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Zweite Reihe, erste Wahl | Rotterdam … statt Amsterdam!

Robert Haidinger
Geschrieben von Robert Haidinger

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu populären und überlaufenen Städtereisezielen vor. Im Fall Rotterdam bedeutet das: offenes Hafenflair statt enger Grachten, moderne niederländische Küche und an vielen Ecken ein toller Kontrast zwischen alten Giebelhäusern, aufgemotzten Lagerhallen und Weltklasse-Design

Warum Rotterdam?

Im „Manhattan an der Maas“ lassen Art-déco-Gebäude wie das „Hotel New York“, altmodische Stahlbrücken und kühne Hochhäuser durchaus an den großen Bruder am anderen Ufer des Atlantiks denken. Vergleicht man den niederländischen Welthafen mit dem engen, mittelalterlichen und dicht bevölkerten Amsterdam, liegen die Vorzüge auf der Hand: Viel frische Luft und weite Perspektiven statt schmaler Grachten. Echte Märkte statt überteuerter Boutiquen, urbane Freiräume statt Kampf um jeden Quadratzentimeter City-Boden – und weniger geklaute Fahrräder. Das Schlagwort vom Overtourism, der Amsterdam fest im Griff hat, wirkt hier wie von einem anderen Stern. Rotlichtbezirk und Drogen spielen ausgerechnet in der Vollblut-Hafenstadt Rotterdam keine vordergründige Rolle.

An den Ufern der Maas entstanden nach dem Krieg neue Viertel wie der Wilhelmina-Pier, Katendrecht oder das Lloydkwartier. Kanäle und weite Wasserflächen bescheren den gentrifizierten Lagerhallen-Vierteln nun an vielen Ecken der amphibischen Stadt stille Molen für Cafés, Pop-up-Stores und spontane Events inmitten postindustrieller Kulisse. Wassertaxis pflügen zwischen den Bauten internationaler Architekturstars hin und her, die Amsterdams Kreativszene neidisch nach Süden blicken lassen.

Dass durch die Mega-Schleuse an der Maas mehr Güter gelöscht werden als in jeder anderen europäischen Stadt, entdecken Besucher bei interessanten Hafenrundfahrten, gegen die Amsterdamer Grachten-Cruises wie verstaubtes Spielzeug wirken. Rotterdam, das im Großraum 1,2 Millionen Einwohner zählt, versteht sich vor allem als Labor der urbanen Gegenwart. Perfekte Verkehrsinfrastruktur, viele junge Menschen und ein sympathischer Pragmatismus sind keine schlechte Basis für die Reise Richtung Zukunft.

Muss man sehen!

Die Lastkräne und historischen Kähne des (Eintritt 12,50 Euro) bieten sich als Ausgangspunkt an. Ein Freilichtmuseum mit Gratiszugang ergänzt diese maritime Sammlung und beschert eine erste Brise von Hafen-Feeling. Spaziert man in östlicher Richtung zum beliebten Ausgehviertel Oude Haven (Alter Hafen) mit seinen Hausbooten, stößt man bald auf das verrückte Architektur-Würfelspiel der um 45 Grad gekippten Kubushäuser, von denen eines seit Kurzem in ein interaktives „Art Cube Experience“ umgewandelt wird.

Avantgarde im Museum Boijmans Van Beuningen

Eine „sinnlose Brücke“ wartet im westlich gelegenen, modern gestylten Museumpark, wo vor 100 Jahren noch Schafe grasten. Das hält neben avantgardistischer Kunst Gemälde der Alten flämischen Meister von Rembrandt bis Rubens bereit (17,50 Euro). Zum kühl kalkulierten Stilmix aus (mit hochkarätigen Wechselausstellungen, 14 Euro) und dem Architekturzentrum (14 Euro) sind es nur wenige Meter.

Dann empfiehlt sich ein Bummel von den Jahrhundertwendebauten, Reedervillen und alten Schiffen des Scheepvaartkwartier (Schifffahrtsquartier) um den idyllischen Veerhaven zu neu entstandenen Stadtteilen. Sie liegen hinter Rotterdams „Weißem Schwan“, wie die berühmte Erasmusbrücke genannt wird. Die Hafenanlagen Kop van Zuid mit den markanten Rem-Koolhaas-Hochhäusern und Katendrecht, das alle nur De Kaap nennen, liefern den modernen Rotterdam-Mix: Hafen-Feeling plus Design. Die perfekte Anreise: entweder mit dem Fahrrad oder im Wassertaxi!

