Länderberichte

Trentino | Alpen in Dur und Moll

Geschrieben von My Gastautor

„I Suoni delle Dolomiti“  (Klänge der Dolomiten) heißt das Trentiner Festival, bei dem jedes Jahr Konzerte unter freiem Berghimmel aufgeführt werden. Angelika Jakob wanderte drei Tage mit Star-Cellist Mario Brunello.

Nebel verschluckt das Tal und den Ausgang des letzten Tunnels der Strada delle 52 Galerie. Fünf Musiker, vier Bergführer, ein Historiker und 50 ebenso musik- wie bergbegeisterte Wanderer haben 1.100 Höhenmeter durch 52 meist stockfinstere Tunnel und über schmale Wege überwunden. Später hocken alle dicht gedrängt im Aufenthaltsraum des „Rifugio Achille Papa“, 1.928 Meter hoch in den Vizentiner Alpen. Keiner flüstert, keiner hüstelt, kein Glas klirrt…

Italien, Trentino, Pasubio, I Suoni delle Dolomiti mit Mario Brunello und dem Signum Quartett.

I Suoni delle Dolomiti hatte 2014 den Cellisten Mario Brunello und das Signum Saxophone Quartett zu Gast: Erste Station ist das „Rifugio Achille Papa“ auf 1.928 Meter Höhe

Italien, Trentino, Pasubio, I Suoni delle Dolomiti mit Mario Brunello und dem Signum Quartett.

Mario Brunello und die vier jungen Bläser des Signum Saxophone Quartett: „Draußen musst du deinen eigenen Klang erschaffen und darauf vertrauen, dass der den Platz ausfüllt.“

Töne, die man hier oben nicht erwartet, füllen den kleinen, holzgetäfelten Raum. Der Cellist Mario Brunello, Welt-Star in Fleecejacke, streicht voller Hingabe über die Saiten. Die vier jungen Bläser des Kölner Signum Saxophone Quartetts ergänzen kongenial die Cello-Partitur. Blaž Kemperle lässt sein Sopransaxofon singen, David Brand zieht eine weiche Basslinie mit dem Baritonsaxofon darunter. Erik Nestlers Altsaxofon klingt wie eine klagende Geige, während Tenorsaxofonist Alan Lužar auf seinen Einsatz wartet. Sie spielen Il Tramonto, ein Poem von Respighi, im Jahr 1914 für Mezzosopran und Streichquartett ersonnen, von den Kölnern für Saxofon und Cello umgeschrieben.

Cello und Bläser statt Hütten-Rumstata

Brunello unterbricht. „Stell dir vor, dass diese Frau vor Trauer ganz außer sich ist. Du musst nicht laut spielen, aber versuche, mehr Gefühl hineinzulegen. Ihr Geliebter ist tot.“ Kemperle nickt. Drei Takte zurück und von vorne. Das Sopran klingt nun wirklich inbrünstiger. So geht das über eine Stunde. Brunello unterbricht, beschreibt die Klänge, die er hören will, und die Bläser setzen das um. Die Wanderer sind fasziniert und beglückt, mit anhören zu dürfen, wie internationale Stars der Klassikszene sich ein Stück erarbeiten.

Weltstars in Bergstiefeln

Brunello und das Signum Saxophone Quartett sind nicht die einzigen renommierten Musiker, die das Trentiner Tourismusbüro zu den „Suoni delle Dolomiti“ eingeladen hat. Das Programmheft ist prall gefüllt mit Musikern, die in den Sommermonaten am Rande malerischer Bergseen, auf Blumenwiesen oder steinernen Hochplateaus spielen. Bei Sonnenaufgang oder gegen Abend, wenn die Spitzen der Berge in dem berühmten Dolomitenrot erglühen.

