Länderberichte

Israel | Geheimtipp Akko

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Die Stadt Akko hoch im Norden von Israel ist zu Unrecht unbekannt. Sie hat eines der tollsten Hotels des Landes
zu bieten, jede Menge Orient-Flair, ein sensationelles Restaurant und viel Geschichte über und unter der Erde

Uri stützt seine Pranken auf die Schenkel. Er holt Luft, beugt den massiven Oberkörper vor: „Wer das macht, ist völlig bekloppt. So viel Geld für ein kleines Hotel auszugeben! Aber es gibt Schöneres und Wichtigeres im Leben als 1.000 oder 10.000 Schekel Dividende.“ Ich lasse eine Kakifrucht mit Rogen und Mascarpone auf der Zunge zergehen. Uri Jeremias sitzt mit uns in seinem Lokal „Uri Buri“ und erzählt von Akko und dem Projekt seines Lebens, „The Efendi Hotel“.

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Das mit dem Beklopptsein erklärt er so: „Acht Jahre haben wir an dem Hotel gearbeitet, sechs Millionen Euro hat mich das Ganze gekostet, macht eine halbe Million pro Zimmer! Planung, Untersuchungen und Vorbereitung dauerten drei Jahre. Aber das war es wert. Das ‚Efendi‘ wertet Akko auf und lockt interessante Gäste aus aller Welt in diese wunderbare Stadt.“

Uri liebt Seafood und kühne Pläne

Der Seafood-Pionier – „Meine Küche gilt überhaupt nicht als koscher!“ – ist landesweit bekannt, er war vor 25 Jahren der erste Gastronom Israels, der den Leuten Krabben, Aal, Austern, Hummer, Calamari, Muscheln und Langusten näherbrachte. „Alles Tiere, die keine Schuppen haben und somit nicht koscher sind.“

Das „Uri Buri“ ist ein shabby Laden in einem 400 Jahre alten Gebäude in Akkos Hafen. Der Putz bröckelt, man isst hinter trüben Scheiben an Holztischen. Kein Glamour, keine Show. Den Gästen ist kein Weg zu weit – da tafeln im „Uri Buri“ eitle Spesenritter aus der Banken- und Beraterbranche neben Touristen und Wissenschaftlern, die wegen des Kulturerbes der früheren Kreuzritter-Hauptstadt in Israels Norden kommen.

Nein, die Preise sind deshalb nicht abgehoben. Vorspeisen wie Sashimi mit Wasabi-Eis, oder Salmon Panko (Lachs in Nuri-Algen) kosten zehn bis 15 Euro, Hauptgerichte wie Crab Meat oder Seafood-Platte liegen bei 30 Euro. Uri hat unlängst einige Häuser weiter eine Eisdiele eröffnet. Das hausgemachte Eis im „Endomela“ erweist Orient-Ingredienzen wie Kardamom, Zimt, Minze oder Rose die Ehre.

 

Israels spannendstes Boutiquehotel

Der größte Coup des 69-Jährigen mit dem grauen Prophetenbart ist das Hotel „Efendi“. Der Palast wurde vor fast 400 Jahren für eine griechisch-orthodoxe Familie errichtet. Kunstvoll verzierte Decken, Marmorböden, eine sonnendurchflutete Winter-Loggia hinter Glas und eine offene Loggia mit Blick nach Norden und aufs Meer, dazu mächtige Kreuzgewölbe in der Lobby sowie im Speisezimmer. Die bis ins Detail originalgetreue Renovierung mit eigens hergestellten Farben dauerte acht Jahre, mit dabei waren Forscher und Kunstrestauratoren aus Italien.

Das  Hotel „Efendi“ öffnete vor drei Jahren. Zwölf Zimmer hat das Prachtstück, auf dessen Dachterrasse man der Welt entrückt zu sein scheint. Die holt einen, wenn man nach unten blickt, schnell auf den schäbigen Boden des Alltags zurück. Auf den Dächern Gerümpel, rostende Solaranlagen, wacklige Satellitenschüsseln sowie irr auf und ab rennende Hunde im Zwinger. Zur Gebetszeit fegt der Ruf des Muezzin über die Stadt, morgens um halb fünf in Begleitung jaulender Hunde und eines Gockels auf dem Nachbardach. Das „Efendi“ thront wie eine Raum-Zeit-Kapsel im orientalischen Leben, das laut ist und mitunter streng riecht. Draußen Chaos, drinnen ist es still, es duftet blumig, alles ist hell und adrett.

 

 

Die schönsten Gewölbe der unterirdischen Kreuzritterstadt Akkos findet man im Refektorium, dem früheren Speisesaal

Die schönsten Gewölbe der unterirdischen Kreuzritterstadt findet man im Refektorium, dem früheren Speisesaal

Parallelstadt unterm Kopfsteinpflaster

Akkos Wurzeln reichen bis in die Bronzezeit. Von Anbeginn profitiert es von seiner Lage an einer weitläufigen, geschützten Hafenbucht. Dies war zugleich ein Fluch für die Stadt, ebbte der Ansturm habgieriger Eroberer doch niemals ab. Die Kreuzritter eroberten Akko 1104 mit Hilfe der Genueser Flotte, die sich das kräftig vergolden ließ. 83 Jahre später verloren die Europäer die Stadt an die Muslime unter dem legendären Saladin. Nach der Rückeroberung 1191 herrschten die Tempelritter ein Jahrhundert über die Stadt und bauten ihre Hauptstadt mit massiven Befestigungsanlagen, vielen Kirchen und pompösen Hallen aus.