Auf einer Hafenrundfahrt sieht man natürlich den „Euromast“. Von dort oben sieht man weit über die Stadt

Aussicht

Die Hafenrundfahrt mit „“ entlang der Maas bietet für knapp 14 Euro immer neue Rotterdam-Perspektiven und Blicke auf das Miteinander von moderner Architektur, alten Lagerhäusern und vorbeiziehenden Schiffen. Nicht ganz so bewegt, aber weit höher als vom Spido-Oberdeck, erlebt man Rotterdam vom 185 Meter hohen Turm , dem höchsten Gebäude der Niederlande (10 Euro).

Stylisher ist das Flair – auch mit Blick auf Erasmusbrücke, Innenstadt und die Wasserflächen der Neuen Maas – aber in der nhow BAR des „“ im siebten Stock am Wilhelmina-Pier, am besten mit einem Gläschen Rutte Oude Jenever (4 Euro) und an Wochenenden zu DJ-Klängen.

Die 2014 von Königin Maxima eröffnete Markthalle verbindet als neues Wahrzeichen Kunst und Genuss

Bummeln und Schlemmen

 

Die hufeisenförmige Markthal, das neue Wahrzeichen der Stadt, offeriert neben Gemüse, Obst, Fisch und Blumen auch eine ganze Reihe von Delikatessenläden und ein ebenso delikates Stillleben in Form einer üppigen, grellbunten Decke. In der zentralen Straßenzeile Schiedamse Vest reiht sich Restaurant an Restaurant. Im auf Hausnummer 30 wird inmitten von coolem Vintage-Look niederländische Küche erfrischend modern und auf Gourmet-Niveau interpretiert – mit regionalen Zutaten wie Gemüse und Kräutern von professionell betriebenen Dachgärten und natürlich viel frischem Fisch (Hauptgerichte ab 16 Euro).

Ein ganz anderes Konzept macht die auf der Halbinsel Katendrecht zum angesagten Hotspot. Man spaziert zwischen Käseladen, Metzgerei, Bäckerei, Mikrobrauerei oder orientalischen Delikatessen. Besonders stimmungsvoll verputzt man diese Street-Food-Häppchen an der Kaimauer mit Blick auf Wilhelmina-Pier und das historische „Hotel New York“. Das im blau-weißen Nautik-Look dekorierte (Delistraat 52) bietet kreative Drei- bis Fünf-Gänge-Menüs ab 37 Euro – aus so internationalen Zutaten, wie es sich für einen Welthafen gehört.

Ein kulinarischer Hotspot: „Fenix Food Factory“

Lieblingsplatz

Das stille Noordereiland bewahrt sich trotz oder gerade wegen der zentralen Insellage in der Neuen Maas einen fast dörflichen Charakter. Bereits der Blick auf die Eisenbahn- und Hebebrücke De Hef stimmt nostalgisch. Von der südlichen Inselspitze genießt man spektakuläre Sundowner-Blicke auf die Erasmusbrücke und die Anrainer rücken dafür sogar ihre Liegestühle auf den Gehsteig. Im Open-Air-Restaurant lässt man sich zwischen bunten Containern Garnelen und Fisch ab 16 Euro schmecken – aber nur bei schönem, trockenem Wetter.

Shopping

Weltberühmte Architekten wie Rem Koolhaas mit seinem OMA stammen aus Rotterdam und haben hier ihre Spuren hinterlassen. Ähnlich innovativ ist die Designerszene. Davon zeugt das Sortiment der , die auch nach dem Umzug in den neuen City-Hotspot Het Industriegebouw an der Goudsesingel – einem der wenigen Vorkriegs-Industriegebäude – vor allem Werke von lokalen Designern anbietet, zum Beispiel Keramikvasen im Putzflaschen-Look oder volltextile „Zimmerpflanzen“.

Eine andere Adresse für originelle Produkte ist im Herzen der Ausgehzeile Witte de Withstraat. Fast jeder Rotterdamer besitzt mindestens eine der minimalistischen, faltbaren Nylontaschen, -shopper und -neccessaires im Seventies-Look von der Taschendesignerin , erhältlich ab 9,90 Euro im Flagshipstore am Mauritsweg 45a.

Nightlife

Eine heiße, schwimmende Badewanne mit Holzbefeuerung und Steuerblatt, mit der man durch Rotterdams Kanäle schippern kann? Die ist eine durchgeknallte, aber nicht billige Idee für lustige Nächte, zwei Stunden für zwei Personen kosten 140 Euro.

In der Witte de Withstraat ist sowohl tagsüber als auch abends viel los

Eigenwillige Locations bietet ein kreativer Ort wie Rotterdam zur Genüge. Die eröffnete in einer trockengelegten Tropen-Schwimmhalle neben verwaisten Wasserrutschen (Cock­tails 8,50 Euro). Traditioneller geht es am Oude und Nieuwe Binnenweg zu. Hier finden Fans der nostalgisch-gemütlichen Bruine Cafés, für die auch Amsterdam berühmt ist, den typischen Mix aus Bier, entspannter „Gezelligheid“ und Käseplatte – etwa im mit seinem Art-déco-Tresen (Oude Binnenweg 115) oder dem (Nieuwe Binnenweg 53a-b).