Brunello engagiert sich seit 20 Jahren für das Festival. „Im ersten Jahr kamen vielleicht 20 Leute“, sagt er, „jetzt sind es Tausende. Es hat sich schnell herumgesprochen, welch eine unglaubliche Stimmung wir mit der Musik unter freiem Himmel erzeugen. Klassische Musiker wollen die beste Akustik haben. Draußen kannst du das vergessen, du musst deinen eigenen Klang erschaffen und darauf vertrauen, dass der den Platz ausfüllt.“

Die Konzerte von Jazz über Klassik bis Weltmusik feiern an verschiedenen Orten die Berge, die Natur, die Musik und das Leben. Doch da sind auch die Toten. Gerade hier. An die soll die dreitägige Wanderung über den Pasubio erinnern. 1915 und 1916 hatte der Stellungskrieg zwischen Österreich-Ungarn und Italien oben in den Bergen einen traurigen Höhepunkt erreicht: 13.000 Männer starben auf dem felsigen Hochplateau des Pasubio.

 

Italien, Trentino, Pasubio, I Suoni delle Dolomiti mit Mario Brunello und dem Signum Quartett.

Star-Cellist Mario Brunello schleppt sein wertvolles Cello aus dem 17. Jahrhundert durch die Berge: „Ich brauche das hier, ich muss ab und zu in die spezielle Stille der Berge eintauchen.“

Auftritt im Bombenkrater

300 Höhenmeter sind es vom „Achille Papa“ bis zur Zona Sacra, wo sich die entsetzliche Schlacht zugetragen hat. Ein paar Gämsen hüpfen über die Hänge, Enziane strahlen dunkelblau, ein Mitwanderer findet tatsächlich einen kleinen Buschen Edelweiß. Einer der Bergführer puhlt einen rostigen Nagel aus der festgetretenen Erde des Weges. „Der stammt von den Stiefeln der Soldaten, ist also über 100 Jahre alt.“ Auf dem Hochplateau zwischen Dente Italiano und Dente Austriaco, dem italienischen und dem österreichischem „Zahn“, ziehen Wolken auf. Der Wind weht schneidend.

Hier gibt es keine Vegetation mehr. Brunello wandert zwischen den steinernen Resten des Gemetzels herum und sucht nach einem Platz, wo er und die Saxofonisten ihr nächstes Konzert geben werden. Rot leuchtet der Cello-Koffer, den er auf dem Rücken trägt in dem grauen Gemisch von Felsen, Stellungen und Wolken.
Die Trekkinggruppe sitzt und steht am Rand des Bombenkraters und lauscht. Kompositionen von Strawinsky und Grieg füllen das kegelförmige Loch und dann fliegen die wehmütigen Töne über die Köpfe der Leute. Auf dem Plateau werden sie vom Wind fortgetragen und vermischen sich mit den Nebelfetzen. Später werden alle ihre Salamibrote und Äpfel auspacken, doch die Stimmung bleibt gedämpft.

Konzert mit Hund und Kegel

Der Abstieg zum „Rifugio Lanza“ zieht sich gemächlich an der Flanke des Pasubio hin, Latschenkiefern duften, rote, blaue und gelbe Blümchen schmücken die Wegränder und spenden Trost nach der nackten, steinernen Welt weiter oben. Die vom Krieg zerstörte Zona Sacra bleibt hinter uns.

Zum Abschlusskonzert auf der Wiese vor dem Rifugio kommen am Tag darauf Hunderte. Vom Parkplatz im Tal haben sie eine gute Stunde Aufstieg. Kleine Kinder, Hunde, Brotzeitkörbe, Sonnencreme und Picknickdecken – nichts davon würde in einen Konzertsaal passen. Maddalena, Gioia und Elisabetta von den Brunello-Trekkers genießen die Atmosphäre. „Die Musik weckt viel stärkere Gefühle in uns, wenn wir auf einer Wiese liegen dürfen und über uns der blaue Himmel strahlt. Das Wichtigste ist allerdings,dass wir zuvor drei Tage lang zusammen gewandert sind und uns gemeinsam angestrengt haben.“


 

INFO

Die kostenlosen Veranstaltungen von „“, die alljährlich zwischen Juni und August stattfinden und zu denen Musiker und Zuhörer gemeinsam wandern, finden auf Almen und Gipfeln der Trentiner Dolomiten, westlich und östlich der Etsch, statt.


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