Länderberichte

Pemba Island | So war Sansibar …

Florian Kinast
Geschrieben von Florian Kinast

… vor 30 Jahren. 130 Kilometer nordöstlich von Stonetown wartet vor Ostafrikas Küste eine Insel voller Widersprüche auf Entdecker: Pemba. Abgesehen von einem sehr luxuriösen Strandhotel ist die Insel luxusfreie Zone mit ungeschminktem Alltag. Wir haben uns  für Euch umgesehen

Fotos: Frank Heuer

Pemba Island liegt 60 Kilometer vor der Küste Tansanias, ist ein Drittel so groß wie der überlaufene Touristen-Hotspot Sansibar – und wesentlich unbekannter … und um ein Vielfaches unberührter. Mit Zwischenlandung auf Sansibar erreicht man diese Insel mit ihren vielen Überraschungen und Widersprüchen, die so seltsam ist und so faszinierend.

Der Strand vor dem „Constance Aiyana“

Alltagsszene im Ort Bopwe

Neun Kilometer, bevor plötzlich der Indische Ozean in der Nachmittagssonne glitzert, das Wasser hinter dem gleißenden Strand türkis flimmert, tauglich für den Reiseprospekt. Fühlt sich an wie das Ende der Welt, ist aber nur das Ende von Pemba. Aber letztlich läuft das auf dasselbe raus.

„Hakuna matata“

Erste Eindrücke durchs Autofenster auf der Fahrt vom Flugplatz durch die Insel-Hauptstadt Chake-Chake. Vor der „Modern Butchery“, einer windigen Barracke, umschwirren Fliegen rohes Fleisch. Nebenan das „Hussein Shopping Centre“, heruntergekommen. Pemba ist muslimisch, Araber kamen im 8. Jahrhundert hierher, so wie auf die übrigen Inseln des Sansibar-Archipels. Friedlich gehe es zwischen den Muslimen und der Handvoll Christen zu, sagt Said. „Hakuna matata“ meint er, das ist Swahili und heißt: Kein Problem, alles easy. „Hakuna matata“ hört man so oft wie „Pole pole“, also: langsam, langsam!

Fahrer Said: einer von 80 Bewohnern des Dorfs Makangale, die Arbeit im nahen Luxusresort fanden

„Wenn es bei uns Ärger gibt, dann nicht wegen der Religion“, schmunzelt Said, „sondern nur wegen Fußball.“ Auf Pemba verfolgen sie die englische Premier League, viele tragen Trikots ihrer Lieblingsvereine, gefälschte Imitate natürlich, jeder ist irgendein Fan, von Chelsea, Liverpool, Man United.

Kein Strom, kein TV

In Makangale, Saids Heimatdorf, schauen sie keinen Fußball im Fernsehen. Sie haben keinen Strom. Makangale ist der letzte Ort vor der Küste, nach dem Ngezi-Regenwald und durchschnitten von besagter Holperpiste. Einige Hundert Menschen leben hier, einfache Hütten mit Dächern aus Makuti, getrockneten Wedeln von Kokosbäumen. Viele sitzen vor den Häusern, sie tun das die meiste Zeit, um den Dorfbrunnen scharen sich Kinder. Viele Kinder. Said sagt, er sei das siebte und letzte Kind seiner Eltern, das sei wenig. „Die meisten hier haben zehn Kinder. Oder mehr.“

„Constance Aiyana“: Schickes, reduziertes Design mit geschmackvollen Afrika-Elementen

Keine fünf Minuten hinter Makangale, am Ende der Staubpiste und unmittelbar am Strand, auf einmal weiße Häuser. Große Villen, 30 Stück, Swimmingpool, Bar, Restaurant, Internet, Klimaanlage, Kabel-Fernsehen. Ein schickes Resort. Fünf Sterne. Und man fragt sich: Geht das denn alles zusammen? Hier der mondäne Luxus? Und nebenan die Armut, die einem Pemba beim ersten Eindruck noch wie Dritte Welt vorkommen lässt?

Das „Constance Aiyana“ am Nordwestzipfel ist eines der wenigen Hotels auf Pemba. Massentourismus haben sie nicht, Massentourismus wollen sie auch nicht.

Viel fangfrischer Fisch wird im Restaurant des Hotels serviert – immer mit einem Lächeln

„Hi, I’m Happy“

Das „Constance Aiyana“ wurde von keinem Musumbu – so nennen sie hier weiße Menschen – hingestellt, sondern von Ashok Sungkur, einem Landschaftsgärtner aus Mauritius, der sich in die Insel verliebt hatte und sich mit dem Bau einen Traum verwirklichte. Lässt man sich die Geschichte erzählen, wird alles plötzlich stimmiger. Wie er, von dem die Menschen immer hochachtungsvoll als „Mister Ashok“ sprechen, erst einmal eine moderne, große Schule baute für die vielen Kinder von Makangale. Wie Handwerker aus der Umgebung die Hotelanlage errichteten. Und vor allem wie Herr Ashok den Menschen Beschäftigung gab und dies als seine Verpflichtung ansah. Inzwischen kommen mehr als 80 der rund 100 Angestellten des Hotels aus Makangale. Ob Said, der Fahrer. Emily, die Kellnerin. Oder die Wellnessdame aus dem hoteleigenen Spa, die auf den Namen Happiness hört und sich vorstellt: „Hi, I am Happy.“ Schön, wenn sie hier glücklich sind.