Die bekannteste Nightlife-Zeile ist nur wenige Schritte entfernt: die einstmals von Kleinkriminellen frequentierte und verrufene Witte de Withstraat, die heute mit zahlreichen Terrassencafés und Nachtschwärmer-Restaurants aufwartet.

Das ehemalige Zollamt von 1879 beherbergt das „Suite Hotel Pincoffs“

Schön schlafen

Die offenen Wasserflächen, kleinen Hafenbecken und Panoramablicke machen das neue Trendviertel Kop van Zuid am Ende der Erasmusbrücke zu einer der begehrten Wohnadressen. An der Stieltjesstraat 34 trägt auch das elegante zum besonderen Charme des alten Hafenviertels bei. Einst diente es als Zollamt und wartet nun mit einem feinen Mix von historischen Details – viele aus dem originalen Baujahr 1879 – und modernen Designelementen auf. Die Zimmer beeindrucken durch teilweise enorme Raumhöhen. Die Prints historischer Fotografien vom Hafen Rotterdam ziehen sich über mehrere Geschosse. DZ ab 120 Euro.

Nicht verpassen!

„“ nennt sich Rotterdam unbescheiden und nicht ohne Stolz. Publikumsmagnet schlechthin ist dabei der karibische Sommerkarneval, der die Innenbezirke Ende Juli in eine Partyzone verwandelt. Mitte Februar findet in der Van Nelle Fabriek das Kunstfestival statt, Anfang Juli das legendäre mit 200 Gigs. Ebenfalls spannend sind die Rotterdam Rooftop Days Anfang Juni, an denen sich private Refugien in der ganzen Stadt für Besucher öffnen.

Ausflug in die noble Vergangenheit im Städtchen Dordrecht

Raus aus der Stadt

Das effiziente Verkehrssystem der Niederlande macht Exkursionen zum Hochgenuss. Unser Tipp: Eine kleine Zeitreise nach , wo Giebelhäuser, Speicherbauten, Kanäle und alte Zugbrücken von der längst überholten Form des lokalen Seehandels erzählen. Am schönsten erreicht man Hollands älteste Hafenstadt mit ihren historischen Schiffen und kleinen Trödelläden per in einer knappen Stunde (Anfahrt mit Linie 20, E-Ticket 7,60 Euro).


Info

Anreise

Frankfurt–Rotterdam mit der in vier Stunden ab 60 Euro hin und zurück oder im von Dortmund und Köln über Brüssel. Per Flug etwa ab München ab 100 Euro hin und zurück nach Amsterdam mit , , oder , weiter per Zug nach Rotterdam Centraal in 20 Minuten ab 13,60 Euro. Transavia verbindet Wien, Salzburg und Innsbruck auch direkt mit dem Rotterdam The Hague Airport.

Vor Ort unterwegs

verkehren wie Fähren zwischen dem „Hotel New York“ und Veerhaven sowie Leuvehaven. Man kann sie aber auch individuell zu 50 verschiedenen Ablegestellen beordern (4,50 Euro p. P.). gibt es bei zahlreichen Verleihern ab 8 Euro/Tag.

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Über diesen Autor

Robert Haidinger

Robert Haidinger

Seit drei Jahrzehnten Foto-Nomade mit Ankerplatz Wien mit extremer Reiseerfahrung. Er arbeitete in bislang über 80 Staaten und auf fünf Kontinenten. Der Schwerpunkt dieser Reisetätigkeit liegt neben Afrika und Zentralamerika vor allem im kulturell so komplexen Asien. Langzeitaufenthalte in Japan, China, Sri Lanka und Indien machen ihn zum Spezialisten dieser Region. Seine Arbeiten werden von der Kölner Agentur Laif vertreten. „Meine fotografische Arbeit wird von unterschiedlichen Welten geprägt, die im Idealfall miteinander kommunizieren. Zum einen wäre da die Sensibilisierung auf moderne Lifestyle-Codes, geschärft durch langjährige Arbeit in den Bereichen Design und Architektur. Das Eintauchen und Verstehen fremder Kulturen setzt wiederum eine ganz andere Form von Erfahrung voraus – erworben durch Jahrzehnte lange intensive Kontakte auf allen gesellschaftlichen Ebenen Asiens. Heute fühle ich mich dort wie ein Fisch im Wasser. Zugleich führen mich immer wieder Reportage-Reisen an die „Last Frontier“: Besondere und oft raue Orte am Rande der globalisierten Welt, die eine besondere Form der Annäherung bedürfen. In unverbrauchten Weltregionen wie Mosambiks Norden oder Australiens Arnhem Land relativieren sich unsere Vorstellungen von Normalität.