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Zweite Reihe, erste Wahl | Manchester … statt London!

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu überlaufenen Städtereisezielen vor. Lust auf britischen Lifestyle mit internationaler Atmosphäre? Damit kann Manchester ebenso dienen wie mit kreativer Subkultur, spannenden Museen, Solitären vom Star-Architekten – und ebenso freundlichen wie witzigen Einwohnern

Warum Manchester?

London hat zwei Drachen im Wappen, England drei goldene Löwen. Manchester macht es ein paar Nummern kleiner. Das geliebte Symbol der Stadt ist eine brummende Biene, allerdings keine Königin. Denn im proletarischen Manchester, der Wiege der industriellen Revolution, ehrt man die Arbeiterbiene.

Als in London die Royals den Ton angaben, startete das näher an den amerikanischen Kolonien liegende Manchester durch: Erfindung der Dampfmaschine und erster Passagierbahnhof, die frühe Gleichberechtigung der Frauen durch den Kampf der Suffragetten, Gründung einer Arbeiterpartei, schließlich die erste atomare Spaltung und der älteste Computer der Welt.

Das Prädikat Premieren-City trifft auf Manchester mehr zu als auf die meisten anderen Orte der Welt. Die progressive Haltung zeichnet die Stadt im Nordwesten Englands immer noch aus, ebenso wie die Wärme der Mancunians, Manchesters witzigen Bewohnern, mit denen man schnell ins Reden kommt.

Im Gegensatz zum unterkühlten Finanzplatz London punktet Manchester mit fast familiärem Touch. Anders als in der Hauptstadt liegt hier alles nur wenige Schritte auseinander. Das Stadtzentrum durchquert man in 20 Minuten zu Fuß, heillos überfüllte U-Bahn-Waggons wie in der Londoner „Tube“ bleiben einem also erspart. Wer trotzdem abkürzen will, der steigt einfach in einen der kostenlosen Metro-Shuttle-Busse, die die wichtigsten Bezirke verbinden. Auch das ist typisch für die soziale Ader der Stadt.

Deansgate

Deansgate: Die Hauptstraße der Stadt mit vielen Bars ist gesäumt von typischer Backstein-Architektur

Die Zeit des „Manchester-Kapitalismus“ im 19. Jahrhundert, mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf der einen und gigantischen Profiten auf der anderen Seite, hat hier einen Gemeinschaftssinn geschärft, der im überteuerten London häufig zu fehlen scheint. Zugleich bietet das kompakte, weltoffene Manchester viel Kultur auf engem Raum.

Die backsteinroten Original-Schauplätze und stillen Wasserkanäle der frühen Industrialisierung lassen historische Viertel wie Castlefield wie ein lauschiges Freilichtmuseum wirken – undenkbar im harten Rekordmieten-London. Neben Kreativen aus ganz Großbritannien hat selbst die BBC hier in der „Media City“ ihr Quartier bezogen.

Nur in London spielt die Musik? Von wegen!

Manchester gilt als die geheime Hauptstadt des Pop. Von hier aus schwappte auch die Rave-Welle über Europa und machte aus Manchester „Madchester“. Leicht zugänglich bleiben die vielen Clubs und Boheme-Viertel wie Northern Quarter trotzdem. Auch hier setzt die Arbeiterstadt lieber auf menschliches Maß.

Zentrales Viertel Castlefield: Hier sorgen alte Eisenbrücken für recht spektakuläre Aus- und Durchblicke

Muss man sehen!

Die aus dem Jahr 1422 ist eine ideale Ecke für den Einstieg. Zu einem der berühmtesten neugotischen Bauten Großbritanniens ist es dann nicht weit: Manchesters Town Hall am Albert Square prunkt mit einer opulenten Fassade und einem Skulpturengarten (mit Café im Gewölbe).

Ebenfalls frei ist der Eintritt in die nahe gelegene . Sie beherbergt das älteste Bibelfragment der Welt und einen Lesesaal à la Harry Potter. Dem Fußballgott huldigt das interaktive neben der Kathedrale. Es bietet einen Vorgeschmack auf die Tour im legendären Old Trafford Stadium von oder im Etihad Stadion des Erzrivalen Manchester City.

