Länderberichte

Patagonien | Sattel-Fest!

Thomas Linkel
Geschrieben von Thomas Linkel

Wer gern zu Pferd in weiten Landschaften unterwegs ist, der findet in Argentinien und Chile das Paradies. Unser Reporter schwang sich auf der „Estancia Caballadas“ in Nordpatagonien in den Sattel

„Argentinien braucht Menschen wie Ihre Familie und Sie! Wählen Sie einfach zwischen diesen beiden riesigen Länderei­en. Werfen Sie die Münze und das Land ge­hört Ihnen!“ Wen würden solche Worte nicht zum Überlegen bringen? Und würden wir nicht alle bald darauf unsere Kof­fer packen und dieses Land in Besitz neh­men? Dazu ist wichtig zu wissen, um was für ein Stück Land es sich handelt. Also: Urwald. Patagonischer Urwald, und dazu Berge, Vulkane und Flüsse in der Provinz Neuquén an der Grenze zu Chile. Lassen Sie nun alles zurück und fahren sofort los? Nein? Ja?

Nun, Ihnen ist entweder noch nie etwas Derartiges angeboten worden, Sie besitzen bereits ein so grandioses Stück Land, Sie sind einfach kein wagemutiger Mensch oder unwegsame Natur ist nicht Ihr Terrain. Don Juan Lagos Mármol, der Urgroßvater von Isabel Lagos Mármol, die zusammen mit ihrem Mann Santiago die „Estancia Caballadas“ führt, war auf jeden Fall wagemutig. Er hat im Jahre 1908 auf die Worte des größten Landbesitzers in dieser Region gehört, seinen Job und die Bequemlichkeit eines „zivilisierten“ Lebens in Buenos Aires zurückgelassen, das Stück Land erworben und ist mit seiner Familie nach Patagonien gezogen, um für immer zu bleiben – auf 20.000 Hektar unberührter Natur. (Nur zum Vergleich: Der Nationalpark Baye­ri­scher Wald hat in etwa die gleiche Fläche.)

Cowboy-Feeling in Patagonien

Also, was hat Don Juan Lagos Mármol gemacht? Er ist rein in den Zug, einige Tage gefahren, dann noch einmal eine Woche mit dem Pferd geritten und schließlich am Ufer des Lago Quillén angekommen. Er hat Beil und Säge ausgepackt, ein Holzhaus und ein Wirtschaftsgebäude gebaut. Zäune waren unnötig, die kamen erst später. Pferde und Rinder als wirtschaftliche Grundlage aber nicht, also her damit und fertig ist die patagonische Estancia. Und zwar seit 110 Jahren.

Noch heute bewirtschaftet die Familie Mármol das Land, das alte Holzhaus ist zwischenzeitlich abgebrannt, aber man hat es größer, gemütlicher und schöner wieder aufgebaut. Rinder wachsen im­mer noch ungestört in den Weiten der Estan­cia und ohne den Zusatz von Kraftfutter auf, und auch Pferde zum Aus­reiten gibt es mehr als genug.

Gemütliche Mittagspause am Lago Quilllén

Im Schatten den Vulkans

Aber sollte man dieses wunderbare Stück Land nicht mit anderen teilen? Ob es nun eine ökonomische Idee ist oder der Gedanke, eine intakte Naturlandschaft und das Leben der Gauchos anderen näherzubringen, auf jeden Fall stehen seit meh­reren Jahren zumindest einige Monate im Jahr die sechs Gästezimmer für Besucher offen. Falls sie das nötige Kleingeld haben …

„Ist das nicht unfassbar schön?“, ruft Santiago. Ja, er hat recht! Nach vier Stun­den auf dem Pferderücken haben wir einen Aussichtspunkt erreicht, der ein beeindruckendes 360-Grad-Panorama bietet. Und wir haben ein besonderes Glück: Das wechselhafte patagonische Frühlingswetter beschert uns für einige Minuten Sonne und klare Luft.

Unter uns erstreckt sich über vie­le Kilometer der Lago Quillén. Das südli­che Ufer gehört zur Estancia, auf der nörd­li­chen Seite liegt der Nationalpark Lanín. Am Horizont ragt der perfekt geformte Schichtvulkan Lanín über dem See auf, der Namensgeber des Parks.

Erfahrene Guides begleiten die Besucher auf ihren Ausritten

Patagonien schmecken: Asado unter Bäumen

„Wenn du von hier nach Süden über den ersten Berg reitest und dann noch einen Berg überquerst, dann kommst du in ein saftig grünes Tal, das so schön ist, dass du glaubst, in einem Märchen zu sein.“

Santiago ist nicht zu bremsen, seine Begeisterung für die grandiose Natur ist hör- und fühlbar, die Idee, dieses riesige Stück Land für seine Kinder und Kindeskinder zu bewahren, ist groß. Und deckt sich mit der Idee seiner Frau Isabel, die einige Stunden später auf uns am Seeufer wartet.

Ein großes Asado unter Bäumen hat sie vorbereitet. Ein Zicklein schmort aufgespießt über dem Feuer, Isabel säbelt mit einem langen Messer Fleischstücke ab und garniert die Teller mit Salaten, Rote Bete sowie selbst gebackenem Brot. Wir lassen uns an einem Holztisch am Ufer nieder, Santiago schenkt guten argentinischen Wein ein, die Sonne scheint und das Wasser des Sees glitzert freundlich.
Nicht weniger schön, aber ganz anders ist der Ausritt am Tag danach, als der Westwind über Nacht dunkle Wolken ins Tal getrieben hat und wir bei kühlen Temperaturen und Nieselregen unsere Pferde besteigen.

