Länderberichte

Südafrika | The Big Roaaaar!

Peter Pfänder
Geschrieben von Peter Pfänder

Sie träumen davon, einmal im Leben alle Big Five zu sehen? Dann haben wir einen Tipp. Im Sabi Sabi Private Game Reserve sind Sichtungen aller Big Five so häufig und intensiv wie kaum woanders. Zwei, drei Nächte in der extravaganten „Earth Lodge“ sind ein echtes „Once in a Lifetime“-Erlebnis

Was ist verrückter? Dieser Zugang zur „Earth Lodge“, der sich wie ein Schützengraben durch das Erdreich windet? Die Tatsache, dass wir bei der Abholung vom Flughafen Skukuza keine 200 Meter fahren, bis wir die ersten drei Löwenmännchen sehen? Oder das kleine Wunder, dass binnen 18 Stunden alle Big Five an uns vorbeigezogen sein werden? Und das oft auf Armeslänge. Nur möge man, so mahnt Ranger Lazarus, keine Gliedmaßen, auf deren weitere Verwendung Wert gelegt wird, aus dem Auto strecken. So ein exponierter Selfie-Arm werde schnell zum Take-away-Happen für Löwe oder Leopard. „Bleibt unbedingt sitzen! Nicht aufrichten!“, rät uns Lazarus.

Big Five in fünf Stunden

Erster Morgen in der „Earth Lodge“ des Sabi Sabi Private Game Reserve. Zum Frühstück um 9 Uhr sind die Big Five „abgehakt“, nach fünf Stunden Game Drive am Vorabend und frühen Morgen. Und wir sehen dabei nicht nur ein Breitmaulnashorn (White Rhino). Nein, es sind zwei, drei, fünf Nashornkühe nebst Nachwuchs. Sowie zwei kapitale Bullen. Wir sehen Büffel in Massen, fünf Löwenmänn­chen und elf Löwinnen plus Nachwuchs. Acht oder neun Elefanten und einen Leopard. Eine unglaubliche Bilanz für den ersten Safari-Tag!

Den Adrenalinspiegel jagt bei der abendlichen Exkursion am Ankunftstag eine Truppe Löwinnen in eine Höhe, die bis nach Mitternacht nicht an Schlaf denken ließ. Zunächst drei Löwinnen pirschen sich in der Dämmerung an eine große Büffelherde heran. Schlagartig beginnt eine wilde Hatz über 200, 300 Meter.

Als die vermeintlich hirnlos-panisch in einer dichten Wolke aus Staub davonstürmende Meute die Hilferufe jenes Tieres hört, in dessen Hinterteil sich eine Löwin verbissen und verkrallt hat, machen die schweren Tiere blitzartig kehrt und gehen zum Gegenangriff über. Der Boden des Buschs zittert unter dem Getrampel von Dutzenden Tonnen an Muskelmasse. Die Löwin lässt ab – die Rotte bleibt hungrig. Was für ein Spektakel!

Der Leopard ist nach Tiger, Löwe und Jaguar die viertgrößte Großkatze

Leoparden-Honeymoon

Fast rauschhaft ist unsere Begeisterung, als zwei Tage später keine zehn Meter neben unserem Wagen ein Leopardenpaar seine Paarungsorgie beginnt. Das Weibchen drängt das Männchen geradezu aggressiv, es zu besteigen. Lautes, sonores und markerschütternd tiefes Knurren, ein paar Stöße – und vorbei ist die Nummer.

Leoparden bei der Paarung – keine zehn Meter vor unserem Wagen

Per Nackenbiss fixiert das Männchen das fauchende Weibchen, als es seinen Penis zurückzieht. Das schmerze, denn die Eichel ist, wie bei Katzen und Löwen, mit einer Art Widerha­ken ausgestattet, und diese Penisstacheln sorgen erst für die Ovulation, erklärt uns Lazarus.

