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Taipei 101 Run Up | 2.046 Stufen im Dauerlauf

Stefan Schlett
Geschrieben von Stefan Schlett

Stefan Schlett liebt das Extremabenteuer. Stellte deutsche Rekorde im Ultramarathon auf und durchquerte drei Kontinente im Wettkampf zu Fuß – Amerika,  Australien und Europa. Jetzt hat er sich einem der weltgrößten Treppenläufe gestellt, dem „Taipei 101 Run Up“.

Noch 1.371 Treppen und 61 Stockwerke! Die anfängliche Euphorie ist schnell in Ernüchterung umgeschlagen und die anaerobe Belastung drückt erbarmungslos auf die Lungenflügel. Der Körper lechzt nach Sauerstoff. Am liebsten würde ich mir das Hemd vom Leib reißen! Während noch auf den ersten zehn Etagen im Sturmschritt jeweils 2-3 Stufen auf einmal genommen wurden, ist die Fortbewegung nun eher einem unrhythmischen Schleichen gewichen. Stufe für Stufe kämpft sich der müde Body durch die vertikale Arena nach oben.

Anaerober Exzess

Trotzdem kann ich die Masse der Läufer hinter mir lassen, es wird einsam im Treppenhaus. Zwischen dem 50. und 70. Stockwerk habe ich das Gefühl zu sterben und weiß bis heute noch nicht, wer mich wieder ins Leben zurückgeholt hat … Die finalen 89 Höhenmeter und 472 Stufen werden zu einem anaeroben Exzess. Wo ist der Sauerstoff? Ist das ein luftleerer Raum? Egal, auch ein vertikaler Höllentrip hat irgendwann ein Ende. Nach 16 Minuten und 19 Sekunden ist das fünfthöchste Gebäude der Welt erobert. 28. Gesamtplatz – Bingo!

Rekorde, wohin man blickt

Wie ein gigantischer Bambus ragt der aus der Betonsilhouette der von farnbewachsenen Vulkanhügeln eingerahmten taiwanesischen Hauptstadt und ist eines der tollkühnsten Projekte der Architekturgeschichte. Sämtliche umliegenden Gebäude sind mindestens 250 Meter niedriger! Dem Topmanager Hong-Ming Lin gelang es 1997 als oberstem Bauherrn des Taipei 101 die Finanzierungssumme von 1,5 Milliarden Euro in Rekordzeit von 48 Stunden aufzubringen!

Als der 508 Meter hohe Büroturm, in dem auf 200.000 Quadratmetern Bürofläche 10.000 Menschen arbeiten, nach siebenjähriger Bauzeit an Silvester 2004 eingeweiht wurde, war es das höchste Gebäude der Welt. Ein jadegrün verglaster, bambusförmiger Turm, benannt nach seinem Standort und der Anzahl seiner Stockwerke.

Bei seiner Einweihung 2004 war der "Taipeh 101" das höchste Gebäude der Welt, heute immer noch das fünfthöchste

Bei seiner Einweihung 2004 war der „Taipei 101“ das höchste Gebäude der Welt, heute immer noch das fünfthöchste

Heute liegt der Taipei 101 im Ranking der Supertürme noch auf dem 5. Platz, dafür findet hier seit 2005 jährlich ein einmaliges Event statt: der „Taipei 101 Run Up“, einer der größten Treppenläufe weltweit. Immer am ersten Sonntag im Mai erstürmen mehr als 4.000 Treppenathleten die 91 Stockwerke mit ihren 2.046 Stufen und 390 Höhenmetern bis zur Außenplattform.

Bereits bei der Premiere wurden die heute noch gültigen „Treppenrekorde“ aufgestellt: Der Australier Paul Crake eroberte das Monster aus 107.000 Tonnen Stahl und 242.852 Kubikmeter Beton in zehn Minuten und 29 Sekunden. Andrea Mayr aus Österreich kam mit einer Zeit von 12:38 Minuten an – Damenrekord. Thomas Dold, Deutschlands erfolgreichster Treppenläufer, siegte hier 2008, 2009 und 2011 jeweils mit famosen 11er-Zeiten.