Die Mameluken jagten die letzten Kreuzritter 1291 aus der Stadt und legten Akko in Schutt und Asche. Der Ort versank in Bedeutungslosigkeit, bis Ahmad Basha, der den Beinamen al-Jazzâr (= der Schlächter) trug, über 450 Jahre später begann, die Stadt im Namen der Osmanen wiedererstehen zu lassen. Da er sich an den massiven Mauern und Fundamenten die Zähne ausbiss, beschloss er 1750, alle Bauten der Kreuzritter mit Sand und Schotter auf- und zuzuschütten und darauf seine neue Stadt zu bauen.

Wer heute durch die Gassen der Altstadt läuft, ahnt nicht, dass sich vier Meter unter dem Pflaster eine Parallelstadt erstreckt. Sie wird seit vielen Jahren freigelegt, Zigtausende Tonnen Schotter und Sand werden aus den gewaltigen Gewölben und Marktgassen, den Kirchen und Truppenlagern geschaufelt. Pascale, unsere Führerin, lacht, als wir fragen, wann alles ausgegraben und begehbar sein werde. „Unterlagen im Vatikan zeigen, dass wir aktuell keine fünf Prozent der Kreuzritterbauten freigelegt haben“, erzählt sie.

Unter dem Briten-Knast wartet das Ritterklo

Eine Etage über dem Burghof liegt das „Alcatraz des Nahen Ostens“. Im Innenhof der von den Osmanen gebauten Festung drehten unter britischer Herrschaft inhaftierte Aktivisten und Kämpfer der jüdischen Widerstandsgruppen ihre Runden. Einen Eindruck jener blutigen Jahre vermittelt das Underground Museum. Einige Meter tiefer und 800 Jahre früher trafen sich die Kreuzritter zum Festessen im Refektorium und auf dem Gemeinschaftsklo.

Die Moschee über der Kreuzritterstadt ließ Ahmad Basha al-Jazzâr zu seinen eigenen Ehren bauen. War doch er es, der Napoleon 1799 eine blutige Niederlage beschert hatte. Al-Jazzâr wurde als Christ im Kosovo geboren und versklavt. Nach der Ermordung seines Herrn konvertierte er zum Islam, um bei den Osmanen als Henker Karriere zu machen. „Er war bekannt für seine Grausamkeit, er hat vielen Untertanen oder Offizieren Nase, Ohren oder Hände abgeschnitten“, so unsere Fremdenführerin.

 

 

Im Badehaus "Hammam al-Ghattas" bekommt Reporter Peter Pfänder ein Abreibung verpasst

Im Badehaus „Hammam al-Ghattas“ bekommt Reporter Peter Pfänder ein Abreibung verpasst

Krönung des Tages: Abreibung im Hammam

Ein wichtiger Bau der Osmanen, die Karawanserei Khan al-Umdân, verfällt zusehends und ist nicht mehr zugänglich. Opfer zweier Spekulanten, die den Bau kaufen und zu einem Hotel umbauen wollten. Die Angelegenheit artete in einen jahrelangen Rechtsstreit aus, seitdem geht nichts voran. „Eine Geschichte, die so blöd ist, dass man es nicht glauben kann“, empört sich Uri Jeremias, ein Alptraum sei das Ganze.

Amil Ghattas, ein weißhaariger Mittsechziger, dagegen lebt seinen Traum. „Ich arbeitete 25 Jahre in Jerusalem als Mechaniker für Kompressoren – und habe immer davon geträumt, einen Hammam zu betreiben. Vor einigen Jahren habe ich dieses Haus hier gekauft, wir haben den Keller freigelegt und diesen Hammam hineingebaut.“ So wurde hinter den alten Mauern Akkos die Badehauskultur wiederbelebt.


 

 


INFO

Hotel-Tipps

: Traumhaft schöner Palast, kein Zimmer gleicht dem anderen. Das Premiumhaus liegt fünf Minuten von Basar, Kreuzritterstadt und Zitadelle. Einmalige Dachterrasse und sehr gutes Frühstück, das gemeinsam an einer langen Tafel unter einem 400 Jahre alten Gewölbe eingenommen wird. Offiziell kostet das DZ/F im Efendi um die 360 Euro, mit etwas Glück und während der Woche bekommt man etwa über Booking.com ein DZ/F schon ab 160 Euro.

Akko Knights Youth Hos Riesengroßer Bau mit 75 Zimmern in der Altstadt und mit 110 Dollar für das DZ/F eine gute Alternative zum überteuerten, dunklen und engen „Akkotel“ in der Stadtmauer ist diese moderne Jugendherberge. Vom Dach aus hat man einen großartigen Blick, die Zimmer sind spröde-zweckmäßig, Lobby und Restaurants schön gestaltet. Koschere Küche und kostenloses WLAN.


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Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von ABENTEUER UND REISEN liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.