John Rylands Lybrary

John Rylands Library: 1900 eröffnete Kathedrale der Bildung in viktorianischer Gotik

Der Geburtsort der Industrialisierung leistet sich aber auch Nostalgie: Im weitläufigen an der gepflasterten Liverpool Road sorgen Mechaniker mit Ölkännchen dafür, dass die Maschinenmonster tadellos weiterschnaufen. Neu überholt wurde zuletzt auch die für zeitgenössische Kunst am gleichnamigen Park. Die hypermoderne Waterfront-Architektur rund um die steuert man stilgerecht mit dem Öko-Wassertaxi „Waxi“ an. Hier stößt man unter anderem auf das Imperial War Museum North des Stararchitekten Daniel Libeskind und auf den Kunsttempel The Lowry mit industriegeschichtlichen Gemälden sowie Theater- und Konzertsälen.

Salford Quays

Salford Quays: Kunst- und Kreativ-Quartier am Wasser

Ganz anders tickt das Viertel Northern Quarter, die Heimat der Indie- und Kreativszene rund um die Oldham Street. Hier wird das Kulturexperiment Manchester in Clubs, Galerien und Vintage-Läden weitergeführt.

Northern Quarter

Northern Quarter: Mit zahllosen Pubs und Restaurants das Ausgehviertel der Stadt

Aussicht

Flach wie eine Flunder zieht sich Manchester dahin. Eigentlich handelt es sich um mehrere historische Ortskerne, die längst zu Greater Manchester zusammengewachsen sind. Hügel sucht man da vergebens. Dafür springt der Beetham Tower in die Bresche: Der Blick von der schicken Cocktail-Bar ist umwerfend!

Cloud 23

„Cloud 23“: Die Cocktail-Bar ist in punkto Aussicht unschlagbar

Bummeln und schlemmen

Restaurants und atmosphärische Food Malls wie die neu restaurierte Markthalle Mackie Mayor sind im weltoffenen Manchester nie weit entfernt. Rund um die Faulkner Street findet sich Europas drittgrößte Chinatown, während sich die Oxford Road im südlichen Arbeiterbezirk Rusholme in die exotische Curry Mile verwandelt hat. Feiner ist aber das Angebot im stylishen, fröhlich-bunten im First Street District (2 Isabella Banks St.). Hier wird indisches Street Food auf hohem Niveau angeboten – samt detaillierter Erklärungen zur Tradition der Gerichte.

Eine vollkommen andere Institution ist der urenglische „Sunday Roast“. Besonders gut werden Roastbeef und Yorkshire Pudding in Manchester von zwei Newcomern serviert: (Oxford St.) bietet inmitten gekachelter Bögen auch langsam gedünstete Ochsenwange oder Korea Chicken mit Eigelb und Thai-Sriracha-Soße an. Traditioneller legt im Northern Quarter (35–37 Thomas St.) diese britische Version des Sonntagsbratens an und serviert das volle Programm mit Beilagen für rund 16 Euro pro Person.

The Refuge by Volta

„The Refuge by Volta“: Ale vom Fass und kreative Küche

The Bay Horse Tavern

„The Bay Horse Tavern“: Klassisch und deftig ist hier der traditionelle Sonntagsbraten

Lieblingsplatz

In Castlefield verdichtet sich Manchesters Vergangenheit auf engstem Raum: Die Fundamente des Römerkastells Mamucium und der Charme der typischen länglichen Hausboote am 1761 eröffneten Bridgewater-Kanal gehören dazu. Die alten Schleusen bleiben längst geschlossen. Doch die stillen Wege entlang der Kanäle führen in eine verzauberte Welt aus rotem Backstein und kühnen Eisenbrücken – eine geniale Location für Designer-Cafés wie (20 Castle St.) oder die am Catalan Square.

Bridgewater Canal

Bridgewater-Canal in Castlefield: Schöne Spazierwege und coole Cafés

Shopping

Rund um die Ecke Exchange Square/Market Street markieren die Luxuskaufhäuser Harvey Nichols und Selfridges das Revier. Mehr Shopping-Charme versprüht die viktorianische Einkaufspassage Barton Arcade zwischen Deansgate und St. Ann’s Square, in der die Boutique eine typische Manchester-Linie vertreibt: Klamotten von Brands wie „Le Laboreur“ interpretieren Arbeitskleidung und Blaumäntel als „Blue Collar Chic“. Auch die ikonischen Shopping-Adressen des Northern Quarters stehen für kraftvolles Handwerk. Der verwinkelte an der Church Street gilt als Mekka der lokalen Indie-Läden. Das in einer ehemaligen viktorianischen Markthalle untergebrachte (17 Oak St.) steht unter dem Motto „Meet the Makers“. Weil Manchester seine Rolle als Arbeiter­stadt pflegt, kann man auch selber kreativ werden. Die passenden Drähte, Folien und Knöpfe für die Eigenkreation hält bereits seit 130 Jahren an der Lever Street bereit.

