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Tirol | Turbos auf vier Pfoten

Christian Haas
Geschrieben von Christian Haas

Zum Heulen schön! Im Pillerseetal lernen Musher-Novizen im größten Schlittenhundecamp der Alpen viel über Huskys und Hunde­schlittentechnik. Höhepunkt aber sind die rasanten Ausfahrten durch die verschneite Berglandschaft

Überall heult und bellt, wuselt und hechelt es. Für die tierisch gute Stimmung auf der schneebedeckten Wiese hinter dem Dorfplatz sorgen Hunderte Schlittenhunde unterschiedlicher Rassen. Hier ein paar herumtollende Huskys in einem per Minizaun abgesteckten Hundespielplatz neben einem Wohn­wa­gen, dort ein paar Samojeden auf der Ladefläche eines Pick-ups.

Dazwischen sitzen dick eingepackte Männer und Frauen auf Klappstühlen und grüßen alle freundlich, die vorbeischlendern. Manche kochen Kaffee auf Gaskochern, andere unterhalten sich angeregt. Durch den ab und an gelb gefleckten Schnee kommen einem auch einige Leute entgegen, die meis­ten mit Hunden an der Leine, ein paar mit Einkaufstüten. Willkommen im Schlittenhunde-Camp von St. Ulrich am Pillersee! Wären da nicht Zwiebelturm und Alpenbarockhäuschen, würde man sich in Alas­ka wähnen. Aber wir sind mitten in Tirol.

Hundstage: Anfang Januar dreht sich in St. Ulrich im Piller­see­tal drei Wochen lang alles um Huskys, Samojeden und Co.

Das für Biathlonweltcup-Rennen und für das mit 30 Meter Höhe weltgrößte begehbare Gipfelkreuz bekannte Pillerseetal ist jeden Januar das Ziel von Mushern aus ganz Europa und deren 1.000 Huskys – nicht alle gleichzeitig, sondern über drei Wochen verteilt. Hartgesottene aber bleiben die gesamte Zeit und bereiten ihre Gespanne – 2018 waren 124 gemel­det – auf den weitläufigen Strecken rund um den Pillersee für die Rennen am letzten Wochenende vor.

Eddy Nutz, der das Camp vor 23 Jahren gründete und noch als Renn- und Campleiter fungiert, nimmt – wie Organisationschef Mario Horngacher – nicht aktiv daran teil, erst recht nicht an denen zur holländischen, bayerischen und neuerdings auch österreichischen Meisterschaft. Das überlässt er anderen.

Theorie mit Wau-Effekten

Mario Loibl etwa, der seit Jahren mit zwei Fahrzeugen herkommt: In einem schlafen er und Part­nerin Melanie, im anderen neun Schlittenhun­de in raffiniert verschachtelten Käfigen. Tagsüber sind die Hunde draußen im Schnee und unterwegs im Gelände, zu Trainingszwecken. Mario ist auch Mentor für Musher-Kurse, die Gäste Einblicke in die Welt der Schlittenhunde und ihrer Lenker gewähren. Normal ist das Programm für Hobby-Mu­sher auf drei Tage angelegt und beinhaltet auch Iglu­bau­en, Lagerfeuer­romantik und andere Aktivitäten.

Der mit den Wölfen tanzt? Pah. Der mit den Huskys heult!

Wir bekommen den eintägigen Express­kurs – mit Konzentration auf das Thema Hund. Es geht los mit Kennenlernen (Mensch–Mensch, Mensch–Tier) und Theorie. Diesbezüglich hat der 39-Jährige so einiges zu erzählen. Etwa über die vie­len Rassen! Von wegen alles blauäugige Huskys!

Marios Schützlinge beispielsweise sind überwiegend Siberian Huskys, die sich durch braune Augen, schlankere Körper und grö­ßere Schnel­ligkeit auszeichnen. „Sie gelten als Mercedes unter den Schlittenhunden“, meint Mario und grinst. „Die Ferraris hingegen sind Hounds, ein Mix aus Wind- und Jagdhund. Da drüben tollen gera­de welche im Schnee.“ Aha, den Vierbeinern mit den Schlappohren hätte man das gar nicht zugetraut.

