Reisen

City-Tour | München ungeschminkt

Florian Kinast
Geschrieben von Florian Kinast

Die Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft lernt man bei HeyMinga, einer neuen, so ganz anderen Stadttour im VW-Bus, garantiert nicht kennen, ebenso wenig die üblichen Sehenswürdigkeiten. Vielmehr steuert die Bulli-Crew ungewöhnliche und schräge Orte im sonst so schnieken München, das auf Bairisch eben Minga heißt, an – inklusive Meister-Eder-Hinterhof und hippem Werksviertel

Gleich hat’s die Gerti geschafft, ein paar Meter noch. Schwer keuchend rumpelt sie müde durch diese liebliche Gasse in Untergiesing, die letzte Rechtskurve, dann das Ziel. Klein-Venedig, Endstation, Feierabend. Es reicht auch, die Gerti war schließlich lang genug unterwegs an diesem Tag, zweieinhalb Stunden kreuz und quer durch die Großstadt, in denen sie sich im Berufsverkehr so tapfer behauptete, inmitten dieser fesch aufpolierten Boliden, Kombis und Limousinen, Vans und SUVs. Jungdynamisches Schnöseltum, das die Gerti aber mit stoischem Gleichmut erträgt. 33 Jahre hat sie auf ihrem Buckel. Und 350.000 Kilometer. Die Gerti ist ein VW Bus, dritte Generation, T3, Baujahr ’85. Einer der beiden Bullis der 2017 ins Leben gerufenen HeyMinga-Tour. Der andere T3 heißt Valentin. So wie Münchens großer und tragischer Komiker mit Vornamen Karl.

Genau genommen sind die HeyMinga-Touren ein Ableger, ein zweiter Standort der Waterkant-Touren, die schon seit 2014 in Hamburg unterwegs sind. Und das mit großem Erfolg. Denn wie in Hamburg geht es auf der Fahrt durch die Stadt nicht an den üblichen Sightseeing-Locations vorbei. Auf der HeyMinga-Tour macht man einen weiten Bogen um Hofbräuhaus und Marienplatz und sieht nicht die 08/15-Bilderbuch-Orte, sondern ein München, das auch mal schräg sein kann, schmutzig und alternativ.

Bei der saisonal angebotenen „Wiesn-Tour“ trägt der Guide Tracht

HeyMinga sucht den Superfahrer

Das zeigt sich schon am Treffpunkt. Denn der liegt im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof, an einem Pulk ausrangierter Schiffscontainer, provisorische Heimat für Cafés, Büros, Ateliers. Am Start: Saskia, die Fahrerin, Architektur-Studentin, die sich wie die übrigen vier Tour-Guides bei HeyMinga zunächst in einem fast sechswöchigen Training bewähren musste. Ausschlaggebende Kriterien: Eloquenz, Charme und Charisma, Ortskenntnisse, Sympathie für München, Kenntnis abseitiger Anekdoten – und die Sicherheit, den klobigen Bulli durch die Stadt zu steuern.

Mit dabei: zwei Urlauberinnen aus dem Rheinland auf erstmaliger München-Visite. Zwei Studentinnen Mitte 20, vor einigen Jahren zugereist des Studiums wegen. Und der Autor. Gebürtiger Münchner. Fest verwurzelt in der Stadt, seit fünf Jahrzehnten. Auch für ihn wird es ein ganz besonderer Nachmittag.

Los geht’s erst noch zu Fuß. Mit einem Rundgang durch das Gelände, das irgendwo zwischen heruntergekommenem Industriecharme und urbaner Aufbruchsstimmung liegt. Saskia erzählt von der Geschichte. Dass hier einst Stammsitz und Fabrikgelände des Pfanni-Konzerns war, woran noch herrliche Straßennamen erinnern: Püreelinie. Kartoffelgleis. Knödelplatz. Dass ab 1996 das Areal zur Partymeile wurde, zum europaweit bekannten Kunstpark Ost. Und dass hier bald ein neuer Stadtteil entsteht, mit einem viel diskutierten Konzertsaal, an dessen künftigem Standort sich aber erst ein gewaltiges Erdloch auftut – die Grundlage fürs Fundament.

