Länderberichte

Zweite Reihe, erste Wahl | Zadar … statt Dubrovnik

Anja Keul
Geschrieben von Anja Keul

Unsere Serie „Zweite Reihe, erste Wahl“ stellt attraktive Alternativen zu überlaufenen Städtereisezielen vor – Dubrovnik ist geradezu ein Symbol dafür. Im Norden an der kroatischen Küste schiebt sich Zadar mit uralten Kirchen und römischen Relikten ebenso malerisch ins Meer. Doch statt Souvenirkitsch gibt’s jeden Abend ein Gratis-Spektakel der besonderen Art Fotos:

Warum Zadar?

Fünf lange Straßen, dazu acht Quergassen: Die Altstadt von Zadar ist heute noch genauso aufgebaut wie vor 2.000 Jahren. Das klingt sehr überschaubar. Doch weil sich zwischendrin weite Plätze öffnen, ein großer, lebendiger Markt, ein Park und sogar ein römisches Forum auf der Halbinsel Platz finden, wirkt es nie eng. Der Ortskern ist immerhin dreimal so groß wie der von Dubrovnik. Und erst die Stadtmauer! Im letzten Jahr wurde sie endlich zum großen Stolz der Einwohner zum Unesco-Welt­erbe erklärt, ein Prädikat, mit dem sich Du­brovnik schon seit 1979 schmücken darf. Zadars Renaissance-Wall war ursprüng­lich sogar noch länger als der von Dubrovnik, doch sind die Reste beeindruckend genug. Zum buchtartigen Stadthafen hin schirmen sie den Ort noch heute vom Meer ab. Und so schlüpft man vom trubeligen Kai voller Autos, Busse und an­kern­der Ausflugsschiffe durch das venezianische „Seetor“ in ein wahres Schatzkästlein der Geschichte.

Das reich verzierte „Landtor“ beim kleinen Hafen Luka Foša bildete einst mit einer Zugbrücke die einzige Verbindung zum Festland. Auf der Seeseite ist die Mauer verschwunden: Hier öffnet sich Zadar heu­te dem Meer. Und wie! Aus Wasser, Wind und Licht formte der Künstler Nikola Bašić zwei spektakuläre Installationen: die „Mee­resorgel“ sowie den „Gruß an die Sonne“. Letzterer ist derart „mable“, dass Hundertschaften bei Sonnenuntergang nur den Moment herbeizusehnen scheinen, bis diese lästige rote Kugel endlich ins Meer plumpst. Denn dann beginnt das flammende Spiel der LED-Lichter am Boden. Gleich ums Eck lärmten bis vor zwei Jahren noch Fähren und Kreuzfahrtschiffe. Das neue Terminal weit außerhalb hat die Kapazität, auch großen Cruisern als Hafen zu dienen. Wer jetzt an Dubrovnik und Sightseeing im Gänsemarsch denkt, sollte ganz schnell herkommen!

Muss man sehen!

Als würde sie schon immer dazugehören, bewacht die archaisch wirkende Rundkirche Sv. Donat das Ruinenfeld des römischen Forums. In gewisser Weise tut sie das auch, wurde sie im 9. Jahrhundert doch aus Resten römischer Bauten errichtet. Bis hinunter zum Meer liegen Säulenstümpfe, Grabmäler und andere antike Fragmente verstreut, zwischen denen Kinder spielen und Touristen sich für Selfies verrenken.

Das kolossale Trümmerfeld wurde erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entdeckt, als man den Bombenschutt der Wohnhäuser abtrug, mit denen das Areal jahrhundertelang überbaut war. Die der heiligen Anastasia geweihte Kathedrale Sv. Stošije aus dem 13. Jahrhundert erinnert an die von Pisa, auch der Domplatz verströmt italienisches Flair. Das Museum der nahen Kirche Sv. Marije birgt den von entzückenden älteren Nonnen gehüteten Gold- und Silberschatz von Zadar, eine Sammlung unfassbar kostbarer Reliquiengefäße, deren gruseliger Inhalt teilweise auch zu sehen ist (Eintritt 4 Euro).

In die antike Vergangenheit Zadars führt das modern präsentierte Glasmuseum mit filigranen Stücken aus dem 1. bis 3. Jahrhundert (4 Euro). Geschichte im Zeitraffer zeigt sich im „Fürstenpalast“ im Osten der Altstadt: Im 13. Jahrhundert auf römischen Fundamenten erbaut, lag er nach dem jugoslawischen Bürgerkrieg der Jahre 1991/92 in Ruinen. 2017 eröffnete er dezent-modern renoviert wieder als Kulturzentrum und Konzerthalle.