Zur „Estancia Caballadas“ gehören 20.000 Hektar Land – viel Platz für Ausritte

Gut gepolstert!

Obwohl wir am Vortag viele Stunden geritten sind, hält sich der Muskelkater in Grenzen. Auf den patagonischen Sätteln fühlt man sich ein wenig wie auf der Couch, so dick sind sie mit Decken und Schaffellen gepolstert. Unsere Pferde, eine Mischung aus Criollo und Thoroughbred, sind trittsicher und stapfen durch tiefen Schlamm genauso stoisch wie über steile Bergpfade oder durch das eisige und schnell fließende Wasser des Río Quillén. Wir müssen bei Flussquerungen unsere Beine bis zum Pferdehals heben, um keine nassen Füße zu bekommen, so hoch ist der Wasserstand.

In einem Zauberwald aus Araukarien, die dicht mit Flech­ten bewachsen sind, passieren wir einen prächtigen Stier, der uns kritisch mustert, steht doch in der Nähe sein Harem. Kurze Zeit später galoppieren wir über eine Wiese, bis uns Santiago mit deutlichen Ges­ten auffordert, dicht zusammenzubleiben. In der Ferne grast eine Pferdeherde, über uns kreist ein Kondor, friedlicher könnte es nicht sein. Bis sich aus der Herde ein dunkelfarbiger Hengst löst und mit geblähten Nüstern und hoch erhobenem Kopf kraftvoll auf uns zutrabt.

Lago Quillén: Am Horizont der schneebedeckte Vulkan Lanín

Die Show des Pferde-Machos

Seine expressive Körperhaltung sagt nur eines aus: Ich bin der Chef und eure Stuten gehören zu mir. Mit fliegendem Schweif und flatternder Mähne umkreist er unsere Gruppe, lässt die Muskeln spielen, wiehert und schnaubt. Gaucho Eladio und Santiago haben Mühe, ihn zu vertreiben, erst nach einigen Minuten mit wiederkehrendem Anlaufen hat er ge­nug und galoppiert formvollendet zu seiner Herde zurück. Was für ein Auftritt!

Später, als wir alle von Wind und Regen durchgefroren sind und die Ponchos schwer von unseren Schultern hängen, erreichen wir eine windschiefe Scheune unter Kiefern. Wir binden die Pferde an und scharen uns ums Lagerfeuer. Isabel reicht uns ihre Kalabasse mit heißem Mate-Tee, den wir reihum vorsichtig schlürfen. Dann füllt sie Emailleschüsseln mit dampfendem Giso, einem deftigen Eintopf aus Fleisch, Reis und Gemüse. Dazu gibt es in Fett ausgebackene Teigbrötchen und heißen Kaffee.

Satt und aufge­wärmt verzieht sich nach dem Essen jeder zum Dösen in eine Scheunenecke, streckt die Beine aus und schiebt den Hut über die Augen. Mehr braucht es nicht, um uns zufrieden und glücklich zu machen. So ge­stärkt vergehen dann die Nachmittagsstun­den zwischen Schneegestöber, Trab, Regen und Galopp wie im Flug.

Windschief, aber für ein Päuschen gerade richtig

Im Kamin prasselt das Feuer

Den Abend verbringen wir gemütlich auf den ausladenden Couchgarnituren im Wohn­zimmer. Santiago hat den Kamin angeschürt und Rotwein eingeschenkt. Auf dem Tisch stehen Schinken, Salami, Oliven und Käse. Durch das große Fenster blicke ich über das Tal des Río Quillén, der sich unter uns in die Ferne windet.

Der Wind hat die dichte Wolkendecke an einigen Stellen aufgerissen, für Sekunden sendet die Abendsonne ihre Lichtstrahlen auf die stille Landschaft, lässt das Fell der verstreut grasenden Rinder rot aufleuchten, schimmert auf den feuchten Blättern der Bäume am Fluss.

Ich denke an die vergangenen zwei Tage, die mir wie eine Aneinanderreihung von Filmsequenzen vorkommen. Santiago im wehenden Poncho über dem Lago Quillén. Mate-Tee am Lagerfeuer. Flussdurchquerung zwischen Weidenbäumen. Im Galopp vor schneebedeckten Bergen. Der Hengst, der uns wiehernd umrundet, der krei­sen­de Kondor über uns. Patagonisches Abenteuer in Cinemascope, aber ganz real!


Info


140 Kilometer nördlich von San Martín de los Andes

Reiturlaub von November bis Januar sowie März bis Anfang Mai. Zimmer mit großen Betten, gemüt­lich eingerichtet. Vier Nächte Minimum-Reitaufenthal. Im Preis von 800 Euro proPerson und Nacht inklu­diert sind Reitausflüge, VP, Geträn­ke wäh­rend der Mahlzeiten und Bootsfahrt. Es emp­fiehlt sich, reiten zu können. Eigene Reithose, Chaps und Stiefel sind von Vorteil

Auskünfte zum Land bei


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Über diesen Autor

Thomas Linkel

Thomas Linkel

„Meine Neugier ist unstillbar.“
Nach einer fotografischen Ausbildung im Stilllife-Studio und dem Abschluss zum Diplomwirtschaftsgeograf arbeitet Thomas seit 15 Jahren für internationale Magazine in den Bereichen Reise, Reportage, Portrait und Architektur sowie für die Unternehmenskommunikation internationaler Kunden. Für seine Produktionen hat er über 100 Länder bereist.

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