Mario Loibl inmitten seiner Lieblinge …

Mario doziert weiter: „Es gibt in jedem Rudel eine Rangordnung, inklusive Chef. Die Jünge­ren respektieren das.“ Gut zu wissen, da es bei der „Erziehung“ ge­nau darum geht: Dass der Musher als Chef anerkannt wird. Ein Sprichwort sagt: „Trainierst du die Hunde nicht richtig, trainieren sie dich – aber rich­tig!“ Fakt ist: Das Campleben mit Schlit­tenhunden ist schön, allerdings auch auf­wen­dig. „Pflege, Training, Schmu­sen – unser Hobby, das so viel Freude bringt, beansprucht uns etwa einen halben Tag. Pro Tag!“ Marios Nachbarin Sisi, seit Jahren Dauergast im Camp, bestätigt, dass das Mushing weitaus komplizierter ist, als es mitunter in idyllischen TV-Dokus rüberkommt.

Schnupperkurs, wörtlich genommen: Eine Teilnehmerin nimmt zu ihrem baldigen Zugtier (Körper-)Kontakt auf

„Auf den Schlittenkufen zu stehen ist harte Arbeit. Das ist kein Spaziergang, sondern ech­ter Sport“, so Sisi. Folgerichtig musste sich die zierliche Frau, der man ihre 59 Jahre nicht ansieht, auch erst einige Kraft antrainieren. Doch für ihr Credo „Geschwindigkeit ist das Ziel“ war das unabdingbar. Ihr Partner Andreas, der bis vor einigen Jahren Touren fuhr, folgte einem anderen Motto: „Der Weg ist das Ziel.“

Das gilt auch für die Freizeit-Musher. Da geht es ums Reinschnuppern und das Erfolgsgefühl, überhaupt auf dem Schlitten zu bleiben, ohne im Schnee zu landen. Bei einer Runde am verschneiten Trainingsplatz kann das jeder aus der Gruppe erleben und sich zu Mario hinten auf den Schlitten stellen. Wer will, darf auch alleine ran und selbst die Zügel in der Hand halten. Fühlt sich gut an, aber eher wie ein netter Appetitanreger. Kurz: Ich will mehr!

Gee! Haw! Go, Go, Go!

Für die längere Runde braucht es auch eine längere Einweisung. Mario zeigt mir Schlitten, Kufen, Seile, Panikleine. Erklärt die Kommandos „Gee“ (sprich: tschi) für rechts und „Haw“ (ho) für links. „Go“ und „Stop“ verstehen sich von selbst. Dann beschreibt er das Vorgehen. „Ich führe das Gespann zum Start­platz und wechsle dann auf ein Ski-Doo. Mit dem fahre ich immer 20 Meter vor euch auf dem Trail voraus.“ Und ich mit dem aus den Hunden Spirit, Ches­ter und Samu bestehenden Dreiergespann hinterher.

Einblick in einen Hundeschlitten

Kaum im Schlitten eingespannt, sind mein Leit­hund Spirit und dessen „Kollegen“ nur noch schwer zu bändigen. Die Ankerkralle, eine Art Handbremse, ist bereits gelöst. Nun heißt es, mit beiden Füßen auf dem Bremsteppich zu bleiben, um den Schlitten zu stoppen. Nur kurz, denn als der Ski-Doo mit Mario losfährt, gibt es kein Halten mehr: schnell die Füße auf die Kufen, denn die Huskys sausen wie von der Tarantel gestochen los.

Klar, die Hunde flitzen ihrem Herrchen hinterher, denke ich. Doch gerade, als ich in einen passiven Fahrgeschäftmodus zu verfallen drohe, wird mir klar, dass ich die Zügel mehr in die Hand nehmen muss. An einer Abzweigung fährt der Ski-Doo nämlich nach rechts, ich aber geradeaus weiter. War mein „Gee“ zu zaghaft? Offenbar. „Du musst die Komman­dos deutlicher geben“, rügt mich Mario, als er zu mir umkehrt und hilft, das Gespann knotenfrei wieder auf Kurs zu bringen.