Diese Mädchen aus der Nachbarschaft sammeln Seegras, das pulverisiert für Kosmetik-Produkte verwendet wird

Lernen für Mister Ashok

Natürlich geht es auch im „Aiyana“, das seit Januar diesen Jahres vom „Constance“-Konzern gemanagt wird, der auf den Seychellen und den Malediven, auf Madagaskar und Mauritius Luxushotels betreibt, ums Geschäft. Und doch scheint es Sinn zu ergeben. Allein wenn man sieht, wie freudig die Kinder aus Makangale angelaufen kommen und Saids Namen rufen, wenn dieser betont lässig in seinem Geländewagen durchs Dorf rumpelt. Weil er fast schon ein Held geworden ist für sie. Als Fahrer vom Hotel da drüben hat er es in ihren Augen weit gebracht. Weil sie ihm nacheifern wollen, strengen sie sich noch mehr an beim Englischlernen in der Schu­le von Mister Ashok. Um einmal auch für das Hotel arbeiten zu können … oder um irgendwann vielleicht ja ganz woanders, weit weg von Pemba, nicht nur den ganzen Tag sinnlos vor dem Haus zu sitzen.

Am Wochenende gehen auch die Insulaner ins Meer. Nicht im Bikini, die Bevölkerung ist mehrheitlich muslimisch

Stiller Fluchtpunkt Pemba

Andere wiederum kommen genau deswegen hierher: weil es so ruhig ist. Mike Zahed etwa. Der Libanese war viele Jahre als Bauingenieur in Dar-es-Salaam unterwegs und erzählt auf der Bootsfahrt zum Riff, dass er den Lärm in diesem tosenden Millionenmoloch satt gehabt habe und deswegen mit seiner Frau Cecilia vor einem guten Jahr hier eine Tauchschule übernommen habe.

Zwei-, dreimal am Tag geht er mit Gästen unter Wasser, dort wo die Fische farbenfroh sind und die Koral­len auch und wo an manchen Stellen schon in 20 Meter Tiefe der Meeresboden schlagartig an einer Steilwand senkrecht nach unten in die Dunkelheit entschwindet.

Ein Törn mit einem Ngalawa. Das sind pfeilschnelle Doppel-Ausleger-Kanus mit dreieckigem Lateiner-Segel

Der Mann für alle Fälle

Oder David, auch er aus Tansanias Hauptstadt. Er schippert mit seinem Ngalawa-Boot aus Mangobaumholz Urlauber durch den Mangrovenwald der Halbinsel Mkia wa Ngombe, was so viel wie Kuhschwanz bedeutet. Oder er fährt sie auf die Sandbank vor der Küste, die nur bei Ebbe begehbar ist. Manchmal steht David an der Spitze seines Boots und singt. Mal öffnet er die Kühlbox und reicht eine Flasche kaltes Kilimanjaro-Bier und dann deckt er im „Constance Aiyana“ auch den Tisch und hilft an der Bar. „So quiet, it’s a dream.“

Der Gemüsemarkt des kleinen Orts Wete an der Nordwestküste von Pemba

„Pole, pole!“ Immer schön langsam! Auch beim Bananenhändler gilt diese Devise

Oder der Hotelkoch mit dem schönen Namen Theodory Cypria Luoga. Er stammt aus dem Süden Tansanias und erzählt von seinen Vorfahren, die sich beim berühmten Maji-Maji-Aufstand 1905 gegen die Kolonialherren von Deutsch-Ostafrika erhoben. Seine Urgroßmutter, die den drei Jahre währenden Krieg noch miterlebte, hatte ihren Urenkel von Anfang an nur Lugendo genannt, den „Reisenden“. Nun aber sagt Theodory, sei er angekommen, fühle er sich zu Hause auf Pemba, wo er in der Küche Linsengerichte zubereitet, Curries, Reisgerichte wie Biryani und natürlich Fisch, viel Fisch. Begegnungen, Momente, Impressionen, in denen Pemba wie ein surreales Paradies anmutet. Nur kann Pemba auch anders, im Inselinnern mit seiner rauen Wirklichkeit.

Mit dem Kajak durch die ausgedehnten Mangrovenwälder

Raus aus der Komfortzone

Die Realität zeigt sich auf dem Markt von Wete, der zweitgrößten Stadt. Einige Menschen begegnen uns freundlich, andere skeptisch, manche mit Abneigung, man ist als Fremder nicht bei allen gern gesehen. Sie zeigt sich auf dem Weg zum Hafen, wo ein grimmiger Wachmann erst nach strenger Musterung entscheidet, dass der Besucher zur Anlegemole mit den Fischerbooten darf. Sie zeigt sich angesichts der heruntergekommenen Kliniken auf den Dörfern, bei deren Anblick man inständig hofft, hier nie zu erkranken. Und sie zeigt sich bei der Korruption: Man muss wissen, wen man schmiert, um Strom von der Hauptleitung abzuzapfen.