Abendstimmung am offenen Restaurant- und Barbereich der „Sabi Sabi Earth Lodge“

Die Kopulationen werden von Mal zu Mal kürzer, meist ist das Ganze nach fünf Sekunden vorbei. Ermattet und schwer atmend lässt sich das Männchen dann auf die Seite ins Gras fallen, das Weibchen ebenfalls. Nach wenigen Minuten fordert sie ihn wieder heraus. „So geht das den lieben langen Tag beim Leoparden-Honeymoon“, lacht Lazarus. „Bis zu 50-mal am Tag paaren sich die Tiere, und das geht gut eine Woche lang so.“ Wenn alles gut lief, sollte der Ende letzten Jahres zwölf Leoparden umfassende Bestand im Sabi Sabi Game Reserve im März diesen Jahres Verstärkung bekommen haben.

Ein Fünftel der Big Five: Afrikanischer Büffel

Fremdlöwen willkommen!

In Reserves wie Sabi Sands geht es deutlich ruhiger zu als im Kruger National Park, in dem Touristen in ihren Pkws durch die Gegend fahren. Auf freigege­benen Straßen und Pisten, aber nie offroad, was nur in den privaten Reservaten erlaubt ist. Nur so kommt man den Tieren so nahe, dass das Fernglas in der Tasche bleiben kann oder ein kleines Opernglas genügt. Offenbar streifen Löwe, Leopard und Nashorn lieber dort durch den Busch, wo es weniger wild zugeht. Prinzipiell aber stören laufende Motoren und der Geruch von Autos die Großkatzen, Büffel und Nashörner nicht.

Grenzenlos geht es von Sabi Sands aus nicht nur durch den 20.000 Quadratkilometer großen (so groß wie Israel) Kruger National Park und von dort über die offene Grenze in Mosambiks Limpopo National Park und in Simbabwes Gonarezhou National Park weiter, sondern – mangels Zäunen – auch direkt auf das Areal der „Earth Lodge“.

Löwen oder Leoparden erlegen immer wieder mal vor dem Restaurant oder vor einer der Suiten ein Tier und futtern es gemütlich über Stunden hinweg, um dann in einen Verdauungshalbschlaf zu verfal­len, den man als zweibeiniger Safarigast auf dem Weg zum Lunch besser nicht stört. Und potenzielle „Zaungäste“ gibt es viele. Tracker Louis spricht beim Game Walk von „70 Säugetierarten, 300 Vogelarten, 55 Reptilien- und 28 Froscharten sowie 140 Baumarten“, die auf dem Gelände der früheren Farm wie­der heimisch seien.

Stylishes Safari-Design in der „Sabi Sabi Earth Lodge“

Bluttaten im afrikanischen Busch

Verglichen mit den 35.000 Quadratkilometern des Great Limpopo Transfrontier Park ist das Gebiet des Sabi Sands Game Reserve winzig: 650 Quadratkilometer, das darin integrierte Sabi Sabi Private Game Reserve zählt „nur“ 60 Quadratkilometer. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man nur an wenigen Orten Afrikas eine so gute Chance hat, in zwei, drei Safaritagen die Big Five zu sichten wie im Sabi Sands. Während unseres Besuchs haben die Ranger sogar frische Spuren eines Spitzmaulnashorns ausgemacht. Das ist eine kleine Sensation.

Seit Jahren ist die Wilderer-Problematik in Afrika schlimmer als je zuvor. Zwei Nashörner am Tag werden allein im Kruger National Park ermordet, 2016 waren es dort 662 Tiere, erzählt uns Ranger Lazarus. In Südafrika fielen mehr als 1.050 Nashörner den „poachers“ zum Opfer, während es zehn Jahre zuvor 30 bis 50 Tiere pro Jahr waren. Und jährlich über 60 südafrikanische Elefanten zahlen für Asiens Gier nach Elfenbein mit dem Leben. Im Sabi Sands Game Reserve sei, nicht zuletzt durch den Einsatz schwer bewaffneter Truppen in den letzten vier Jahren kein Fall von schwerer Wilderei vorgekommen, versichert Louis, der Tracker.

Elefant in meinem Pool

Die Schutztruppen von Sabi Sands machen auf jeden Fall einen guten Job. Und die Menschen in den Dörfern jenseits des Zauns haben in den 24 Lodges sichere und relativ gut bezahlte Jobs. Es liegt in ihrem ureigensten Interesse, dass die Wilderer nicht zum Schuss kommen. So sind die Dickhäuter im Sabi Sands Game Reserve recht unbeschwert unterwegs.