Warten auf den Schnee-Einsatz …

Ein wichtiger Weckruf! Von nun an bin ich mit höchs­ter Konzentration dabei, versuche ständig, den Kontakt zu den Hunden zu halten. Lobe, dirigiere, verbreite Chefstimmung. Gut so, denn der durch herr­liche Wald- und Schneewiesenlandschaft führende Trail geht mal rauf, mal runter, mal nach links, mal nach rechts. Kein Vergleich zu der flachen Trai­nings­runde mit vorgezeichneten Spuren. Ich muss mich richtig in die Kurven legen. Einmal gerate ich fast aus der Bahn und in einen Schneehaufen. Akute Kippgefahr! Gerade noch kann ich gegensteuern. Ein anderes Mal, als die Hunde mit Tempo hügelaufwärts hecheln, will ich mit anschieben – im Fachjargon: pedalen. Doch, oh Schreck: Als ich beherzt in den Boden trete, versinkt mein Schuh im unerwartet tiefen Schnee. Schon wieder so ein Wackelmoment.

Die Vorhut ist ohne Schlitten unterwegs …

Der nächste schon drei Kurven später, als es wie­der bergab geht. Der Tacho an der Lenkstange zeigt 25 Stundenkilometer. Fühlt sich schneller an. Und der Weg ist ganz schön schmal. Vorausschauendes Lenken ist Gold wert. Ich slide wie ein Weltmeister, was mir Freudentränen in die Augen treibt. Dann kreu­zen wir eine Loipe – uff, kein Verkehr –, dann den Bach und da vorne ist schon das Ziel in Sicht, als das Dreiergespann von der hier plattgetrampelten Route abweicht und in den Tiefschnee abdriftet. Ein Fall für die Bremsmatte, nicht die Kralle! Wir kommen zum Stehen, die Hunde wälzen sich im Schnee. Zum Glück kann ich – oder ist es Mario? – das Trio noch mal für die letzten Meter motivieren. Mit strahlendem Gesicht respektive hechelnder Zunge passieren wir das Ziel und kommen zum Stehen. Der Tacho sagt: Für die rund zweieinhalb Kilometer durch Wald und Wiesen haben wir elf Minuten gebraucht. Mario sagt: „Profis schaffen die Runde in sechs.“

An der Haltung feilt der Autor noch. Bei der ersten Tour ging’s ums „Drauf­bleiben“

Egal, ich bin extrem beschwingt und will noch viel mehr (er-)fahren. Marios Tipp: „Schau einfach heute Abend noch mal vorbei. Am Lagerfeuer kommen immer die besten Geschichten zur Sprache.“ Und Camp-Urgestein Eddy findet: „Am Kursende stehen Mu­sher-Taufe und Diplomverleihung. Aber in Wahrheit ist es die einmalige Beziehung zwischen Mensch, Hund und Natur, die bei den Teilnehmern zählt und es zu einem unvergesslichen Erlebnis macht.“


Infos

Schlittenhundecamp

5. bis 20. Januar in St. Ulrich am Pil­ler­see, freier Eintritt zu allen Events, etwa im beheizten Festzelt

Musher-Kurs

Drei-Tage-Einsteigerkurs mit mehreren Aus­fahrten; Termine: 7. bis 9. und 10. bis 12. Januar; Kosten: 185 Euro; Zwei-Tage-Fortgeschrittenen-Kurs (14./15. Januar) für 145 Euro; Anmeldung über [email protected]

Übernachtungstipp

Neu eröffnetes Drei-Sterne-Hotel Sendl­hof in Waidring, DZ/HP ab 130 Euro,

Weitere Infos über Wintersportaktivitäten

Tourismusverband Pillerseetal,


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Über diesen Autor

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas – Jahrgang 1974, Wirkungsstätte München – liebt seit jeher die Kombination Reisen und Schreiben. Naheliegende Konsequenz: Studium der Geographie und Kommunikationswissenschaften in Eichstätt und München. Diplomarbeit in Venezuela, Nationalparkpraktikum in Puerto Rico, Redakteursanstellung in München. Seit 2002 als Reisejournalist und Autor selbstständig, Schwerpunkt Outdoor, Familie, Kurioses. Seit 2013 gehört Christian Haas zum Redaktionsteam von gambleinfo.