Barton Arcade

„Barton Arcade“: Shoppen mit viktorianischem Flair

Nightlife

Historische Pubs finden sich in Manchester zur Genüge. Atmosphärische Lokale wie (73 Rochdale Rd.) oder (127 Great Bridgewater St.) schlagen dabei klassische Pub-Töne an. Aber eine revolutionäre Stadt wie Manchester hat das Prinzip Pub zugleich auch neu erfunden. Das verraten schrullige Adressen wie der an der First Street, wo man zum Pale Ale eine trashige Runde Indoor-Minigolf spielen kann. In eine ähnliche Kerbe schlägt an der Deansgate: Statt mit Dartpfeilen wird hier mit Äxten auf Zielscheiben geworfen. Ebenfalls sportlich im Trend: Ping-Pong-Bars wie das (10 Tariff St.). (19 Shudehill) fällt in die Kategorie der Speakeasy-Bars – man betritt es durch eine als Münzwaschmaschine getarnte Geheimtür (ohne Reservierung geht nichts: 0161/ 839 52 87). Music-Clubs finden sich in der Heimatstadt von The Smiths, Oasis und Elbow vor allem in den Ausgehvierteln Northern Quarter und um die Deansgate, aber nicht nur. Die neugotische Location liegt gleich neben der Uni.

"Junkyard Golf Club"

„Junkyard Golf Club“: Bar mit Indoor-Minigolf – ziemlich schräg!

Mehr …

Schön schlafen

Fliegende Regenschirme im Foyer, weiche Teppiche mit Herbstlaubmotiv, eine rosarote Riesensonnenbrille und ein Beistelltischchen in flockiger Wolkenform: Das neue präsentiert sich so wetterfest, wie es sich für eine Stadt gehört, die auch als „Rainy City“ bekannt ist. Doch auch die zentrale Lage gegenüber den Piccadilly Gardens überzeugt. Bis zum Northern Quarter oder nach Chinatown sind es nur wenige Minuten zu Fuß. DZ ab 95 Euro.

„Ibis Styles Manchester Portland Hotel“

Nicht verpassen!

Zu den Highlights des üppigen Festival- und Ausstellungskalenders zählt das Musikfestival Parklife im Heaton Park (9./10. Juni 2018). Das von lokalen Künstlern getragene Greater Manchester Fringe Festival findet den ganzen Juli über statt.

Raus aus der Stadt

Richtung Meer liegt die Beatles-City Liverpool. Die Geschichte des historischen Hafens, in dem einst amerikanische Baumwolle für Manchesters boomende Textilspinnereien gelöscht wurde, ist eine weitere Facette der industriellen Historie dieser Region. Aber auch weiter im Inselinneren wurde Geschichte geschrieben: Etwa eine halbe Autostunde östlich von Manchester liegt der älteste Nationalpark Großbritanniens. Von einem Ort wie dem vor der Haustür können Londoner nur träumen. Gleich hinter Oldhams Dove Stone Reservoire verlieren sich die Menschenmassen in einsamen Hochmooren und wandern zu bronzezeitlichen Steinkreisen wie Arbor Low. Besonders rau ist die karge Hügellandschaft um den Dark Peak. Die bizarren Granitfelsen und Heidekraut-Ebenen lassen sich während der Sommermonate auch mit dem besuchen.


Anreise

Direktflüge ab Deutschland und Österreich mit , und ab 130 Euro hin und zurück

Spartipp

Die gewährt Rabatte in vielen Restaurants, Bars und bei Aktivitäten. Monatsmitgliedschaft 5,60 Euro.

Ausflüge Nach Liverpool (60 Minuten) und in die Residenzstadt York (70 Minuten) bequem im . Der nahe Peak District National Park ist schnell mit den Zügen der erreichbar oder man fährt direkt mit dem ins etwa 90 Kilometer entfernte Derby.

Manchester im Web


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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.

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