Läufer aus 32 Nationen

Als am 1. April 2016 die Meldeplattform für die maximal 4.500 Teilnehmer eröffnet wurde, war das Event innerhalb von einer Stunde ausgebucht! Während der 1. Mai weltweit mit Aufmärschen und schwungvollen Reden gefeiert wurde, zelebrierten in der taiwanesischen Hauptstadt Tausende von Ausdauersportlern aus 32 Ländern ihren ganz speziellen „Tag der Arbeit“. Die Elite wurde im Abstand von 30 Sekunden in die Monotonie des Treppenhauses entlassen, das restliche Feld folgte in Zwei-Sekunden-Intervallen.

Neben den Einzelläufern gab es noch ein Staffelrennen, bei dem sich 20 Treppenläufer die gesamte Strecke teilten. Im Jahre 2012 hüpfte ein einbeiniger Athlet ohne Krücken (!) und unter zu Hilfenahme seiner Arme in 40 ½ Minuten die Treppe hoch. Noch spektakulärer war das Ergebnis eines 97-jährigen ehemaligen taiwanesischen Soldaten vor zwei Jahren. Nachdem ihm die Organisation zuerst keine Startgenehmigung erteilte, setzte er sich hartnäckig durch und erstürmte, begleitet von einem Arzt, der eine Sauerstoffflasche mittrug, den Tower in einer Stunde und 23 Minuten. Die Presse drehte fast durch und machte dieses Ereignis zur Topstory des Monats!

Höher, immer höher!

Treppenläufe, die sich weltweit steigender Beliebtheit erfreuen, sind das ultimative urbane Abenteuer in der Vertikalen. Und nicht nur für Sportler gedacht, denen ebenerdig nicht mehr genug ist oder bei denen es geradeaus nicht so gut läuft. Treppenrennen sind die effektivste Trainingsmethode. In kurzer Zeit ist der Puls auf Anschlag, ohne dass der Bewegungsapparat orthopädisch stark belastet wird. Sozusagen ein Herz-Kreislauftraining erster Klasse.

Allerdings auch ein nicht enden wollender anaerober Exzess mit dem in geschlossenen Gebäuden typischen Sauerstoffmangel und anschließenden Laktatwerten im Rekordbereich. Einzige Abwechslung in der äußerst sterilen Welt der Treppenhäuser, die außerhalb solcher Rennen nicht zugänglich und somit quasi Terra Incognita sind, ist eine Wasserstation nach jeweils zehn Etagen. Hier freuten sich junge taiwanische Helferinnen mit ihrem reizenden Lächeln auf jedes Lebenszeichen der oftmals halb im Delirium und mit Schnappatmung vorbeihechelnden Treppenathleten.

So sehn Sieger aus!

So sehn Sieger aus!

1.000 Euro für den Gewinner

Die diesjährigen Treppenkönige kamen aus Kolumbien (Frank Carreno – 11:47,24 Minuten) und Australien (Alice McNamara – 14:23,91 Minuten), die für ihren Kampfeinsatz jeweils 38.000 Taiwan-Dollar (rund 1.000 Euro) erhielten. Medienstar war der Bürgermeister von Taipei, Ko Wen-je, der mit 38:41 Minuten seine Vorjahreszeit (45:54 Min.) deutlich unterbot. Auch der Manager des Taipei 101, Joseph Te-yu Chou, ließ sich nicht lumpen und erstürmte „seinen“ Tower in 27:42 Minuten. Hinter dem Italiener Emanuele Manzi (11:56,12 Min.) erreichte der deutsche Treppenlauf-Profi Heimann Görge mit 13:00,61 Minuten den dritten Platz. Der Kölner erzielte erst im Februar diesen Jahres einen 5. Platz beim Empire State Building Run Up in New York, der Mutter aller Treppenläufe.

Infos

Mehr Infos zum „Taipei 101 Run Up“ gibt es auf der Website des . Informationen zu den weltweit mehr als 200 Treppenläufen bietet die , Infos zu Taiwan das .



Über diesen Autor

Stefan Schlett

Stefan Schlett

Der 1962 geborene Franke liebt das Extremabenteuer. Als einer von nur zwei Menschen durchquerte er drei Kontinente im Wettkampf zu Fuß – Europa, Australien und Amerika. Im Ultramarathon von 1.000 Kilometern bis 1.3000 Meilen stellte er deutsche Rekorde auf, bei der Premiere im Decatriathlon (10-fache Ironman-Distanz) belegte er Platz twei. Noch Fragen?

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