Tier mit Aussicht: Giraffen werden bis zu sechs Meter hoch

Da kommt es schon vor, dass das bei 40 Grad erfrischende Bad im privaten Pool vor der „Earth Lodge“-Suite sehr abrupt zu Ende geht, weil ein  Elefant aus dem Dickicht stapft, um seinen Durst genau dort zu löschen, wo zehn Sekunden zuvor der Reporter im Wasser planschte. Und immer wieder mal stapft ein Elefant auf das begrünte Dach des Hauptgebäudes und begutachtet gelassen durch das Oberlicht die Gäste beim Lunch.

Fressen. Pinkeln. Paaren

Auch die Rhinos sorgen für Erheiterung – nicht nur das Weibchen, das sich einen Meter neben der Piste genüsslich in einem Schlammloch wälzt. Kurios ist auch der Rhino-Bulle, der vor uns sein Revier markiert. Stapft ein paar Meter und verpasst der Umwelt eine meterweite Urinbrause mit nach hinten gerichtetem Penis, der an einen Duschkopf erinnert.

Auch dazu kann Lazarus Fakten beisteuern: „So ein Rhino pisst alle paar Meter, um sein Revier, das meist zehn bis zwanzig Quadratkilometer, manchmal aber doppelt so groß ist, zu markieren. An den Außengrenzen hat er Stellen, die er alle paar Tage mit frischem Kothaufen markiert, um Nebenbuhler und Revierkonkurrenten fernzuhalten.“

Wehe, ein fremder Bulle wagt es, dort ebenfalls seinen Haufen zu setzen. Dann mache sich der Revierchef auf seine Duftspur und suche notfalls den ganzen Tag. Stoßen die Kontrahenten aufeinander, könne es blutig zugehen. „Es gibt hier auch einen crazy Nashornbullen. Bei dem muss man aufpassen, der attackiert unsere Safarifahrzeuge. Die Tiere gehen mit bis zu 45 Stundenkilometer in den Angriff und wiegen bis zu dreieinhalb Tonnen – da bleibt kein Land Rover heil, glaub mir.“

Nach dem Game Drive unter die Outdoor-Dusche!

Design-Bunker: Bush Brutalism

Wer nach dem frühmorgendlichen Game Drive und dem Frühstück in der „Earth Lodge“ Bewegungsdrang verspürt, steuert das abseits gelegene Fitnesscenter mit großer Glasfront an. Nicht selten kann man dort während des Kardiotrainings Elefanten beobachten.

Die „Earth Lodge“ nach Entwürfen von Architekt Mohammed Hans sorgte bei ihrer Eröffnung 2001 für gespaltene Reaktionen. Diese Art von Bush Brutalism war und ist nicht jedermanns Sache. Mir gefällt gut, wie die Unterkünfte und öffentlichen Bereiche ins Erdreich hineingebaut wurden, ein wenig wie Hobbit-Häuser. Das Prinzip der Earth Lodges geht zurück auf die Indianer der großen Ebenen der USA, die ihre runden Behausungen vor über 2.000 Jahren in die Erde bauten.

360-Grad-Panorama vom Innern einer der Villen der "Earth Lodge"

Das Sabi Sabi Private Game Reserve wurde, so Stefan Schoeman, der General Manager aller vier Lodges, 1979 von Hilton und Jacqui Loon gegründet. Sie kauften die Farm Shaws, wo das heutige „Sabi Sabi Selati Camp“ steht und sich eine Haltestelle der Selati Railway befand, die Material und Arbeiter zu den Goldminen fuhr und später auch „Game Viewer“ durch die Gegend schaukelte. Im Lauf der Zeit kam immer mehr Farmland dazu, sodass das Reserve nun gut 60 Quadratkilometer umfasst.

Sabi Sabi Private Game Reserve hat als eines der ersten Safari-Unternehmen umliegende Communities eingebunden und sorgt dafür, dass die Menschen vor Ort vom Safari-Business profitieren, nicht zuletzt um den Anreiz zur Wilderei zu minimieren. Alle Game Drives werden von Rangern und Trackern der örtlichen Shangaan durchgeführt. Ein Großteil des 170-köpfigen Personals von Sabi Sabi kommt aus Orten in der Umgebung. Dort finanziert das Unternehmen auch Kinderbetreuuungs- und Bildungsangebote.