Rundkirche Sv. Donat und römisches Forum mit antiken Säulenstümpfen und Grabmälern

Aussicht

Am besten erst mal einen Überblick über die Stadt bis hin zu den vorgelagerten Inseln gewinnen, bevor man sich ins Gassengewirr stürzt. 180 steile Stufen führen auf den Glockenturm der Kathedrale. Besser gleich morgens hoch, wenn auf den engen Stiegen kein Gegenverkehr droht! Ticket 2 Euro.

Bummeln und schlemmen

Gasse rauf, Gasse runter – abends verwandelt sich die halbe Altstadt in ein Freiluftrestaurant, in dem die Pizza- und Burgerläden erfreulich in der Unterzahl sind. Mit seinen vielen Tischen draußen auf dem Platz ist das eine prima Adresse für frischen Fisch und hausgemachte Nudeln (jeweils um die 12 Euro), die Einheimischen sitzen lieber in den edel gestylten Räumen im Inneren (Blaža Jurjeva 1). Das kleine Bistro Pjat (Stomorica 10) punktet mit guten dalmatinischen Weinen und modernen Akzenten. Doch es lohnt sich, der immer belebten „Hauptgasse“ Kalelarga bis ganz zum Ende zu folgen.

Das (Stratico 1) hat sich der regionalen und saisonalen Küche der feinen Art zu zivilen Preisen verschrie­ben. Nirgends ist der (beinahe überall erhältliche) Thunfisch so perfekt gegrillt. Hausgemachtes Brot, bestes Olivenöl und Kräuter aus dem eigenen Garten runden den Genuss ab. Rustikaler ist die Konoba Skoblar direkt am Platz Petra Zoranića mit Blick auf den stämmigen Kapitänsturm, eine korinthische Säule und den leicht erhöhten Fünf-Brunnen-Platz mit seinen beleuchteten Zisternen.

Edel ganz in Weiß gibt sich das Restaurant am gleichnamigen Hafen, lässt sich das Ambiente auf der großen Terrasse aber auch teuer bezahlen. Vormittags trifft sich alles auf einen Kaffee am Haupt­platz Narodni trg (wer ihn im Café Lovre nimmt: hinter der Bar versteckt sich eine Kapelle!), das beste Eis gibt’s in der Slastičarna Donat am Domplatz.

Restaurnat „2Ribara“: Seeteufel, in Speck eingewickelt und mit Mangold

Lieblingsplatz

Es grunzt und stöhnt, gluckert, säuselt und flüstert: Tag und Nacht erzeugt die Meeresorgel direkt an der Promenade einen meditativen Klangteppich. Wenn ein vorbeifahrendes Schiff Wellen in die an der Kaimauer eingelassenen, unterschiedlich breiten „Orgelpfeifen“ drückt, hört es sich an, als hätte das Meer Schluckauf. Herrlich, einfach auf den Treppenstufen zu sitzen, die Füße ins Wasser baumeln zu lassen und dem an- und abschwellenden Sound der See zu lauschen.

Shopping

Wer den Fischmarkt in voller Aktion er­leben will, muss früh aufstehen. Um sechs Uhr morgens decken sich hier Zadars Köche mit Thunfisch, Seeteufel, Sardinen, Garnelen und Mu­scheln ein. Alles andere gibt’s bis zum Nachmittag auf dem großen Marktgelände, an dem sich nur zwei, drei Souvenirstände schüchtern in die Ecke drängen. Der Rest: Berge von Kirschen, Äpfeln und Aprikosen aus der nahen Umgebung, Kräuter, Salat und Gemüse, aber auch selbst produziertes Olivenöl und Marmeladen. Bei Gospar nahe der Fischhalle kann man den berühmten Käse von Pag kosten und kaufen (30 Euro pro Kilo) – der ebenso feste wie würzige Schafskäse hält sich ohne Kühlung. Beliebtestes Mitbringsel ist der Maraschino-Likör aus dalmatinischen Sauerkirschen.

Aber auch die hiesigen Weine, etwa aus der autochthonen Maraština-Traube, können sich schmecken lassen: gute Auswahl in der kleinen Vinoteca Bibich (Kraljskog dalmatina 7). Für dauerhafte Erinnerungen: Zoran Debelić malt farbenfrohe Impressionen seiner Heimat und lässt sich in seiner über die Schulter sehen (Acryl auf Karton ab 20 Euro, Vladimira Papafave 1). Falls noch ein paar bunte Ketten zum Sommer-Outfit fehlen, bietet die Filiale der kroatischen Schmuckladen-Kette reichlich Auswahl an preiswertem Bling-Bling (Madijevaca 2).