Bis zu acht Teilnehmer können für eine Tour im Bulli Platz nehmen

Vom Scherben- zum Hipsterviertel

Da, am Rande des Konzerthaus-Kraters, wartet auch schon die Gerti. Knatternd dröhnt der Bus durch die ureigenste Heimat des Autors, durch Haidhausen, bis in die 1970er-Jahre ein Glasscherbenviertel, so sagte man dazu. Einfache Gegend, alteingesessenes Arbeitertum. Und sofort werden längst verdrängte Erinnerungen wieder wach, an die Zeit als kleiner Bub: Man sieht vor dem geistigen Auge die grauen Häuserfassaden, riecht die muffigen Gasthäuser wieder, in denen es nach Rauch stank, und hört die unfreundliche Frau Metzgerin eine Straße weiter schimpfen. Mittlerweile ist Haidhausen längst charmant und schick, hübsch und hip – aber bei den Mieten eben noch unbezahlbarer als das München, das sich eh schon kaum einer mehr leisten kann.

Und auch jenseits der Isar, als die Gerti durch das alte Lehel ruckelt, kommen Gedanken an früher – als Saskia vom Haus zur Linken erzählt, in dessen Hinterhof die Werkstatt vom Meister Eder stand. Und wie man am Nachmittag nach der Schule einen Block weiter oft mit den Kumpels hierherschlich, um vielleicht Dreharbeiten zu sehen, vielleicht gar den Pumuckl, was aber freilich nicht möglich war, weil er ja immer unsichtbar wurde, wenn fremde Leute kamen.

Wobei mitnichten die ganze Zeit im Bus verbracht wird, es wird auch gelaufen. Zur Belohnung gibt es dann, passend zur Tour, Bier von einer kleinen Giesinger Brauerei

Münchens B-Seite

Bei der Rundfahrt durch die eigene Stadt steigt einem vieles wieder in den Kopf, auch das gute Giesinger Bier, das Saskia bei einem Stopp am Englischen Garten kredenzt. Vorbei führt die Strecke an zwei der schönsten Sonnenplätze der Stadt, an der Glyptothek und der Hackerbrücke, hinein ins dustere Bahnhofsviertel und weiter, hinterm Schlachthof, zu Graffiti-Künstlern, die eine Mauer besprühen. Nebenan rauscht ein Güterzug vorbei, dahinter erheben sich die Türme des Heizkraftwerks Süd. Wäre München eine Schallplatte, das alles hier wäre auf der B-Seite.

Dazu gehört auch das Finale im nun schon dunklen Klein-Venedig, wo der Auer Mühlbach, ein Seitenarm der Isar, an bezaubernden, alten Häusern vorbeiplätschert – wie so vieles auf dieser Tour ein eigentlich altbekannter Ort, den man aber schon lange nicht mehr so bewusst wahrgenommen hat wie jetzt.

Nein, keine Frage: Diese Tour bietet allen etwas. Den Touristen einen eigenen Blick auf München mit Orten, die sie sonst so bestimmt nie gesehen hätten. Und dem indigenen Ureinwohner eine Gelegenheit, die Heimatstadt wieder neu zu entdecken und intensiv zu spüren. Und das haben sie an diesem Nachmittag wirklich gut hingekriegt, die Saskia und die Gerti.

Infos HeyMinga

Die zweieinhalbstündige Tour kostet 39 Euro pro Person, die Vier-Stunden-Route inklusive Einkehr 49 Euro. Mehr Infos, Angebote zu weiteren Individualtouren und Anmeldung findet ihr .


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Über diesen Autor

Florian Kinast

Florian Kinast

Gebürtiger Münchner mit festen Wurzeln in der Heimat und zeitgleich permanenten Ausbruchsgelüsten in die weite Welt. Schrieb in seinem Buch „111 Gründe, Bayern zu lieben“ eine Eloge an seine Heimat, veröffentlichte aber in der Münchner „Abendzeitung“ auch zahlreiche Reiseberichte aus Amerika, Asien und Afrika. War zwischen 2002 und 2014 als Korrespondent bei allen sieben Olympischen Spielen vor Ort, interessierte sich in seinen Reportagen aber weniger für den Sport als mehr für das Land, die Leute, das Leben. Begeisterter Skifahrer, Bergsteiger und Mountainbiker, erlebte sein größtes Fiasko am 26. Mai 1999, als er beim Anstieg auf einen Fünftausender im Himalaja 50 Meter unterhalb vom Gipfel mit Höhenkoller umkehren musste. Am gleichen Abend verlor der FC Bayern das Champions-League-Finale gegen Manchester United in der Nachspielzeit. Kinast und die Bayern haben sich von dem traumatischen Tag aber bis heute gut erholt.