Der geringe Tiefgang der Ngalawa-Boote ist ideal für den Einsatz im seichten Wasser und über Korallenriffen

Said erzählt, er sei am Morgen von einer Verkehrs­kontrolle erwischt worden, weil er mit 60 Sachen unterwegs war, wo nur 30 erlaubt war. Normalerweise koste das 50 Dollar, er habe aber nur fünf bezahlt. Weil er den Polizisten gut kennt, ein alter Freund, der das Geld dann in die Tasche schob. Eine Welt, die einen befremdet und beschäftigt. Eine Welt auch voller Gastfreundschaft, wenn einem auf einem Baumstamm ein Sitzplatz angeboten wird, weil man sich zu den Hunderten von fröhlichen Zuschauern rund um einen Fußballplatz gesellt, dessen Schlaglochdichte der der Staubpiste durch den Regenwald in nichts nachsteht.

Noch sind die Gewässer vor Sansibar und Pemba sehr fischreich

Man erfährt, dass die Gastgeber von Miperani von den übermächtigen Kickern aus Konde gerade auseinandergenommen werden. Woher man komme, fragt der Nebenmann. „Ah, Germany!“, sagt er, und auch wenn er kein Wort Deutsch spricht, kennt er zumindest deutsche Nachnamen: „Neuer, Müller, Schweinsteiger“. Am anderen Ende fällt das nächste Tor, meterweit abseits zwar, aber auch schon egal. Sechs zu null für Konde.

Ambivanlenz

Der letzte Morgen. Ein letztes Mal fährt man mit Said durch sein Dorf, wieder winken Kinder, bevor sie in die Schule von Mister Ashok gehen. Ein letzter Blick durch das Rückfenster auf Makangale. So unvereinbar die Gegensätze anfangs wirkten, der Überfluss dort und die Kargheit hier, es scheint doch ganz gut zu funktionieren, zu harmonieren und zusammenzuwachsen, das Hotel der Urlauber und das Dorf der Einheimischen. Nachdenklichkeit und Zweifel bleiben trotzdem.

Eine steinige, unebene Wiese dient als Fußballfeld


Infos

Anreise Mit ab Frankfurt in elf Stunden nach Sansibar mit Stopp in Mombasa, alternativ entweder mit via Muskat oder mit via Dubai; Ticket ab 800 Euro. Von Sansibar eine halbe Stunde Flug bis Pemba mit oder ; Ticket circa 200 Euro

Luxuriös schlafen

30 Villas, alle dem Meer zugewandt und mit direktem Strandzugang. Es gibt sie in fünf verschiedenen Kategorien: Prestige und Senior (je 85 Quadratmeter), Ambassador (190 Quadratmeter), Royal (270 Quadratmeter) und Presidental (340 Quadratmeter). Das Restaurant bietet 70 Plätze, die Küche kombiniert arabische, indische, portugiesische und chinesische Einflüsse. Sundowner-Aperitifs und Cocktails an der Bar nebenan. Spa mit diversen Anwendungen und Massagen, Beispiel: Rücken, Genick und Schulter 45 Minuten für 50 Euro. 90 Minuten Aromatherapie für 90 Euro. Bootsausflüge, Kajaktouren oder Schnorcheln kostenlos. Sieben Nächte Prestige Villa all inclusive ab circa 1.850 Euro pro Person (im September).

Gesundheit

Standardimpfungen prüfen und gegebenenfalls auffrischen. Zum Schutz vor Dengue auf ausreichenden Mückenschutz achten. Auf Pemba Island besteht ein geringes Malaria-Risiko (zum Schutz vor Malaria Infos auf ). Sonnenschutz!


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Über diesen Autor

Florian Kinast

Florian Kinast

Gebürtiger Münchner mit festen Wurzeln in der Heimat und zeitgleich permanenten Ausbruchsgelüsten in die weite Welt. Schrieb in seinem Buch „111 Gründe, Bayern zu lieben“ eine Eloge an seine Heimat, veröffentlichte aber in der Münchner „Abendzeitung“ auch zahlreiche Reiseberichte aus Amerika, Asien und Afrika. War zwischen 2002 und 2014 als Korrespondent bei allen sieben Olympischen Spielen vor Ort, interessierte sich in seinen Reportagen aber weniger für den Sport als mehr für das Land, die Leute, das Leben. Begeisterter Skifahrer, Bergsteiger und Mountainbiker, erlebte sein größtes Fiasko am 26. Mai 1999, als er beim Anstieg auf einen Fünftausender im Himalaja 50 Meter unterhalb vom Gipfel mit Höhenkoller umkehren musste. Am gleichen Abend verlor der FC Bayern das Champions-League-Finale gegen Manchester United in der Nachspielzeit. Kinast und die Bayern haben sich von dem traumatischen Tag aber bis heute gut erholt.