Platz Petra Zoranica mit dem Palast des Stadtkommandanten und Fürstenpalast

Nightlife in Zadar

Traumlage auf der Stadtmauer mit Blick auf ankernde Jachten, Separees mit Gazevorhängen unter Bäumen, eine kühle Brise vom Meer und ebenso ambitionierte wie toll präsentierte vegane „Art of Raw“-Küche – The Garden Lounge gehört zu den schönsten Open-Air-Clubs am Mittelmeer. Dabei ist die Atmosphäre sympathisch-unprätentiös. Ein Tipp auch für den Sundowner! Die Auswahl an Cocktails ist gigantisch, die verschiedenen Craft-Biere der hauseigenen Brauerei kosten nicht mehr als ein normales „Pivo“ am Forum (0,3 Liter 3 Euro). thegarden.hr

Schön schlafen

An jedem zweiten Haus der Altstadt hängt ein „Apartment“-Schild. Bei Booking und Airbnb ist die Auswahl groß, vom kleinen Studio bis zur ganzen Wohnung (50 bis 130 Euro). Die wenigen Hotels sind exorbitant teuer – bis auf das direkt am Dom mit zwar winzigen, aber picobello gepflegten Zimmern (DZ ab 72 bis 135 Euro im Juli/August).

Restaurant „Foša“: Romantisch in einem kleinen Hafen gelegen

Nicht verpassen

Das mit Gastro-Markt und japanischen Vorführungen findet 2019 erstmals im April statt. Im Sommer sind die klassischen Konzerte in der Kirche Sv. Donat mit spektakulärer Akustik ein Erlebnis.

Raus aus der Stadt

Für den schnellen Sprung ins Wasser finden sich einige Einstiege an der Promenade, schöne Kieselstrände liegen außerhalb bei den Vororten Borik und Diklo (Busverbindung). Mit seinem naturbelassenen, langen Sandstrand Sabunike nimmt das zauberhafte Städtchen Nin eine Sonderstellung ein – Sand ist selten an den dalmatinischen Küsten. Landeinwärts an der Lagune kann man an kleinen Tümpeln nach schwarzem Schlamm graben und sich als natürliches Peeling auf die Haut schmieren.

Die 16 Kilometer nach legt man mit dem Fahrrad flott über die (schmalen) Radwege an der Hauptstraße zurück, Moun­­­tain­biker finden küstennahe Trails (gute Bikes für 16 Euro/Tag sowie organisierte Ausflüge bei „“ in der Altstadt). Wer Zadar mal vom Meer aus sehen möchte, setzt in einer Viertelstunde mit der Fähre zur Insel Ugljan über, dort gibt es auch Badeplätze an der Promenade (hin und zurück 4 Euro). Für noch mehr Inselfeeling empfiehlt sich ein Ganztagesausflug per Schiff in den Nationalpark Kornaten (circa 50 Euro inklusive Mittagessen und Badestopps, etwa mit „“).

„Gruß an die Sonne“: Abendlicher LED-Lichtzauber


Info

Anreise

Mit , auch , und fliegen nonstop, etwa ab München oder Frankfurt. Shuttle zum Busbahnhof (ab dort 20 Minuten Fußmarsch oder Taxi zur Altstadt) alle 30 Minuten für 3,50 Euro.

Mehr im Web

Auskunft beim Tourismusbüro

 

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Über diesen Autor

Anja Keul

Anja Keul

Volontariat kurz nach dem Abitur, danach Redakteurin, dann freie Journalistin, um parallel Philosophie zu studieren – uff. Kurz vor ihrem 30. Geburtstag zog Anja aber die Bremse, um erst einmal ein halbes Jahr um die Welt zu reisen und in Mexiko hängen zu bleiben. Als Kulturressortleiterin bei „Cosmopolitan“ und Journalismus-Dozentin ging es danach zwar weiter, aber irgendwie schlichen sich immer mehr Reisegeschichten in ihre Arbeit. Deshalb machte sie sich als freie Reise-Autorin und Entwicklerin von (Reise)-Magazinen selbstständig. Besonders gern fährt sie in spanischsprachige Länder, weil sie die Sprache und ihre Variationen mag – von der iberischen Halbinsel über Kuba bis Argentinien.