus auf den Hotelinseln!“

„Blinder Passagier“ auf einem angeschwemmten Flipflop

Tags darauf kommt es noch besser. Wir begegnen Walhai Fernando! Mit acht Metern ist der in einer Datenbank von über 300 Walhai-Individuen gelistete Riesenfisch ein überdurchschnittlich großes Exemplar. Zudem haben wir Glück, dass heute nur ein paar Boote am Start sind. Oft tummeln sich am Dhigurah-Südufer, einem der wenigen Spots weltweit, wo das ganze Jahr über die weltgrößten Fische zu sehen sind, 20 und mehr Boote, die meisten von Resortinseln.

Walhaie lassen sich ganz nah an Dhigurahs Küste blicken – und nah an der Wasseroberfläche

Die Folge: mehr Trubel im Wasser, weniger Sicht, weniger Erlebnis. Wir jedoch sind gerade mal zu zehnt mit dem eindrücklichen, aber auch sehr entspannt dahinziehenden Fernando. Da an der Riffkante zudem Schildkröten, Riffhaie und Tausende bunte Fische um die – ja, teils erschreckend gebleichten – Korallen zu sehen gibt, erleben wir eine sagenhafte Dreiviertelstunde. Wir sind berührt, beseelt, begeistert.

Bikinibaden nur hinter der Holwand

Nach derart aufregenden Unterwassererlebnissen ist „süßes Nichtstun“ angesagt. Wie wär’s mit Sonnenbaden am quasi menschenleeren kilometerlangen Strand? „Gerne“, sagt man uns im „TME Retreats“, das wie alle Unterkünfte nicht direkt am Strand, sondern ein paar Meter hinter einem Grüngürtel liegt, „aber bitte hinter der Holzwand, die 200 Meter weiter aufgebaut wurde. Aus Respekt vor den Einheimischen.“ Ein großes Thema, das merkt man. Daher auch das Schild: „No bikini beyond this point“.

Benimmregeln auf Dhigurah

Magnum statt Magnum-Flaschen

Dass man sich auf den Straßen trotz enormer Hitze bedeckt hält, ist klar, erst recht vor der kleinen Moschee und der Schule. Wir sehen Kinder in strahlenden Schuluniformen, Leute beim Kochen in ihren Innenhöfen, kleine Cafés und Läden, bei denen wir vor Betreten die Schuhe ausziehen. Der Dank? Ein Lächeln und der Hinweis auf eine bis zum Rand gefüllte Gefriertruhe mit Magnum-Eis. Über all dem künden pinke und gelbe Fahnen von der baldigen Parlamentswahl (die Ende September überraschend der Demokrat Ibu Solih gewann und damit den autokratischen Präsidenten Abdulla Yameen ablöste) und der mehrmals täglich aus Boxen rufende Muezzin von der Staatsreligion. Was es auf Dhigurah nicht gibt: Nightlife und Alkohol. Ahmed, der indische Kellner im „TME Retreats“, serviert dafür eigens kreierte Mocktails. Herrlich: in der einen Hand einen alkoholfreien Drink, in der anderen eine Shisha, die Füße im Sand, leise Musik im Ohr. Dass es Wlan „nur“ in der Lobby gibt, ist eher eine Wohltat als eine Einschränkung.

Auf der „Hauptstraße“ von Dhigurah gibt es auch einige Läden und Souvenirshops

Diese Art des Maledivenurlaubs, bei dem nicht der ständige Konsum im Vordergrund steht, kommt auch bei anderen gut an, das ist offensichtlich. In den letzten Jahren entstanden allein auf Dhigurah mehrere Gästehäuser (weitere sind im Bau), wobei ein Gesetz eine Einheimischen-Beteiligung vorschreibt. Die Britin Romney Drury, die sich 2015 mit dem „All-Inclusive Diving & Snorkelling Hotel“ „Boutique Beach“ ihren Traum erfüllt hat, ist ein gutes Beispiel einer solchen Partnerschaft – sie betreibt das nette, nebenan befindliche Gästehaus, das durch geschmackvolle Einrichtung, private „Open-Air-Duschen“ und „camera work stations“ auf den Zimmern begeistert, zusammen mit dem Malediver Afsal.

Dinner under the stars

Auf ihrer erhabenen Terrasse genießen Gäste den Ausblick auf beide Seiten des Meeres und abends, wenn die Mitarbeiter nach Beendigung des tollen Büfetts das elektrische Licht ausknipsen, einen unglaublichen Sternenhimmel. Wie beim benachbarten „Athiri Beach“ ist die eigene Tauchschule auch im „Boutique Beach“ zentraler Bestandteil. Ehrensache, dass man nicht bei den Kunden anderer Gästehäuser wildert. „Wir wollen nicht so enden wie auf Kulimethi, wo sie sich mit Kampfpreisen kaputt gemacht haben“, so Romney. Die Britin, die schon seit vielen Jahren immer wieder nach Dhigurah gereist ist, legt großen Wert darauf, dass der aufkeimende Tourismus nicht zu inselinternen Problemen führt. „Und das klappt bislang auch ganz hervorragend“, so ihre Einschätzung.

Erhabene Terrasse des neuen Gästehauses „Bliss“ auf Dhigurah

Auch das kürzlich eröffnete „Bliss“ hält sich mit seinem eigenen Wassersportangebot an die „Nicht-Wilder-Regeln“ und bedient daher „nur“ hoteleigene Gäste. Viel auffälliger: Alles ist hier ein bisschen größer und stylisher, die Terrasse im dritten Stock ein echter Hingucker, das Essen ausgesprochen köstlich. Ob es bei den Temperaturen unbedingt einen Jacuzzi auf der Terrasse braucht, sei dahingestellt, die feinen Kaffee- und Teespezialitäten im Erdgeschosscafé namens „Hermit’s“ jedenfalls begeistern. Nicht zuletzt, da uns die Kellnerin zum Frappuccino Spray und glimmenden Antiinsektenspiralen gegen die Moskitos bringt. Auch das unterscheidet sich zu manch Resortinseln, wo alles rigoros niedergespritzt wird.


Infos

Übernachtung auf Dhigurah: TME Retreats (), ab 40 Euro pro Nacht und Person, Boutique Beach offeriert All-Inclusive-Packages auf Anfrage (), andere Gästehäuser ab 25 Euro pro Nacht und Person

Einen Großteil der Gästehäuser vermittelt der Schweizer Spezialanbieter Pure Islands ()

Allgemeine Informationen über die Malediven: Visit Maldives ()


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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von gambleinfo.