Von der Schwanz- bis zur Nasenspitze pure Power: Rhinos

Fluss-Schlamm als Wandputz

Anders als das „Selati Camp“ mit Reminiszenzen an die Ära des „Big White Hunter“ und die Tented Camps anderer Lodges schmiegen sich die Bauten der „Earth Lodge“ in den Hang, durch das Grau-Braun der Fassaden an die Natur angepasst.

„Sabi Sabi Earth Lodge“: Markanter Stil mit einem Hauch Brutalism

Auf die Betonwände des Hauptgebäudes und der Unterkünfte wurde eine Mischung aus Elephant Grass, Zement und Flussschlamm gespritzt. Die 13 Suiten liegen weit auseinander, Erd­wälle sorgen für Sichtschutz zwischen den Nach­barn. Alle haben einen kleinen Plunge-Pool, ein EnSuite-Badezimmer mit Glasfront und Außendusche.

Was Sie auf jeden Fall wagen sollten, ist ein mehrstündiger Bush Walk in Begleitung zweier Ranger. Da schlägt einem anfangs schnell bei jedem knickenden Ast oder Rascheln im Busch das Herz bis zum Hals – auch wenn sich der anpirschende Vierfüßler als Leguan entpuppt. Großkatzen machen da deut­lich weniger Geräusche.

Was blieb uns das Sabi Sabi Private Game Reserve nach vier Nächten schuldig? Nichts. Außer den faszinierenden Wild Dogs, die ich so gern wieder einmal beobachtet hätte.

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Info

Anreise

Nach Johannesburg in 10,5 Stunden mit , in knapp zwölf Stunden nach Kapstadt, Direktflüge auch mit . Mit schon ab 580 Euro nach Johannesburg, in der Business Class ab 2.500 Euro (via Istanbul, Resiezeit rund 15 Stunden). Weiter zum Flughafen Skukuza (Gateway zum Kruger NP) in knapp einer Stunde mit ab 280 Euro. Von dort eine Stunde Transfer zur „Earth Lodge“. Air Link verbindet auch Johannesburg und Kapstadt mit dem Kalahari-Gateway Upington (von Kapstadt hin und zurück ab 330 Euro)

Lodges


Das Sabi Sabi Private Game Reserve umfasst „Earth Lodge“, „Selati Camp“, die 25 Suiten große „Bush Lodge“ mit Kinderbetreuung sowie die kleine, charmante „Little Bush Lodge“ zu Preisen ab 795 Euro/Tag und Kopf inklusive VP und zwei Game Drives pro Tag. Unser Favorit als Alternative zur Earth Lodge (ab 1.450 Euro/Tag und Kopf) ist ganz klar die „Little Bush Lodge“ mit sechs Villen.


Übersicht über alle Lodges im Sabi Sands Game Reserve, einem Zusammenschluss von sechs kleineren Reserves mit 24 Lodges und Camps zu Preisen von 400 Euro bis 1.800 Euro/Tag und Kopf (jeweils inklusive zwei Game Drives und VP)

 


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Über diesen Autor

Peter Pfänder

Peter Pfänder

Leidet an chronischem Fernweh, seit er 15 ist. Härtester Therapieversuch: eine 10.000-Kilometer-Radtour rund ums Mittelmeer im Alleingang im Jahr 1985. Die „itchy feet“ führten ihn während des Studiums (Politologie und Islamwissenschaften) in Tübingen und Damaskus immer wieder in den Nahen Osten. Lebte viele Monate in Jemen, Syrien und Libanon. Arbeitete als Gabelstaplerfahrer, freier Autor und Redakteur. Der Chefredakteur von „gambleinfo“ liebt fremde Ufer, spannende Großstädte weltweit und exotische Küchen. Entspannt am liebsten beim Schwimmen im See oder Meer, beim Stand-up-Paddling im Sommer wie im Winter, bei Mountainbike-Touren – und in der Sauna.